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Donnerstag, 27. August 2026

Stummfilme - By Might of His Right

Ich habe erst vor ungefähr zwei Wochen von Mr. & Mrs. Sidney Drew erfahren.
Mr. und Mrs. Drew waren ein Komikerteam, das ... aber wartet mal, tatsächlich gab es zwei Mrs. Drews, Gladys Rankin und Lucille McVey. Nachdem Gladys starb, heiratete Sidney Lucille, die viele ihrer fast 150 Ehekomödien produzierte und auch mit Regie führte und schrieb.
Ich habe eine davon herausgepickt - willkürlich wie immer - und bin bei
 "By Might of His Right" von 1915 gelandet.
Sidney war übrigens der Onkel der Schauspieler Lionel, Ethel und John Barrymore, und Johns Enkelin is Drew Barrymore. Nun wißt ihr, wie sie zu ihrem Namen kam.


Erstmal die Handlung.

Als Henry von der Arbeit nach Hause kommt, stellt er fest, daß sie einen Hausgast haben, Lucilles Bruder, der Ferien hat (gespielt vom Charakterdarsteller Donald Macbride).
Er hat den ganzen Elan eines Collegeboys, rah-rah-rah eingeschlossen, was Lucille prächtig amüsiert, während Henry wirklich nur etwas Ruhe und Frieden möchte.


Pech gehabt.
Der Jüngling schüttelt Henrys Hand wie verrückt, er macht sich über seinen Hut lustig, bevor er sich draufsetzt, wird sehr vertraut mit dem Dienstmädchen, schnappt sich eine Zigarre von Henry, dann seine Zeitung und schließlich seinen Stuhl, ...
 

... bevor er an seinem ahnungslosen Schwager demonstriert, wie man einen Tackle und einen Knockout ausführt.
Am nächsten Morgen schiebt er sich Henrys Zigarettenetui in die Tasche und verkündet dann, daß er beabsichtigt, seine gesamten Ferien über dazubleiben!


Henry muß etwas unternehmen, um den jungen Mann loszuwerden. Er versichert sich der Unterstützung seines Freundes Tony Trexel, der in einem Boxstudio trainiert und ihm hilft, einen Boxer zu finden, der gegen 50 Dollar eine Niederlage vortäuschen wird (das sind heutzutage ungefähr 1600, man sieht also, wie verzweifelt Henry ist).
Zu Hause sagt er, daß Tony sie zu einer 
neuartigen Boxparty eingeladen hat.
Als sie dort sind, erfahren sie, daß "Knock'em Dead" Jones verhindert ist und ein Gegner für den "Battler" benötigt wird. Natürlich denkt Lucille sofort an ihren Bruder, aber plötzlich ist er nicht mehr so begeistert, wie er das daheim noch war.


Also erhebt sich zur Überraschung aller Henry. Nach einem köstlichen "Kampf", in dem die beiden sich erst nicht einmal berühren, "schlägt" Henry den "Battler" k.o.


Zurück daheim ist sein Schwager nicht mehr ganz so selbstbewußt. Tatsächlich hat er solche Angst vor Henry, daß er behauptet, seine Mutter hätte ihn zurückgerufen, seine Taschen packt und geht.


Henry hatte seiner Frau schon von seinem Bluff erzählt und sie brechen in Gelächter aus, als sich die Tür schließt.
Da ich selber eine große Schwester bin, macht das absolut Sinn für mich (obwohl man in einem Bild sieht, daß ihr kleiner Bruder ihr auch leid tut, aber nur ein bißchen!)



Drew selber hat gesagt: "Es gibt viele, die eher actionreiche Arbeit vorziehen, da es aber einen Bereich gibt, der den Anspruch an eine raffiniertere Intelligenz voll erfüllen kann, richten wir uns an diese Klientel" und mir hat das wirklich gut gefallen.
Henry benutzt sein Gehirn - okay, und eine Stange Geld - um seinen Hausgast loszuwerden. Er erteilt ihm eine Lektion darin, andere Leute, oder sollte ich sagen ältere Leute - nicht zu unterschätzen, ohne ihn zu sehr zu erniedrigen. Immerhin hätte er ihn in den Ring drängen können.

Obwohl dieser knapp 15 Minuten lange Film über 100 Jahre alt ist, denke ich, wir können uns alle irgendwie damit identifizieren. Es muß ja nicht immer ein Hausgast sein, der zu lange bleibt, es könnte zum Beispiel auch einfach jemand sein, der nicht kapiert, daß die Party vorbei ist.

