Samstag, 17. Mai 2025

Einfach nur so Samstag - Isabels Tagebuch

Komisch, ich war mir so sicher, daß ich schon mal über Isabels Tagebuch geschrieben habe. Ich kann den Post regelrecht vor mir sehen. Vielleicht wollte ich ja immer darüber schreiben und habe es dann vergessen, was seltsam ist, weil Isabels Tagebuch immer gut sichtbar bei mir steht und ich es im Vorbeigehen immer anschaue.
Dank eines Kommentars auf meinem englischen Blog zum Post über die Rose wurde ich wieder daran erinnert, darüber zu schreiben.

Wer Isabel ist, möchtet ihr wissen? Und warum ich ihr Tagebuch habe, ich neugierige Person ich? Nun, ich würde es auch gern wissen. Also wer sie war, meine ich.

Isabel ist eines dieser Geheimnisse, von dem ich immer wieder mal leicht besessen war.
Ich stieß auf einem fantastischen Flohmarkt in Marin County auf sie, vor vielen, vielen Jahren (der, auf dem ich auch meine geliebte Melone kaufte). Es ist erstaunlich, wie klar die Erinnerung an den Stand in meinem Kopf noch ist. Ich war mir nicht mal sicher, ob ich das hier zum Nostalgie- statt zu einem Einfach nur so Samstag-Post hätte machen sollen.



Ich wurde von dem wunderschönen Ledereinband und dem Goldschnitt angelockt, ohne auch nur mehr als einen kurzen Blick in das zu werfen, was ich einfach für einen Kalender hielt.
Erst nachdem ich es gekauft hatte - ich meine mich zu erinnern, daß ich nicht sehr viel bezahlt habe - schaute ich es mir genauer an, während ich den Weg hinunterlief, und stellte fest, daß es sich tatsächlich um ein Tagebuch handelte, obwohl ich wirklich glaube, daß es eigentlich als Kalender gedacht war.
(Und schaut doch, in Deutschland gedruckt und dahin kehrte es nach 66 Jahren zurück!)


So sieht es innen aus.
Das Buch ist nach Tagen geordnet und jeder davon hat fünf Abschnitte, einen für jedes Jahr, nicht gerade große wie für ein Tagebuch, sondern für Termine und kurze Notizen.
Isabel tat ihr Bestes, um hinzuquetschen, was ihr wichtig war, aber wie das mit Tagebüchern eben manchmal so passiert, ließ sie eine Menge Seiten komplett leer.
Sie fing Weihnachten 1932 an, hörte am 20. April 1933 auf (die letzten paar Tage stand nur noch "Liebes Tagebuch" drin), und endete mit vier Einträgen im September und zwei weiteren am 5. November. Diese letzten waren wirklich interessant. Ihr werdet es sehen.


Während der Corona-Einschränkungen fingen andere an zu backen, ihre Sauerteig-Starter zu füttern, zu kochen, zu basteln, sich Haustiere zu holen.
Ich verbrachte einiges an Zeit damit, alle Einträge von Isabel in eine Textdatei zu abzuschreiben - mit allen Abkürzen, Schreibfehlern und verwirrenden Wörtern oder Namen - und fügte Informationen hinzu, wenn ich welche finden konnte. Ich nervte sogar einen Auskunftsbibliothekar in San Francisco, um in einem Fall etwas herauszubekommen (aber ach, kein Hilfsangebot, was ich etwas enttäuschend fand, er wies nur auf Quellen hin, die ich selber schon in meiner Anfrage aufgeführt hatte, aber auf die ich nicht zugreifen konnte). Ich habe keinen Zugang zu Ancestry oder Newspapers.com, also mußte ich mich an das halten, was leicht zugänglich war, aber dennoch fand ich das eine oder andere heraus.

Dies ist die Inschrift auf dem Titelblatt (übersetzt natürlich).

"Liebes Tagebuch: -

ich habe dich von Miss Esther W****** bekommen (sie hat den Namen natürlich ausgeschrieben), 125 Chestnut Ave., Naz. Pa. Du bist das erste in meinem Leben, mit Esthers Liebe werde ich bei dir das verstecken, was täglich geschieht.

Mit freundlichen Grüßen
Isabel"
Der erste Eintrag vom 1. Weihnachtstag 1932 erzählt uns, daß sie mit dem Stift schreibt, den sie von Ernest zu Weihnachten bekommen hat, und daß sie (da steht nicht wir, aber ich bin mir ziemlich sicher, daß sie das meint) einen schönen Heiligabend hatten, an dem sie das "Baltaberin" besuchten. Tatsächlich war das ein Club in San Francisco, der "Bal Tabarin" hieß (nach einem Nachtclub in Paris) und den es heute noch gibt, allerdings unter anderem Namen, seit er 1951 verkauft wurde.

An Silvester erfahren wird, daß Isabel für ein Ehepaar in Palo Alto City arbeitet, das zu der Zeit in seinen 60ern ist (ich habe sie im Zensus 1940 gefunden). Aus ihren Erzählungen würde ich schließen, daß sie das Dienstmädchen war, sie erwähnt auch eine Köchin und einen Chauffeur. Oft schreibt sie, wie müde sie ist und früh zu Bett gehen muß.
Das Haus, in dem sie wohnten, wurde 1931 gebaut und wird im Moment auf 10 bis 11 Millionen Dollar geschätzt. Was für ein Schnäppchen.

Eine willkürlich ausgewählte Seite

In den nächsten paar Monaten, die sie abdeckt, erzählt Isabel davon, daß Ernie oft zu Besuch kommt und mit ihr in Palo Alto ausgeht, manchmal fahren sie aber auch nach "Frisco". Sie erwähnt ein paar Shows, Filme und Bücher, aber auch, daß sie und Ernie zusammen daheim Puzzles legen. Tatsächlich taucht Ernies Name ganz schön oft auf.
Am 7. März 1933 wird Isabel 24 und "hoffe, daß die nächsten vierundzwanzig Jahre besser als die letzten werden, immer noch Single". Ich hoffe, die Dauerwelle, die ihr ihre Schwester (Marie? Gewöhnlich nennt sie sie Sis) spendiert hat, sie ein wenig aufgemuntert hat und auch das "große Bouquet mit Rosen, Nelken, + Freesien von - Ernie". Am nächsten Tag schreibt sie, daß sie einen schönen Geburtstag hatte, "wenn man die schweren Zeiten bedenkt".

