Kennt ihr den "Nachtkrabb"? Nein? Dann seid ihr wohl aus einer anderen Gegend als ich.
Obwohl mir der Nachtkrabb schon immer vertraut war, gibt es eigentlich nur eine Geschichte, an die ich mit aus meiner eigenen Familie erinnere. Mein kleiner Bruder war da wahrscheinlich so um die fünf Jahre alt (wir sprechen von den späten 70ern). Er saß am Küchentisch, bereit, ein Ei zu essen, als einer meiner anderen Brüder hereinkam und ihm sagte, daß ein Nachtkrabb aus dem Ei herausfliegen würde, wenn er es aufklopfte. Brüderchen flippte aus und stellte tatsächlich für kurze Zeit das Eieressen ein (kam aber recht schnell darüber hinweg).
Woran ich mich nicht erinnere ist, ob man ihm vorher vom Nachtkrabb erzählt hatte und es das war, was ihn so schockte, oder ob es einfach die Vorstellung war, daß irgendetwas aus diesem Ei geflogen (!) kommen könnte.
Ihr müßt wissen, der Nachtkrabb ist eine geheimnisvolle und dunkle Kreatur, eine Spukgestalt im Volktum von Süddeutschland und Österreich.
Andere Namen für ihn (ich habe nur einmal gesehen, daß jemand "sie" sagt) sind Nachtkrapp oder Nachtrabe. Für diesen Post bleibe ich bei der Schreibweise mit "bb".
Wie es oft in Überlieferungen geschieht, können die Sagen von Region zu Region mehr oder weniger unterschiedlich sein.
Ich erinnere mich nicht mal daran, ob wir nur den Namen kannten oder ob man uns tatsächlich eine Geschichte erzählte. Falls ja, wäre es wahrscheinlich die gewesen, die hier vorherrscht - von der riesigen schwarzen vogelartigen Kreatur, die durch die Nacht fliegt, um nach Kindern Ausschau zu halten, die nicht ins Bett gegangen sind - und sie hätte von der väterlichen Seite kommen müssen, da meine Mutter keine Schwäbin war.
Kurz gesagt ist es eine dieser Geschichten, die man sich ausgedacht hat, um Kinder dazu zu bringen, gewisse Dinge zu tun oder nicht zu tun, in diesem Fall, noch draußen zu sein, wenn es schon dunkel ist. In manchen Gegenden werden Kinder, die nich gehorchen, in einem großen Sack gefangen und davongetragen. Was mit ihnen geschieht, wird nicht gesagt, aber sie kommen nicht mehr nach Hause, was den Ausgang zwar offen läßt, aber nichts Gutes verheißt. Andere Regionen sind etwas genauer, dort nimmt der Nachtkrabb die Kinder mit in sein Nest, wo er sie verschlingt.
Andere Länder haben übrigens ihre eigenen Versionen von Nachtraben.
Der Rabe und andere Rabenvögel sind immer ein Teil von Volkssagen gewesen, auf gute oder schlechte Weise.
Denkt nur an Hugin und Munin, die Raben des Gottes Odin, von ihm ausgesandt, ihm Neuigkeiten aus der Welt zu bringen.
In manchen Kulturen wurden Raben als Orakel benutzt, um den Ausgang von Schlachten hervorzusagen oder beim Treffen wichtiger Entscheidungen zu helfen.
Einige Stämme von amerikanischen Ureinwohnern sehen den Raben sowohl als Schöpfer als auch als Schwindler.
Das positive Bild änderte sich im Christentum. Rabenvögel ernährten sich von Aas, von Tieren, aber auch Menschen nach Schlachten oder Hinrichtungen, was ihrem Ruf nicht half. Sie wurden für Botschafter von Tod, Unheil und Seuche gehalten und auch als Vertraute von Hexen.
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| Zeitgenössische Kunst, Darstellung zweier Raben wie Hugin und Munin, von Kim Diaz Holm (dem jungen Herrn Holm). CC BY 4.0 |
Mit diesem negativen Bild im Kopf, könnte die Vorstellung einer riesigen kinderraubenden Abart ein Kind sehr leicht ängstigen.
Aber warum habe ich den Nachtkrabb als vogelähnliche Kreature beschrieben und nicht als rabenähnliche?
Es gibt nicht nur verschiedene Sagen darüber, was er tut, sondern auch verschiedene Theorien über seinen Ursprung.
Eine davon ist, daß es gar nichts mit Raben zu tun hat, sondern mit dem Waldrapp, einem Vogel, der weit verbreitet war, zum Beispiel in Teilen von Zentraleuropa wie Süddeutschland oder Österreich. Die Jagd auf den Ibis zum Essen, wegen der schönen Federn oder zum Ausstopfen, sowie die Zerstörung seines Lebensraums brachte ihn an den Rand der kompletten Ausrottung.
Dank Auswilderungen gibt es eine Population in Marokko und kleinere anderswo, aber die Art ist immer noch stark gefährdet.
Die Wilhelma in Stuttgart, die nicht weit von uns ist, hatte schon immer eine große Voliere mit ihnen, vor der man oft Leute kommentieren hörte, wie häßlich sie sind. Ich finde sie fabelhaft.
Auf jeden Fall könnte ihr Aussehen gruselige Geschichten inspiriert haben.
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| Bild von Len Worthington, CC BY-SA 2.0 über Wikimedia Commons |
Wer weiß also schon, was die Wahrheit ist.
Heutzutage versuchen Leute (hoffentlich!) das Erzählen von Gruselgeschichten zur Kindererziehung zu vermeiden, auch wenn es zu ihrem Besten sein soll, aber der Nachtkrabb ist trotzdem nicht ganz in Vergessenheit geraten.
Er hat zum Beispiel immer noch einen Platz in manchen Faschingsfeierlichkeiten, wo manche der Masken an Raben, andere an den Waldrapp erinnern, aber auch in Geschichten, Liedern oder Vergnügungsparks!
Ich weiß nicht, ob ihr den Text dieses Liedes verstehen werdet, da es in einem Dialekt von der Schwäbischen Alb gesungen ist, aber ich mag das Video.
Um ehrlich zu sein, fand ich damals die Idee eines winzigen Nachtkrabbs, der aus einem Ei fliegt, eher niedlich als gruselig, aber ich könnte euch nicht sagen, welches Bild ich genau im Kopf habe (aus diesem Grund habe ich es noch nicht geschafft, eine eigene Version zu machen).
Aber ihr kennt mich. Ich kann euch keine Geschichte mit Tieren erzählen, ohne irgendwie eine Katze ins Spiel zu bringen.
Dies ist ein Original von meiner Freundin Heather - die von den HeatherCats -, das ich einfach haben mußte. Ich konnte meinen Ponder sehen, wie er so seine Flügel ausbreitet und in die Nacht fliegt. Ich liebe dieses kleine Bild so sehr.
Andererseits denke ich auch, daß es eine gute Inspiration für ein Nachtkrabb-Stück wäre ... ich gebe die Idee noch nicht auf.
Gibt es irgendwelche regionalen Gruselgeschichten, wo ihr lebt?













