Dies ist ein weiterer Film, der verloren geglaubt wurde, bis ein Abzug in Neuseeland auftauchte, der durch eine Partnerschaft des
 New Zealand Film Archive, der amerikanischen Archivgemeinschaft und dem National Film Preservation Foundation erhalten wurde.
Ich freue mmich darauf mehr von Mr. und Mrs. Sidney Drews Universum der Ehe zu erforschen.


Quellen und weitere Lektüre (englischsprachig):

1. By Might of His Right (1915). Auf: National Film Preservation Foundation. Preserved Films
2. Fritzi Kramer: By Might of His Right (1915) - A Silent Film Review. Auf: Movies Silently, 27. November 2023


Es tut mir leid, daß meine Quellen meist nur englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.

Donnerstag, 20. August 2026

Stummfilme - Danse Macabre

Neue Woche, neuer Kurzfilm (tut mir leid, aber es ist immer noch zu heiß, und obwohl man während einer Fernsehserie mal ein bißchen die Augen zumachen kann, funktioniert das seltsamerweise nicht, wenn man einen Stummfilm anschaut ...).
Heute ist es ein experimenteller Film, oooh.
Hier haben wir "Danse Macabre" von 1922.


"Mitternacht im pestverseuchten Spanien -- Jugend und Liebe flüchten vor Tod, der ihren Spuren folgt -
Liebe spürt seinen unheimlichen Atem und fällt in Ohnmacht - - - Jugend verzweifelt und betet, - als schaut! - der Hahn der Dämmerung kräht und Tod in den Schatten seines Grabes verblaßt."

Die Skelette bewegen sich, bis sie die Titelworte formen.

Jugend und Liebe betreten einen Raum. Jugend entzündet eine Kerze und die Liebenden liegen sich in den Armen.


Wenn sie geglaubt haben, hier sicher zu sein, irren sie sich, denn Tod folgt ihnen bereits.


Jugend schenkt Liebe eine Stola und einen Fächer und sie tanzen miteinander.


Liebe beginnt die Nähe von Tod zu spüren. Sie fühlt sich schwach und bittet Jugend, die Fenster zu öffnen.


Sie tanzen weiter, aber Tod sucht sie immer weiter heim, bis Liebe ohnmächtig wird und Jugend sie auf ein Sofa legt.
Tod schleicht näher heran ...


Gerade rechtzeitig geht die Sonne zum Hahnenschrei auf ...


... und Tod weicht vor dem Licht zurück und schwindet, während Liebe in Jugends Armen wieder zu Kräften kommt.


Die Liebenden frohlocken, umarmen und küssen sich, sie sind sicher ...
 

... doch sind sie das wirklich?


Der "Danse Macabre" oder "Totentanz" ist eine Allegorie aus dem Spätmittelalter, die Menschen an die Zerbrechlichkeit des Lebens erinnert - jedermanns Leben, König or Arbeiter, Papst oder Kind.
1874 schrieb der französische Komponiste Camille Saint-Saëns eine Tondichtung mit diesem Titel.
Der unabhängige Regisseur Dudley Murphy und sein Kompagnon Claude MacGowan hatten eine Serie von "Visual Symphonies" geplant, bei denen die Filme klassische Musik interpretieren sollten, und begannen mit diesem Stück.
Große Kinos hatten früher Livevorführungen mit Musik und Tanz als Einführungen zu den Filmen, aber zu dieser Zeit war es noch schwieriger, Film und Musik perfekt zu synchronisieren, und obwohl erfahrene Musiker das hinbekommen hätten, hätte die Praxis für kleine Kinos nicht so gut funktioniert.
Obwohl der Film Aufmerksamkeit erregte, reichte es offensichtlich nicht aus, um die Serie weiterzuführen.

Das ist schade, denn wenn "Danse Macabre" ein Beispiel ihrer Vision war, wäre es großartig gewesen zu sehen, was sie sonst noch fertiggebracht hätten.
Die Darsteller sind die Ballettänzer und Choreographen Adolph Bolm (Jugend) und Ruth Page (Liebe, sie war Bolms Schülerin), Tod wird vom Charakterschauspieler Olin Howland verkörpert.
Wie ihr an den Bildern sehen könnt, ist der Kurzfilm eine Mischung aus Animations- und Realfilm, und ehrlich, er ist wirklich sehr cool. Ich hatte ihn willkürlich aus einer Playlist von Kurzfilmen ausgewählt und bin so froh darüber, weil ich Saint-Saëns' "Danse Macabre" schon vorher geliebt habe und diese Interpretation liebe.