Ich werde euch jetzt nicht das ganze Tagebuch herunterschreiben, obwohl es einige interessante Einträge gibt. (Wofür brauchte Louis die 100 Dollar, die er borgen wollte? Und war Louis ihr Bruder? Ich schweife ab, tut mir leid.) Immerhin sind es 16 Seiten (meine Notizen eingeschlossen).
Vielleicht seid ihr aber so neugierig wie ich es war. Bekam Isabel ihr Happy End?
Ja, meine Lieben, das bekam sie.
Am 2. September 1933 fuhren Sie und Mell, ihr Ehemann, sie nach Reno. "Sie sind echt tolle Menschen. Was für ein wunderschöner Sonnenaufgang, als wir uns in den Armen liegend auf dem Rücksitz erwachten." Aww.
Am nächsten Tag heirateten sie dort um halb elf Uhr morgens mit Sis und Mell als Trauzeugen, und Sis lud sie zu einem Hochzeitsfrühstück ins Riverside Hotel ein. Das Gebäude existiert noch, es ist jetzt aber kein Hotel und Casino mehr.
Am 10. gaben Sis und Mell für sie eine Hochzeitsparty (gut zu hören, daß er sich doch noch beteiligte, nachdem er das Frühstück anscheinend seiner Frau überließ
😋).
Das war es doch wert, von April bis September ohne Neuigkeiten geblieben zu sein, findet ihr nicht? Dennoch, wieviel Umwerben haben wir da verpaßt (was vermutlich so am besten war)?

In den letzten beiden Einträge erfahren wir, daß sie sich in San Francisco häuslich eingerichtet haben. Ich habe die Adresse in einem alten Telefonbuch gefunden, aber keine passenden Vornamen, die meine endlose Neugier auf ihren Nachnamen befriedigt hätten. Ich gebe aber bei der Hochzeit in Reno noch nicht auf. Es ist drei Jahre her, daß ich das letzte Mal nachgeforscht habe, und ich denke, ich werde irgendwann nochmal einen weiteren Versuch starten.
Sis und Mell waren die ersten Gäste in ihrer neuen Wohnung (und feierten am nächsten Tag ihren Hochzeitstag).

Vielleicht fragt ihr euch, warum ich überhaupt so interessiert an Isabel bin.
Es ist wie mit Ida im Rosen-Post. Ich habe jetzt eine Geschichte im Kopf und zwar eine viel detailliertere dank dieser paar Monate, die Isabel, wenn auch unfreiwillig, mit mir geteilt hat.
Ich wünschte, ich wäre Schriftstellerin und könnte mit dieser Geschichte etwas tun, aber selbst als Kind habe ich Geschichten nur in in meinem Kopf zu meinem eigenen Vergnügen "geschrieben" (mit sehr wenigen Ausnahmen), also soll das vielleicht eben so sein.

Ich sehe den Stift vor mit, den Ernie Isabel geschenkt hat, das Bouquet. Ich weiß aus einem Maklerangebot, wie das Haus aussieht, in dem sie gearbeitet hat (obwohl ich mir sicher bin, daß es nicht genauso ausgesehen hat wie jetzt
😉). Ich sehe diese zwei Turteltauben über einem Puzzle. Ich stelle mir vor, wie Isabels Zimmer bei der Arbeit ausgesehen hat. Ich sehe sogar Florence und Joe, die Köchin und den Chauffeur, und habe völlig grundlos eine vage Vorstellung von ihren Arbeitgebern. Schande über mich, wahrscheinlich habe ich schon alle in Schubladen gepackt.
Und nun frage ich mich, ob sie Kinder hatten und Enkel. Mußte Ernie in den Krieg ziehen? War das Leben schwer? Arbeiteten sie beide? Womit hat Ernie überhaupt seinen Lebensunterhalt verdient? Waren sie glücklich miteinander? Sie hatten sich erst ein Jahr lang gekannt und heirateten, nachdem sie einen Monat lang verlobt waren.
Ich hoffe wirklich, daß das Leben gut zu ihnen war. In meinem Kopf bekommen sie ein erfülltes Leben und Glück. Hoffnungslos romantisch.

Nun ja, und natürlich eine letzte Frage - wie landete Isabels Tagebuch auf einem Flohmarkt? Gibt es da draußen noch irgendjemanden, der sie kannte? Gut, das waren zwei letzte Fragen.
Natürlich habe ich mich wie eine Schnüfflerin gefühlt oder tu das auch jetzt noch, aber andererseits standen keine wirklich intimen Dinge in dem Tagebuch, das kann ich euch versichern, und ich war froh darüber, denn wahrscheinlich hätte ich mich dann richtig schuldig beim Lesen gefühlt. Trotzdem hätte ich es getan, wenn auch nicht so öffentlich geteilt.
Isabel, falls du auf mich herunterschaust oder was auch immer, ich hoffe, du vergibst mir, daß ich in deinen "täglichen Ereignissen" herumgewühlt habe, die du "verstecken" wolltest.


Ich weiß, es sieht sehr symbolisch aus, daß das Tagebuch offen ist -
oh, und übrigens ist der Schlüssel noch da, in einem winzigen Umschlag -
aber das ist reiner Zufall.

Donnerstag, 15. Mai 2025

Stummfilme - Die Abenteuer des Prinzen Achmed

Ist es möglich, daß ich bis jetzt noch keinen stummen Animationsfilm angeschaut habe? Von den alten, meine ich, denn natürlich sind viele Trickfilme auch heute noch stumm.
Filmhistoriker sehen übrigens "Fantasmagorie" von Émile Cohl als "die erste traditionelle Animation auf Standardfilm" an. Sie ist von 1908!

Gehen wir jetzt aber zum ersten abendfüllenden animierten Film über. Disneys "Schneewittchen", meint ihr? Nein, tut mir leid. Das würde nicht besonders gut zu meiner Stummfilmkategorie passen, oder?
Es ist
"Die Abenteuer des Prinzen Achmed" von 1926, geschrieben und unter der Regie von Lotte Reiniger, und ja, das ist tatsächlich der früheste abendfüllende Trickfilm, den es noch gibt (zwei frühere von Quirino Cristiani gelten als verschollen) und der mit Silhouetten in Scherenschnitt-Technik gemacht wurde. Diese spezielle Technik wurde von Reiniger erfunden und verwendet Silhouetten aus Pappe und dünnen Bleiplatten. Sie erinnert an Schattentheater, wie zum Beispiel das indonesische Wayang, erlaubt aber mehr Bewegung dadurch, daß die Silhouetten flach aufliegen.

Die Handlung (Vorsicht, Spoiler!), die in fünf Akten erzählt wird, ist eine freie Adaption von Motiven aus Tausendundeine Nacht, wobei das zentrale Thema die Liebesgeschichte von Prinz Achmed und Pari Banu (anderswo Peri Banu genannt) ist.

Akt 1.
Der afrikanische Zauberer erschafft ein fliegendes Pferd. Er präsentiert es zum Geburtstag des Kalifen, weigert sich aber, es für Geld zu verkaufen. Der Kalif bietet ihm freie Auswahl aus seinen Schätzen an und der Zauberer wählt seine Tochter Dinarsade. Als Dinarsades Bruder Achmed das zu verhindert versucht, überredet der Zauberer ihn, das fliegende Pferd auszuprobieren, sagt ihm aber nicht, wie er es wieder sinken lassen kann.
Also ergreifen die Männer des Kalifen den Zauberer und werfen ihn in den Kerker.


Akt 2.
Achmed findet den Hebel durch Zufall und landet auf der Zauberinsel Wak-Wak, über die die schöne Pari Banu herrscht.
Sie und ihre Gefährtinnen, in fliegende Federkostüme gekleidet, kommen an einen See, um zu baden, und werden von Achmed beobachtet, der dann ihr Kostüm wegnimmt und sie entführt. Das fliegende Pferd bringt sie nach China.
Dort sagt er ihr, daß er sie heiraten will, gibt ihr dann aber ihr Kostüm zurück, damit sie entscheiden kann, ob sie gehen möchte. Sie entscheidet sich dafür, ihm zu folgen.
Inzwischen ist der Zauberer, in eine Fledermaus verwandelt, dem Kerker des Kalifen entkommen, nachdem er beschworen hat, wo sein Pferd ist. Er stiehlt das Kostüm. Achmed fällt ihn ein tiefes Loch, als er ihm folgt.
Der Zauberer geht zu Pari Banu zurück und gibt vor, Achmed habe ihn geschickt, dann bringt er sie auf dem fliegenden Pferd weg.


Akt 3.
Der Zauberer verkauft Pari Banu an den Kaiser von China. Als sie ihn zurückweist, gibt er sie seinem Liebling, damit er sie tötet oder zur Frau nimmt.
Der Zauberer ist zu Achmed zurückgekehrt und bringt ihn auf einen Berg, wo er ihn unter einem Felsen einklemmt, damit er zurück kann, um sich Dinarsade zu holen. Im Flammenberg lebt jedoch eine Hexe, die Feindin des Zauberers, die Achmed Waffen und eine Rüstung gibt, damit er Pari Banu retten und die Dämonen von Wak-Wak besiegen kann. Es gelingt ihm, Pari Banu zu retten, aber die Dämonen holen sich ihre Herrscherin, von der sie sich verraten fühlen.
Achmed zwingt den letzten Dämon, ihn nach Wak-Wak zu fliegen, er kann das Tor dort aber nur öffnen, wenn er Aladins Lampe hat.


Akt 4.
Achmed rettet Aladin vor einem Monster, ist aber entsetzt zu hören, daß die Lampe weg ist.
Aladin erzählt ihm die Geschichte darüber, wie ein Fremder ihm Dinarsade zur Frau versprochen hat, wenn er die Lampe für ihn aus einer Höhle holt. Aladin wird zum Gefangenen in der Höhle, entdeckt aber schließlich die Magie der Lampe, die ihn nach Hause bringt und ihm ermöglicht, über Nacht einen Palast zu bauen. Der Kalif gibt ihm Dinarsade zur Frau, aber eines Tages sind sie, der Palast und die Lampe verschwunden, vom Zauberer geraubt, und Aladin soll hingerichtet werden. Er entkommt und landet in Wak-Wak, wo ihn Achmed gefunden hat.
Die Hexe erscheint und beschwört auf Wunsch von Achmed und Aladin den Zauberer, um mit ihm zu kämpfen. Sie verwandeln sich von einem Tier in das andere, bis die Hexe den Feind besiegt und tötet.


Akt 5.
Die Dämonen wollen Pari Banu zwingen, von einer Klippe zu springen. Aladin versucht, die Geister der Lampe freizusetzen, aber die Dämonen nehmen sie ihm ab. Die Hexe holt die Lampe zurück und setzt die guten Geister frei, damit sie gegen die Dämonen kämpfen.
Ein vielköpfiger Dämon schnappt sich Pari Banu und Achmed greift ihn an, indem er seine Köpfe abschlägt, die jedoch doppelt nachwachsen. Die Hexe benutzt die Lampe, um das zu verhindern.
Nach dem Sieg über die Dämonen kommt Aladins Palast durch die Lüfte gesegelt. Wie versprochen behält die Hexe die Lampe und verabschiedet sich, da sie jetzt ins "Land der Sterblichen" zurückreisen.
Aladin findet Dinarsae im Palast, der sie nach Hause bringt, wo der Kalif die glücklichen Paare willkommen heißt.


Anscheinend fanden manche diese Handlung sehr verwirrend, vor allem wenn sie die Zwischentitel nicht verstehen konnten. Es gibt zwar englische Version, auf YouTube aber nur ein Video mit Untertiteln, das gedehnt ist und dem außerdem die schöne Originalmusik von Wolfgang Zeller fehlt.
Ich habe den Film hier auf YouTube angeschaut.

Wie ihr euch vorstellen könnt - immerhin sind wir in den 20ern - gibt es orientalistische Klischees. Ich frage mich, wie man das heute vermeiden am besten vermeiden würde, ohne daß man das Projekt einfach ganz sausen läßt. Was denkt ihr?