Quellen und weitere Lektüre (englischsprachig):

1. Rob Johnson: Danse Macabre 1922. Auf: The Devil's Manor, Juli 2012
2. Fritzi Kramer: Danse Macabre (1922) - A Silent Film Review. Auf: Movies Silently, 18. Juli 2022


Es tut mir leid, daß meine Quellen meist nur englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.

Donnerstag, 6. August 2026

Stummfilme - Der blaue Vogel

Ich hatte schon früher von dem blauen Vogel des Glücks gehört, gesehen, wie er Schmuck und Kunst inspiriert, habe sogar ein Lied gefunden, aber ich konnte mich nicht daran erinnern, jemals eine Ursprungsgeschichte gehört zu haben, außerdem schien mir, daß er in Deutschland nicht so bekannt war. Woher kam der blaue Vogel des Glücks? Es scheint, daß das Symbol in vielen Kulturen zu finden ist.
Auf jeden Fall habe ich heute für euch
 "Der blaue Vogel" von 1918. Schnallt euch an, das wird eine wilde Fahrt.


Fangen wir wie üblich mit der Handlung an (Spoileeer!).

Es war einmal eine ärmliche Familie - Daddy Tyl, Mummy Tyl, ihr Sohn Tyltyl und ihre Tochter Mytyl.
Auf der anderen Straßenseite war das Haus der reichen Kinder und in der Nähe die Hütte der armen Nachbarin Berlingot und ihrer kleinen Tochter.
Berlingot hat ihrer Tochter vom Vogel des Glücks erzählt und das kranke Mädchen denkt, daß sie vielleicht auch glücklich wäre, wenn sie Mytyls Vogel hätte. Mytyl lehnt es jedoch ab, ihr ihren Vogel zu geben - was ich ehrlich gesagt für ein Kind nicht so ungewöhnlich halte.

Eeeenttäuscht!

In der Nacht schauen die zwei Kinder bei der Feier zu, die im Haus der reichen Kinder stattfindet, und denken sich, wie schön es wäre, aus Spaß statt aus Hunger zu essen, als Berlingot hereinkommt und fragt, ob sie "den Vogel, der blau ist", haben. Aber ist es Berlingot? Nein, es ist tatsächlich die Fee Bérylune, die ihnen sagt, daß sie sich auf die Suche nach dem blauen Vogel des Glücks machen müssen. Sie gibt Tyltyl eine Samtkappe. Den Diamanten darauf zu drehen wird den Kinder das Innere von Dingen zeigen.

Ich bin eine Fee und ich erschrecke gern mitten in der Nacht
Kinder, damit sie mit mir auf eine magische Mission gehen.

Tyltyl dreht den Diamanten und die Dinge zeigen ihre wahre Seele - Brot, Milch, Wasser, Feuer, Licht, Zucker, die Familienkatze und der Hund, sie alle werden die Kinder begleiten.

Abflug!

Es ist eine gefährliche Mission und als die Katze fragt, meint Bérylune, daß der Tod auf alle wartet, die mit den Kindern gehen. Toll. Das nenne ich mal Motivation. Ich bin nicht überrascht, daß die Katze nicht glücklich ist.

Tja, ja, ihr werdet alle sterben. Findet euch damit ab.

Als erstes halten sie bei Bérylunes Palast an - den sie von dem verstorbenen Herrn Blaubart geerbt hat (wenn sie eine Verwandte von ihm ist, könnte das den sicheren Tod am Ende der Reise erklären).
Die Katze nutzt die Gelegenheit und versucht die anderen "Dinge" zu überzeugen, daß es in ihrem eigenen Interesse liegt, das Auffinden des Vogels zu verhindern, auch wenn das das Leben der Kinder gefährdet. Der Hund droht, die Katze erst zu erwürgen und dann zu verpfeifen.
Ich habe es echt satt, daß Katzen so oft zum Bösewicht gemacht werden, distanziert, verräterisch, selbstsüchtig oder was auch immer genannt werden. Ich sag's nur. In meinen Augen half es dem Film nicht, denn ich habe auch sein Makeup gehaßt, das ihn echt gemein aussehen ließ.
Okay, zurück zur Handlung.