Vielleicht würden sie das Thema genauer recherchieren, um die Kulturen angemessener zu porträtieren - es wurde zum Beispiel angemerkt, daß Pari Banus Kleidung in China eher an Indien erinnert - und sie würden vielleicht offensichtliche Stereotypen und übertriebene Darstellungen von Aussehen und Benehmen der Figuren vermeiden - etwas, das Reiniger tatsächlich in ihrem späteren Werk anerkannt hat.
Würde es aber Sinn machen, bei etwas, das so klar auf Tausendundeiner Nacht basiert, Nationalitäten komplett außen vor zu lassen? Oder nur ein paar davon? Die Geschichte in etwas völlig Neues verwandeln, nur mit Elementen aus den Geschichten, die sie inspiriert hat?

Hinter dem Film steckt jedoch mehr.
Zunächst ein bißchen über Lotte Reiniger. Sie war erst 23, als sie mit dem Film begann. Sie hatte Scherenschnitte gemacht, seit sie ein Kind gewesen war, und es muß großartig für ssie gewesen sein, dieses Projekt finanziert zu bekommen. Außerdem liebte sie Märchen und man kann noch viel mehr davon in ihrem Werk finden, auch europäische.
Ihre Ansichten waren sozialistisch, obwohl sie sie nicht so offen äußerte wie zum Beispiel ihr Mann Carl Koch, mit dem sie an den meisten ihrer Projekte arbeitete.
Ich habe zwei lange Artikel über "Die Abenteuer des Prinzen Achmed" gelesen, einen auf Deutsch von einer ehemaligen Professorin für Kunstgeschichte und
einen auf Englisch von einer Assistenzprofessorin für Literaturwissenschaft, die beide anmerken, wie Reiniger versucht hat, Diversität in einer träumerischen Märchenumgebung zu ermutigen, auch wenn das leider auf orientalistischen Stereotypen und Karikaturen beruhte. Die Stichworte sind Erotik, Homoerotik und "Female Empowerment" (Stärkung von Selbstbestimmung, Selbstbewußtsein und Unabhängigkeit von Frauen).

Um ehrlich zu sein, sind die Männer im Film nicht sehr liebenswert.
Als der Zauberer Dinarsade für das fliegende Pferd verlangt, greift nicht ihr Vater ein, sondern Achmed, der sich dann prompt von der Aussicht ablenken läßt, das Pferd zu fliegen. Dafür wird der Zauberer verhaftet, nicht wegen Dinarsade.
Der Kalif bleibt recht inaktiv.
Achmed ist ein Voyeur und Entführer.
Aladin bekommt Dinarsade wegen des Zauberpalasts.
Sprechen wir nicht mal über den chinesischen Kaiser und seinen Liebling.

Nachdem Achmed ihr das Federkostüm zurückgibt, entscheidet Pari Banu aus eigenem freien Willen, ihm zu folgen (es hätte den Film ziemlich abgekürzt, wenn sie ihn stattdessen getreten hätte und davongeflogen wäre). Sie weist den chinesischen Kaiser zurück und wehrt sich gegen ihn.
Am mächstigen jedoch ist natürlich die Hexe. Ohne sie wären sie alle ganz schön verloren gewesen.
Die arme Dinarsade bekommt gar keine Gelegenheit zu glänzen.

Was die Homoerotik betrifft, so kannte Reiniger viele homosexuelle Männer und Frauen aus Film und Theater in Berlin und zielte aktiv darauf ab, Homosexualität anderes darzustellen, wie es sonst zu dieser Zeit in Deutschland getan wurde, als etwas Beiläufiges und Natürliches.
Ich hatte keine Erwartungen, als ich den Film anschaute, und muß zugeben, daß ich zunächst überrascht von der Sinnlichkeit und Lust war, die den gesamten Film über gezeigt wurde, obwohl manches davon im Rahmen eines orientalistischen Klischees war.

Der Film war, als bekäme man einen Einblick von außen in eine Märchenwelt, was natürlich viel damit zu tun hatte, wie sich die Charaktere bewegten.
Obwohl ich zuerst ein Video angeschaut hatte, in dem Reiniger den Prozeß zeigte, erkannte ich dank dieser fließenden Bewegungen keine tatsächlichen Scherenschnitte im Film,
sondern Charaktere, nur auf mehr künstlerische und träumerische Weise als bei echten Menschen.
Natürlich halfen auch die Effekte sehr. Lichteffekte, Wasser, Feuer - es war sehr interessant, Reiniger darüber sprechen zu hören, wie manche dieser Effekte entstanden sind.

Es ist auf jeden ein Film, der es wert ist, gesehen zu werden, nicht nur wegen der Wirkung, die er hatte, auch wenn es natürlich toll ist zu wissen, daß eine so junge Frau zu den Pionieren der Animation gehört.


Quellen:
1. Die Abenteuer des Prinzen Achmed. Auf der Lotte Reiniger-Website
2. The Art of Lotte Reiniger, 1970 | From the Vaults (auf Englisch) Auf: Youtube - Kanal "The Met"
3. Im Gespräch mit Lotte Reiniger. Ausschnitte aus "Die Frau hinter den Schatten: Lotte Reiniger" von Brigitta Ashoff. 1980. Auf: YouTube - Channel "V.S.-Produktion"
4.
Barbara Lange: Die Abenteuer des Prinzen Achmed (1926). Ein cineastisches Experiment. In: Animationen: Lotte Reiniger im Kontext der Mediengeschichte. Tübingen 2012 (reflex: Tübinger Kunstgeschichte zum Bildwissen, Bd. 5)
5. Lilith Acadia: 'Lover of Shadows': Lotte Reiniger's Innovation, Orientalism, and Progressivism (auf Englisch). In: Oxford German Studies 50(2), 150 - 168 (nur über Lizenzzugang verfügbar)
6. Scott Nye: Scott Reviews Lotte Reiniger's The Adventures of Prince Achmed (auf Englisch). Auf: CriterionCast, September 27, 2013
7. Fritzi Kramer: The Adventures of Prince Achmed (1926) - A silent film review (auf Englisch). Auf: Movies Silently, October 13, 2013

Es tut mir leid, daß meine Quellen oft englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.

Samstag, 10. Mai 2025

10 am 10. - Würdest du lieber ...


Es ist Zeit für 10 am 10.!
Diesmal stellt uns Marsha ein paar "Würdest du lieber ..."-Fragen. Schauen wir mal, welche ich beantworten kann.


1. Würdest du lieber in einem Tiny House auf dem Land leben oder auf einem Boot auf einem Fluß oder See?

Um ehrlich zu sein, nichts von beidem. Ich bin äußerst klaustrophobisch und allein der Gedanke verursacht mir Gänsehaut.
Trotzdem bin ich von englischen Kanalbooten fasziniert, wenn ihr mich also dazu zwingt, wäre das, was ich wählen müßte.
 
Bild über pxhere

2. Wärst du lieber ein Charakter in einem Shakespeare-Stück oder in einer Stephen King-Verfilmung?

Das ist einfach. Auf jeden Fall Shakespeare, am liebsten eine der drei Hexen im schottischen Stück (ja, ich weiß, daß das hier ein Blog und kein Theater ist).
Das schottische Stück war ein Thema in meinem Englisch-Leistungskurs und sorgt daher immer für ein paar Erinnerungen.
Eine davon ist, wie unsere Englischlehrerin fragte, ob wir etwas für unser Abifest machen wollten.
Meine Freundin und ich meinten, wir würden die Hexenszene aufführen, aber nur wenn einer der anderen die dritte Hexe geben würde. Dieser eine war der Liebling unserer Lehrerin - das dachten nicht nur wir zwei - und er lehnte rundum ab. Wir meinten das gar nicht als Scherz, wir hätten es durchgezogen, was für jemanden wie mich hart gewesen wäre, weil ich nicht öffentlich sprechen will, aber hey, es sollte wohl nicht sein ...

Cavendish Morton, Public Domain über Wikimedia Commons

3. Wäre es dir lieber, wenn deine Küche voller schwarzer oder voller rosa Geräte wäre?

Schwarz, silber oder rot. Kein rosa bitte!

4. Wärst du lieber allergisch gegen Kuchen oder gegen Chips?

Chips. Die esse ich nicht sehr oft, aber ich würde definitiv nicht auf den Kokosnuß-Blechkuchen meiner Schwester verzichten wollen!

5. Hättest du lieber eine fünfminütige Unterhaltung mit deinem Ich aus der Vergangenheit oder aus der Zukunft?

Vergangenheit. Ich denke nicht, daß ich zu diesem Zeitpunkt irgendetwas über die Zukunft hören möchte.
 

6. Wärst du lieber reich oder berühmt?

Noch was Einfaches. Reich. Mit Geld kann man soviel Gutes tun. Ich würde so gern mehr spenden können.
Andererseits kann ich nicht gut mit Gruppen und schätze meine Privatsphäre, deshalb will ich an Berühmtheit nicht mal ansatzweise denken.

7. Würdest du lieber einen brandneuen großen Truck fahren oder ein leicht gebrauchtes kleines Auto?

Ich fahre gar nicht (ich habe mir nicht mal die Mühe gemacht, meinen alten Führerschein gegen einen aktuellen umzutauschen), aber mein Traum war immer ein altes VW-Käfer-Cabrio (das laut mehreren Leuten, meinen Ex eingeschlossen, eine Garage und seinen eigenen Mechaniker braucht).

Bild über pxhere

8. Würdest du lieber mit deinen Eltern zusammenwohnen oder mit deinen Kindern?

Ich habe keine Kinder außer pelzigen und mit denen wohne ich schon zusammen
😋
Ich würde nicht wieder mit meinen Eltern zusammenwohnen wollen. Gewöhnlich bin ich recht zufrieden damit, allein zu leben.

9. Hättest du lieber eine häßliche Tätowierung, wo sie jeder sehen kann, oder eine schöne, die niemand sehen kann?

Ich habe eine Tätowierung, die ich liebe. Sie ist auf meinem Bein und normalerweise sieht sie keiner komplett, weil ich selten etwas trage, das kurz genug dafür ist. Ich wollte es so, weil sie für mich ist.

10. Würdest du lieber ein Sandwich mit Erdnußbutter und Frühstücksfleisch (Spam) essen oder eins mit Erdbeergelee and Salatblättern?

Ich mag Erdnußbutter nicht und ich bin Vegetarierin. Ich bin auch kein großer Fan von Gelee, weil es mir gern vom Brot rutscht, ich ziehe Marmelade oder Konfitüre vor.
Auch wenn ich keine Vegetarierin wäre, würde ich aber immer Erdbeergelee und Salat wählen. Etwas, das ich früher nicht getan habe, in letzter Zeit aber öfter, ist bittere Orangenmarmelade und Käse zusammen zu essen und das schmeckt mir recht gut.
Salat würde den Erdbeergeschmack nicht verderben, glaube ich, sondern für etwas Frische sorgen.

Da habt ihr's, alle zehn geschafft!

Freitag, 9. Mai 2025

Tränendes Herz, die Fortsetzung

Ich habe mir das Bild des rosa Tränenden Herzens in meinem Frühlingspost nochmal angeschaut und da sprang es mich an - das Weiß, das unter dem Rosa herauslugt.

Warum hatte ich da nicht gleich dran gedacht? Ich hatte ein paar weiße Perlen und also kleine Mengen von klaren Perlen mit rose und lila Farbeinzug, vielleicht wäre das ja genug für einen Prototyp eines großen Herzens?
Überraschung!


Zum Schluß war noch eine lila Perle übrig!
Ich bin mit diesem größeren Versuch recht zufrieden, weil ich ein paar Dinge daraus gelernt habe.
Wenn ich die großen Perlen benutze, kann ich die Blütenblätter nicht so gut biegen wie im kleinen Herz und ich würde versuchen, das Herz unten etwas zu verlängern - bei den großen Perlen bekommt man keine so schöne Spitze - und den Tropfen etwas kleiner machen. Im Herz sollte außerdem weniger Weiß sein, das mußte ich aber so machen, weil ich so wenig rosa und lila hatte.

Hier ist ein Vergleich zwischen dem großen und dem kleinen Herzen.
Das kleine gefällt mir zunehmend besser und schließlich gibt es an einer Pflanze ja auch verschiedene Größen.