Die Gruppe besucht verschiedene Paläste, um nach dem blauen Vogel zu suchen ...
- den Palast der Nacht (sehr cool, da gibt es Geister)
- den Friedhof der glücklichen Toten (wo sie nicht nur ihre toten Großeltern treffen, sondern auch ihre toten Geschwister, sieben an der Zahl!)
- den Palast des Glücks (mit den Luxuriösen, wie zum Beispiel Schläft-Mehr-Als-Notwendig, aber auch den Freuden, von den beinahe alle seltsamerweise durch junge Damen in ätherischen aber recht knappen Outfits (siehe unten) repräsentiert werden, mit Ausnahme der Freude der mütterlichen Liebe)
- im Königreich der Zukunft, wo wir die Kinder finden, die darauf warten, geboren zu werden (ein künftiges Tyl-Kind inklusive, ich wünschte, sie hätten uns seinen Namen gesagt) und wir sehen, wie ihre Mütter auf sie warten,
 

aber den richtigen Vogel finden sie nirgendwo.

Das Oberste Glück zeigt den Kindern das Glück der Reinen
Luft, das Glück des Frühlings, die Freuden der Reinen
Gedanken, die Freude von Wald Wiese und Tal, das Glück
die Sterne aufgehen zu sehen und das Glück zu lieben.

Also sagen sie Lebwohl zu den "Dingen", deren Seelen nun wieder unsichtbar für sie sein werden, während der Hund die Katze verprügelt, ist ja klar, und kehren nach Hause zurück, nur um festzustellen, daß ihr Vogel viel blauer als vorher aussieht. Der blaue Vogel war die ganze Zeit in ihrem eigenen Heim!
Oh, und falls ihr euch fragt, Bérylune ist ja so ein Scherzkeks! Niemand ist gestorben, es sei denn, ihr zählt, daß die meisten von ihnen in den unbelebten Zustand zurückkehren.
Natürlich geben sie der Witwe Berlingot den Vogel für ihre Tochter und es macht sie "so glücklich, so glücklich"! Die Witwe kommt mit ihrer Tochter zurück, die ebenfalls so glücklich ist ... bis der Vogel auf einen hohen Baum abhaut.
Tyltyl tröstet sie, indem er ihr sagt, daß es ausgereicht hat, den Vogel zu finden und ihn im Herzen zu behalten, bevor er die vierte Wand durchbricht und dem Publikum sagt, daß sie nach dem Vogel "zuerst in eurem eigenem Heim suchen sollen, WO ER AM EHESTEN ZU FINDEN IST!".
Ähm, ich reagiere echt nicht gut darauf, wenn mich Leute anschreien, aber okay.


Vielleicht habt ihr gemerkt, daß der Film nicht komplett mein Ding war.
Ich bereue nicht, ihn angeschaut zu haben. Es sind wunderschöne Bilder in dem Film, die es das wert machten. Manche davon waren atmosphärisch, traumartig, und erinnerten mich an den viktorianischen Feenhype (wahrsheinlich rein wegen der Anzahl an tanzenden und hüpfenden Frauen). Wie ihr sehen könnt, ist auch die Färbung wirklich schön und trägt zum romantischen Gefühl bei.
Ich mochte auch die Tricks, die an
 Méliès erinnerten, das tanzende Feuer, das Wasser, das aus dem Wasserhahn rann, oder die Milch vom Tisch, bevor sie zu Menschen wurden.
Und ihr wißt wahrscheinlich inzwischen, daß ich das Bizarre interessant finde.

Wovon ich allerdings kein großer Fan bin ist, wenn man mir ohne jegliche Feinheit Moral an den Kopf wirft.
Nicht daß an der Botschaft an sich etwas falsch wäre. Reine Luft, Frühling und durch den Wald tanzen hört sich völlig in Ordnung an, aber im Grunde sagt man uns, daß wir mit dem zufrieden sein sollen, was wir haben, egal wie wenig es ist. Und die Tyls und Berlingot haben echt wenig, während die reichen Kinder auf der anderen Straßenseite das Gesicht vollstopfen, und das fand ich einfach nicht gut. Und natürlich die Katze. Das hat mich echt geärgert.
Aber natürlich ist alles sehr symbolisch und eine Allegorie. Was an mich irgendwie verschwendet ist. Tut mir leid.