Und so ist dann klar, daß die Reise weitergeht ...

Donnerstag, 8. Mai 2025

Stummfilme - Ausgerechnet Wolkenkratzer oder der Luftikus

Ich habe schon erwähnt, daß mein Stummfilm"wissen" vor diesem Projekt hauptsächlich aus Schnipseln aus den Sketchshows bestand, die wir als Kinder angeschaut haben.
Einer dieser Schnipsel ist natürlich dieses Kultbild.


Wieviel Leute kennen aber den Film, aus dem es stammt? Ich kann mich nicht daran erinnern, ihn als Kind jemals komplett gesehen zu haben, obwohl ich Harold Lloyd immer lieber mochte als Charlie Chaplin oder Buster Keaton, auch wenn man ihn "The Third Genius" nennt, das dritte Genie, und sein Name heute weniger bekannt ist.
Vielleicht lag es ja einfach an meiner Oberflächlichkeit, weil ich ihn besseraussehend fand und weil er so normal schien, einfach ein Durchschnittstyp. Vielleicht ist der Grund, daß ich gern auf der Seite des Underdogs bin und er mir im Vergleich zu seinen anerkannteren Kollegen wie ein Underdog vorkam (obwohl ich das als Kind kaum schon gewußt haben kann). Wer weiß, vielleicht ist es auch alles zusammen.
Auf jeden Fall war es an der Zeit, Harold Lloyd anzuschauen, und ich fing mit "Ausgerechnet Wolkenkratzer oder der Luftikus" an.


Die Handlung (wie üblich mit Spoilern).
Harold verläßt seine Heimatstadt, um in die große Stadt zu gehen und dort erfolgreich genug zu werden, um sein Mädchen zu heiraten.
Das klappt nicht so recht, Harold verkauft Stoffe in einem Kaufhaus und teilt sich ein Zimmer mit seinem Freund "Limpy Bill", einem Hochhaus-Bauarbeiter, aber Mildred gegenüber kann er das nicht zugeben. Stattdessen versetzt er den Phonographen (Bills und seinen?), um ihr einen sehr hübschen Anhänger zu schicken, zu dem er sich die Kette noch nicht leisten kann.
Am Ende einer Schicht begegnet er einem Polizisten, den er von zu Hause kennt, und als Bill ihn abholt, sagt er ihm als Streich, er solle den Polizisten, der an einem Telefon steht, umschubsen, er würde das dann ausbügeln. Leider ist es inzwischen ein anderer Polizist und um ihm zu entkommen, klettert Bill ein Gebäude hinauf.

Nachdem Harold Mildred eine Kette geschickt hat, die ihn mehr als einen Wochenlohn gekostet hat, überzeugt Mildreds Mutter sie, nicht länger zu wrten und ihm die Stadt zu folgen.
Sie kommt am Kaufhaus an und nun muß Harold die Lüge über seinen Erfolg aufrechterhalten, vor allem als Mildred ihn neben dem Büro des Managers sieht und denkt, daß er der Manager ist.
Dann hört er zufällig, wie der Manager sagt, er würde 1000 $ für eine neue Idee zahlen, die Leute in den Laden bringt, und schlägt eine "menschliche Spinne" vor, die das 12-stöckige Gebäude, in dem der Laden ist, hochklettern, wobei er natürlich an Bill denkt, dem er die Hälfte des Geldes anbietet.

Der Tag des großen Stunts ist da, aber der Polizist hat die Ankündigung in der Zeitung gesehen, errät, daß Bill der geheimnisvolle Mann ist, und wartet am Startpunkt auf ihn.
Also sagt Bill, daß Harold die Kletterpartie anfangen soll und er dann weiter oben übernehmen wird, aber er kann den Polizisten einfach nicht loswerden, also klettert und klettert und klettert Harold von einem Hindernis zum anderen, Absätze, ein Seil, hungrige Tauben, eine Uhr ... bis er endlich das Dach erreicht, auf dem Mildred auf ihn wartet (die ihn übrigens kurz danach im echten Leben geheiratet hat).


Dieser Film scheint zwei Teile zu haben.
Da ist die Liebesgeschichte und der Arbeitsplatz, verbunden, als Harold versucht, die Wahrheit vor Mildred zu verstecken, und es gibt die letzten 20 Minuten, die voller Spannung sind und tatsächlich die Anfangsidee für den Film waren.
Lloyd hatte Bill Strother, der den Kumpel spielt, gesehen, als ein er hohes Gebäude erkletterte und fand, das würde eine gute Thrillszene abgeben, dann machten sie dazu die Einleitung.

Wie üblich sind die Kritiken geteilt.
Es gibt Leute, die finden, daß Lloyd einfach nicht witzig war, weil er nicht so inspiriert wie Chaplin und Keaton war, andere loben, daß er vielleicht kein natürlicher Komödiant war, aber einer wurde.
Ich weiß nicht, warum ich sie überhaupt vergleichen muß. Ist mir nicht gestattet, unterschiedliche Herangehensweisen zu genießen?
Also ich kann auf jeden Fall sagen, daß es im Film eine Menge witziger Szenen gab. Die Szene während des Jubliäumssonderverkaufs erinnerte mich zum Beispiel sehr n die ersten Tag unserer Sommer- und Winterschlußverkäufe (die ich immer vermieden habe). Mir gefielen die schnellen Reaktionen, die Harold zeigt, als er versucht zu verhindern, daß seine Lüge aufgedeckt wird, oder als er in einem Handtuchtransporter festhängt und sein Bestes tut, um wieder rechtzeitig zurück bei der Arbeit zu sein, damit er seine Stelle nicht verliert.
Die letzte Sequenz war nicht so sehr witzig wie aufregend und hat meine Aufmerksamkeit total gefesselt, obwohl ich natürlich wußte, daß er nicht wirklich auf ein 12-stöckiges Gebäude klettert.

Was uns zur Frage Nummer 1 bringt - wie haben sie das gemacht? Hat Lloyd seine eigenen Stunts gemacht? Was war der Trick? Wieder war ich von einigen Kommentaren überrascht. Es war, als dächten die Leute, die Tatsache, daß Lloyd "nur" höchstens drei Stockwerke hoch hing, sei Mogelei.
Ja, dann hatte er also Hilfe von Strother (für die Aufnahmen aus der Ferne) und von einem Zirkusartist (als er am Seil baumelt) und einem Stuntman. Schlaue Leute holen sich Hilfe von Leute, die auf etwas spezialisiert sind.
Außerdem hatte Lloyd tatsächlich Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand einige Jahre zuvor verloren, als sich eine Bombenattrappe für eine Fotositzung als echt herausstellte.

Es ist mir egal (auch wenn es interessant ist), welche Kamerawinkel sie benutzt haben oder ob sie statt des echten Gebäudes eine Plattform auf dem Gebäude gebaut haben anstatt das echte Gebäude selber zu verwenden und ich das außerdem vorher wußte, weil es so überzeugend war, daß ich trotzdem noch erschrak und es mir schwerfiel, manches davon anzuschauen.
Und übrigens, Luke Skywalker ist kein echter Jedi und Sindbad kämpfte nicht gegen echte Monster. Ich sag ja nur.
Ich habe den Film ohne Musik angeschaut (obwohl es auf YouTube eine Version mit Musik gibt, nämlich hier) und ich möchte gar nicht wissen, was spannungsgeladene Musik während der Kletterei mit mir gemacht hätte.

Zu guter Letzt noch eine Warnung - es gibt eine kurze Szene, in der ein jüdischer Ladenbesitzer dargestellt wird, und zwar als sehr häßliches Klischee, wie wir leider wissen, nicht ungewöhnlich für die Zeit, aber heutzutage trotzdem unangenehm anzuschauen).

Alles in allem ist dies ein Film, von dem ich mir definitiv vorstellen kann, ihn nochmal zu sehen.

Quellen (englisch)
1. The official Harold Lloyd website - Biography
2. Ed Park: Safety Last!: High-Flying Harold. Auf: The Criterion Collection. Essays. 17. Juni 2013
3. Jeffrey Vance: Safety Last! Auf: San Francisco Silent Film Festival. Essay. 2013
4. Arik Devens: Safety Last! Auf: Cinema Gadfly. Essay. 16. Mai 2015
5. Pamela Hutchinson: Don't look down: 100 years of Harold Lloyd's Safety Last! Auf: The Guardian, 24. März 2023
6. Kevin Brownlow und David Gill: Harold Lloyd: The Third Genius. TV-Dokumentation 1989.
7. Roger Ebert: The third genius of silent film. Auf: RogerEbert.com, 3. Juli 2005


Es tut mir leid, daß meine Quellen meist nur englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.

Montag, 5. Mai 2025

Tränendes Herz, ein Prototyp

Ich mache nicht oft Prototypen. Ich spiele. Ich experimentiere. Ich mache ewige WIPs (nicht absichtlich!) zum Anschauen, damit ich mich fragen kann, was zum Geier ich da eigentlich gemacht habe und wie ich das wiederholen oder verfeinern soll.
Ich schreibe nie etwas auf. Ich skizziere nichts. Nicht schlau, ich weiß, aber das wird sich jetzt nicht mehr ändern (wartet mal, einmal habe ich es gemacht, für meine aus Draht gehäkelten Christbaumkugeln, aber ich weiß nicht, wo der Zettel gelandet ist, was auch egal ist, weil ich seit Jahren keine mehr gemacht habe).
Ich setze mich nicht hin und versuche aktiv etwas auszuarbeiten. Zu messen und zu zählen. Ich habe keinen analytischen Kopf. Die Dinge kommen zu mir oder eben nicht.

Diesmal habe ich einen gemacht, einen Prototyp, so irgendwie.
Ich wollte ihn euch noch nicht zeigen, weil ich es erst richtig hinbekommen wollte, aber das kann noch eine Weile dauern.

Der schwierige Teil
war nich das 3D-Herz, sondern der Blutstropfen oder die Träne (abhängig von eurer Sprache) und die Ende der äußeren Blütenblätter, die sich nach oben biegen.
Hier habe ich nur Rocailles in Größe 11 und 15 benutzt, um die Kurve der Blütenblätter hinzubekommen, aber kleiner gefielen sie mir nicht und so war das Herz für meinen Geschmack zu klein.
Richtig, deshalb die Größe 8, die den Vorratsfresser-Post inspiriert hat.

Ich hatte aber nicht genug weiße Perlen in Größe 8, um auszuprobieren, ob das mehr nach dem aussehen würde, was ich mir vorstellte.
Porto ist definitiv zu hochgegangen, um nur ein Röhrchen Perlen zu bestellen. Nun ist auch noch das Minimum für den kostenlosen Versand ganz schön hochgegangen. Als ob es nicht schon jetzt schwierig genug für mich wäre, eine Perlenbestellung zusammenzustellen!
Nicht daß ich die Perlenläden nicht verstehen würde, wohlgemerkt, sie müssen sich genauso mit den Realitäten im Geschäft und ihren Finanzen herumschlagen, wie wir das alle mehr und mehr müssen, wie tatsächlich auch ich es muß.
Ich habe genug Vorräte, also kann ich im Moment nicht wirklich eine weitere Perlenbestellung rechtfertigen.

Andere Perlenfarben habe ich auch nicht in allen drei Größen. Ähnlich vielleicht, aber nicht dieselbe.
Es wird aber irgendwann schon wieder eine Perlenbestellung geben und das Design bleibt absolut auf meiner Liste, aber wie gesagt, es kann eine Weile dauern, darum bekommt ihr jetzt erstmal nur diesen ziemlichen winzigen Prototyo zu sehen, tut mir leid.


Und noch ein Bild in meiner Hand, um euch eine bessere Vorstellung für seine Größe zu geben.

Samstag, 3. Mai 2025

Einfach nur so Samstag - Wo sind sie hin?

Vor ein paar Monaten habe ich zu Sharon McCone Tschüß gesagt, als das letzte Buch in der Reihe bei mir eintraf. Ja, das war ein wenig voreilig, da ich tatsächlich das Buch davor verpaßt hatte, aber jetzt war es nett, stattdessen damit aufzuhören, weil ich es lieber als das letzte mochte.
Ich erwähnte auch, daß ich traurig war, als ich das jeweils letzte Scheibenwelt- und Kinsey Millhone-Buch las, nachdem Terry Pratchett und Sue Grafton gestorben waren.