Der Film basiert auf einem Theaterstück von
 Maurice Maeterlinck, einem belgischen Stückeschreiber und Poeten, der 1911 den Literaturnobelpreis gewann.
Ich habe das Stück nicht gelesen und keine der anderen Verfilmungen gesehen (es scheint, die Version von 1940 mit Shirley Temple war recht beliebt?) und habe das auch nicht vor. Tatsächlich hatte ich "Der blaue Vogel" das erste Mal in Noel Streatfeilds "Ballet Shoes" erwähnt gesehen, das ich vor einer Weile gelesen habe, so fand ich auch den Film.

Würde ich empfehlen, ihn anzuschauen? Sagen wir mal, er ist eine Erfahrung, aber wenn ich es täte, dann nur für die Bilder und Atmosphäre und nicht die Geschichte. Oh, und ich fand die Musik zu der Version, die ich angeschaut habe, toll.


Ausgewählte Quellen und weitere Lektüre (englischsprachig):

1. Richard Hildreth: The Blue Bird. Essay auf: San Francisco Silent Film Festival 2004
2. Lea Stans: Obscure Films: "The Blue Bird" (1918). Auf: Silent-ology, 9. September 2017
3. Fritzi Kramer: The Blue Bird (1918) - A Silent Film Review. Auf: Movies Silently, 21. Februar 2016


Es tut mir leid, daß meine Quellen meist nur englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.


Eine letzte ernsthafte Frage - kann mir jemand das Design dieses Huts erklären? Gibt es einen Grund dafür, daß er so aussieht? Ist das wohl eine Anspielung auf eine übergroße phrygische Mütze, was denkt ihr?

Donnerstag, 30. Juli 2026

Stummfilme - The Reckless Age

Habt ihr jemals von "Floyd's of London" gehört? Ich bin mir ziemlich sicher daß nicht, denn es ist eine Anspielung auf "Lloyd's of London", den berühmten Versicherungsmarkt.
Ja, heute sind wir in der Welt der Versicherungen und ihr könnt euch vorstellen, daß es eine ungewöhnliche sein wird, mit der wir es in "The Reckless Age" von 1924 zu tun haben.


Zunächst die Handlung (Spoiler!).

Lord Allan Harrowby aus London trifft sich mit den beiden Topmanagern von Floyd's of London.
Er hat eine ungewöhnliche Bitte. Er wird bald die Erbin Cecilia Meyrick heiraten und möchte eine Versicherung über 100000 $ abschließen für den Fall, daß sie ihre Meinung ändert.
Die Manager stimmen zu, aber zuerst muß er eine Vereinbarung unterschreiben, daß es keine Kompensation geben wird, falls die Hochzeit aufgrund Aktionen seinerseits ausfällt. Außerdem werden sie ihren Risikomanager Richard Minot mit nach Florida schicken, um sicherzustellen, daß die Hochzeit stattfindet.


Sie setzen all ihr Vertrauen auf Dick, der sie bis jetzt noch nie enttäuscht hat, und geben ihm ein Zeichen ihrer Wertschätzung, eine Uhr.
Die Uhr ist auf der Rückseite graviert - und nein, ich habe absolut keine Ahnung, ob sie zu geizig waren, die echte Uhr für den Film gravieren zu lassen oder ob dieses Bild im einzig existierenden Abzug fehlte und durch dieses Meisterstück ersetzt wurde (das zweimal vorkommt).


Im Zug begegnet Dick zufällig Cecilia. Unglückseligerweise ist es für ihn Liebe auf den ersten Blick, was diese ganze Mission für ihn nun sehr unangenehm macht.
Obwohl Cecilia sich auch zu Dick hingezogen fühlt, will sie unbedingt rechtzeitig zu dem Lunch in San Marco kommen, bei dem ihre Verlobung verkündet werden wird.



Als der Zug durch eine Schweinefamilie aufgehalten wird, beschließt Dick, ein "Taxy" zu nehmen, um Cecilia rechtzeitig zu dem Lunch zu bringen. Die Zug-Auto-Jagd führt zu einem echt coolen Stunt, der mich hochfahren ließ.