Neulich war es wieder mal Zeit, meine Bücher für eine kleine Ausmistaktion durchzuschauen. Dabei stieß ich auf die drei Bücher von Sandra West Prowell.

Mein erstes Buch von Sandra West Prowell - nicht das erste i der Reihe - kaufte ich auf einem Flohmarkt und ich wurde direkt von ihrer Hauptfigur gefesselt, der früheren FBI-Agentin, dann Privatdetektivin Phoebe Siegel, die in Montana lebt.
Phoebe kommt aus einer jüdisch-katholischen Familie, ihr Vater und einer ihrer Brüder waren Polizisten.
Als sie eine Menge Geld von ihrer Tante erbt, hat Phoebe die Chance, ein altes Haus zu kaufen und ihre Dienste als Privatdetektivin zu einem sehr günstigen Honorar anzubieten. Ihr Hauptansporn ist die Verbindung zu den Opfern, die sie spürt.


Die Bücher sind keine Whodunits, in denen die Aufklärung des Verbrechens am wichtigsten ist, sie handeln nicht nur von den Fällen, sondern auch von Problemen in der Familie und von Phoebes Beziehungen, aber nicht auf eine Art, die mich nervt. Das könnte natürlich damit zu tun haben, daß es nur drei Bücher gibt.
Charakterentwicklung ist gut, aber es kann einen auch fertigmachen, wenn zum Beispiel die Hauptfigur über ich weiß nicht wieviele Bücher keinen glücklichen Moment in ihrem Leben hat, was für mich mehr als einmal Grund war, eine Reihe abzubrechen. Das Leben ist deprimierend genug.

Das hier soll jedoch keine Rezension von Prowells Büchern sein, schließlich ist es der einfach nur so Samstag.
Ich möchte darüber sprechen, warum es nur drei Bücher gibt. In der kurzen Autorenvorstellung im letzten Buch heißt es "... arbeitet zur Zeit am vierten Band um die Detektivin Phoebe Siegel."
Ich habe mich darauf gefreut, auf einen neuen Fall und zu lesen, wie es mit ihrer Beziehung mit dem indianischen Deputy weitergehen würde.
Also habe ich hin und wieder nach ihr gesucht, aber der vierte Roman tauchte niemals auf, nicht mal auf Englisch. Dann vergaß ich es wieder. Das tat ich fast zehn Jahre lang immer wieder mal und fragte mich, wohin Prowell verschwunden war, nicht obsessiv, sondern gewöhnlich dann, wenn ich ein Buch an eine Stelle in meinen Schrank stellte, die in der Nähe ihrer Bücher lag.
Seltsamerweise kann ich mich nicht erinnern, das auch mit anderen gemacht zu haben. Ich schätze, es lag an dieser Einführung. Wenn sie an einem Buch gearbeitet hatte, was war dann wohl passiert?

Ich bin auch einer dieser Menschen, die sich einen alten Film oder eine Serie anschauen und überlegen, wo diese Schauspielerin oder jener Schauspieler wohl abgeblieben ist, und sie dann nachschlägt. Ich möchte jedoch klarstellen, daß ich nicht auf diese schrecklichen Clickbait-Videos auf YouTube hereinfalle, die getürkte Bilder von jemandes "grausigem Schicksal" zeigen; und wenn ich so darüber nachdenke, beschränke ich meine Suche gewöhnlich auch auf Schauspieler und Autoren (und manchmal Katzen und Hunde aus dem Web, die mir ans Herz gewachsen sind, was dann zu Tränen führen kann, aber das ist eine andere Geschichte).

Eines Tages fand ich, sehr zu meiner Überraschung, einen Post von November 2016 auf Lise McClendons Website. McClendon schreibt ebenfalls Krimis und war Prowells Freundin, bis sie den Kontakt verloren.
Sie schrieb den Post an dem Tag, an dem sie erfuhr, daß ihre Freundin ein Jahr zuvor gestorben war.
Offensichtlich hatte Prowell unbekannte Probleme, die nicht nur dazu führten, daß sie zu schreiben aufhörte (obwohl der vierte Phoebe Siegel 2000 oder 2001 herauskommen sollte und es außerdem ein Standalone-Manuskript gab) und den Kontakt zu befreundeten Autoren abbrach, sondern sogar dazu, daß sie aufhörte, mit ihrer Familie über das Schreiben zu sprechen.
Das machte mich merkwürdig traurig. Ich weiß nicht, was ich zu finden erwartet hatte, aber das war es nicht.

Natürlich passiert dasselbe mit Menschen in unserem eigenen Leben. Es ist wie ein Zug. Leute fahren von Anfang an bis zur Endstation mit einem, manche nur von einer zur nächsten Haltestelle, manche steigen plötzlich aus, vielleicht sogar ohne sich zu verabschieden, und manchmal wirft man selber jemanden aus dem Zug ... hm, vielleicht ist die Analogie doch nicht so gut, aber ihr wißt, was ich meine.
Wir können nicht erwarten, unser ganzes Leben mit immer denselben Menschen darin zu verbringen, auch wenn es vielleicht ein Schock ist, wenn jemand nach langer Zeit plötzlich abspringt.
Bei manchen ist es einfacher zu akzeptieren, bei anderen nicht. Manchmal tut es weh, das Gefühl zu haben, daß einen jemand aus seinem Leben geschnitten hat, ohne zu wissen, was man getan hat oder ob es überhaupt mit einem selber zu tun hat. Manchmal driftet man einfach auseinander und es ist in Ordnung.
Und manchmal meldet man sich und nimmt wieder Kontakt auf, was funktionieren kann oder auch nicht.

Das erinnert mich daran, daß da eine Freundin ist, die ich anrufen sollte. Es ist schon eine Weile her, daß wir uns das letzte Mal gesprochen haben.
Oh, falls ihr es übrigens wissen wollt, die Prowell-Bücher wurden nicht ausgemistet.

Quelle (englisch):
Lise McClendon: Remembering Sandra West Prowell. Auf:Lise McClendon, 18. November 2016