Von diesem Moment an hat es Dick schwer, diese Hochzeit zustandezubringen.
Cecilia ist sich ganz und gar nicht mehr sicher, sie und Dick flirten ständig.
Der naive Lord Harrowby freundet sich mit dem Schwindler Martin Wall an.
Eine wertvolle Diamantenkette wird direkt von Cecilias Hals weg gestohlen.
 
Cecilia wird hinübergeschubst, um bei
Lord Harrowby in Ohnmacht zu fallen.

Ein Mann taucht auf und behauptet, der echte Lord Harrowby zu sein. Dick läßt ihn auf Walls Yacht bringen, um ihn aus dem Weg zu haben.
Die Schauspielerin Gabrielle Rose, mit der der Lord früher mal eine Affäre hatte, trifft ein. Sie droht, ihn wegen des Brechens seines Eheversprechens zu verklagen. Zum Glück findet Dick einen Beweis dafür, daß sie zu der Zeit schon verheiratet war und immer noch nicht geschieden ist.

Seid ihr schon verwirrt? Denn ihr müßt wissen, wir sind noch nicht mal halb durch mit dem Film.

In der Zwischenzeit hat Allan Wall in der Police eingetragen, weil er ihm das Geld leiht, daß er glaubt zu brauchen, um Gabrielle Rose loszuwerden. Natürlich erkennt Wall seine Chance, eine Menge Geld zu machen, wenn er den anderen Lord ins Spiel zurückholt.
Cecilias Vater verlangt eine Identifizierung, wenn die Hochzeit stattfinden soll.
Allans Reaktion darauf ist es wegzulaufen. Es sieht nicht gut für ihn aus.
Gut jedoch für Dick und Cecilia. Nur will sie das nicht sehen, weil sie immer noch nicht weiß, warum Dick alles getan hat, um diese Hochzeit durchzudrücken, obwohl er sagt, daß er sie liebt. Es ist recht verständlich, daß sie wütend ist.


Und wißt ihr was, der Lord ist zurück! Er ist in Gesellschaft des Duke und der Duchess von Lismore, die Freunde von ihm und auch den Meyricks sind.
Der andere Lord wird vorgestellt und Lismore erkennt ihn als den früheren Butler. Noch ein Hindernis ist aus dem Weg geschafft.


Martin Wall arbeitet jedoch noch immer an seinem Plan. Er bietet dem Herausgeber der örtlichen Zeitung 1000 $ an, damit er die Versicherungsstory in die nächste Ausgabe bringt.
Der Herausgeber denkt, daß er noch mehr rausholen kann, druckt die Geschichte und geht mit dem Angebot zu Cecilias Vater, die Ausgabe zu zerstören, wenn er die Zeitung für 20000 $ kauft.
Natürlich ist Wall nicht glücklich, als er das herausfindet, sie fangen an zu kämpfen, Dick kommt dazu und macht mit (Denny war früher Boxer und fing auch in Boxfilmen an), dann noch die Angestellten, und am Ende liegt das gesamte Büro in Trümmern. Als Allan und Cecilia auftauchen, erfährt Cecilia von der Versicherung und Dicks Rolle dabei. Natürlich ist die Hochzeit jetzt endgültig abgesagt und auch Dick hat nicht besonders gute Karten.


Wall versucht, Anspruch auf das Geld zu erheben, aber da es Allans Schuld war, daß er ihm davon erzählt hat, ist die Police hinfällig. Dazu ersccheint dann noch ein Polizist, weil in Walls Zimmer die Halskette und weitere Juwelen gefunden wurden, ja, er hat sogar die Yacht gestohlen!

Dick und Cecilia treffen sich wieder, als der Zug, in dem sie sitzen, ein Problem hat und sie beim selben "Taxy" landen. Der Fahrer merkt, daß etwas zwischen ihnen nicht stimmt und fährt absichtlich so wild, daß sie aneinander stoßen - bis sie nicht mehr widerstehen können.


Ich weiß, daß es sich wie ein sehr verwirrender Film anhört, aber das ist er echt nicht.
Dick kümmert sich um ein Problem nach dem anderen und Floyds Vertrauen in ihn ist absolut gerechtfertigt, weil er das gut macht.
Denny war in den 20ern ein beliebter Schauspieler (und arbeitete noch bis zu seinem Tod im Film, daneben war er außerdem Ingenieur und Erfinder), was nicht überraschend ist, denn er war gut in Romantik, Komödie, aber auch Action.
Dank ihm und Ruth Dwyer ist dieses eine süße kleine Romantikkomödie.
Wie ihr vielleicht wißt, haben Dollarprinzessin absolut existiert - reiche Erbinnen, die in Adelsfamilien in Geldnöten einheirateten. In diesem Fall ist der Lord sogar in Cecilia verliebt - das waren bei diesen Ehen nicht immer der Fall - obwohl ich mir bei ihren Gefühlen nicht ganz sicher bin, denn sie verliebt sich schrecklich schnell in Dick.
Nicht mal die Versicherung ist
so ungewöhnlich. Es gibt in der Tat eine Versicherungsgesellschaft, die eine Police zur "Meinungsänderung" anbietet, nur nicht so kurz vor dem Hochzeitstermin.
Der einzige peinliche Moment war, daß der Taxifahrer ein Fall von Blackface war.

Als ich sah, daß dies eine Verfilmung des Buchs "Love Insurance" von Earl Derr Biggers war, hatte ich gerade ein anderes Buch fertig und dachte mir, warum nicht?
Obwohl ich nur vor Jahren ein oder zwei der Bücher gelesen und ein oder zwei der Filme gesehen hatte, war mir Biggers als der Schöpfer von Charlie Chan vertraut. Mir war nicht bewußt gewesen, daß er auch Journalist und Stückeschreiber war und außerdem andere erfolgreiche Romane vor Charlie Chan geschrieben hatte.

Ihr dachtet, im Film sei viel passiert?
Obwohl die Handlung grundsätzlich die gleich war, gab es im Buch sogar noch mehr Leute und Wendungen! Aus irgendeinem Grund machte der Film aus Lloyd's Floyd's und aus Cynthia Cecilia.
Die Geschichte erschien 1914 als Serie in mehreren Zeitungen und wurde später im Jahr dann als Buch veröffentlicht. Es war recht amüsant zu lesen, so sehr, daß ich auch andere von Biggers' vor-Chan-Büchern auf meine Liste setzte, aber ich denke, es wäre sinnvoller gewesen, das Buch nicht am Stück zu lesen, um das Wirbelwindgefühl etwas im Zaum zu halten. Naja, diese schlaflosen Nächte halt.


Quelle:

Marc Wanamaker/Kimberly Pucci/Janice Simpson: The Reckless Age (L'età frenetica). Auf: Le Giornate del Cinema Muto 36, Pordenone, 30 September | 7 October 2017


Es tut mir leid, daß meine Quellen meist nur englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.

Donnerstag, 23. Juli 2026

Stummfilme - Ein Hundeleben

Heute habe ich zwei Chaplins für euch. Ich meine nicht zwei Filme mit Chaplin, sondern zwei Chaplins in einem Film - Charlie und seinen Bruder Sydney.
Schauen wir uns "Ein Hundeleben" von 1918 an.


Hier die Handlung mit Spoilern.

Der kleine Tramp versucht das Beste aus seinem Leben auf der Straße zu machen, obwohl er draußen schläft, manchmal gezwungen ist, Essen zu stehlen und seine Zusammenstöße mit dem Gesetz hat.


Es ist nicht so, daß er nicht arbeiten will, aber in der Agentur stoßen ihn die anderen aus dem Weg und am Ende ist für ihn kein Job übrig.
Dann trifft er Scraps. Der kleine Streunerhund hat einen Knochen gefunden, der viele andere Hunde anlockt, und Charlie rettet Scraps aus dem Gerangel.

Ich gebe gerne zu, daß mir dabei gleich
ganz sentimental zumute wurde.
Der Rest des Rudels überfiel in der
Zwischenzeit einen Krämerladen.

An einem Kaffeestand nutzt Scraps die Chance, ein paar Würstchen zu stibitzen und der Tramp stopft sich jedes Mal den Mund mit Essen voll, wenn der Eigentümer grad nicht hinschaut.

Eine köstliche Szene. Der Standeigentümer
ist übrigens Sydney Chaplin.

Nun, da sie etwas zu essen gehabt haben, steuert der Tramp auf eine Tanzhalle zu. Leider bietet das "Green Lantern" zwar kostenlosen Tanz an, erlaubt aber keine Hunde, und sie werden rausgeworfen.
Er will Scraps aber nicht draußen lassen und versteckt ihn schlau. Wenn nur nicht der Schwanz durch ein Loch in der Hose herausgucken würde, wild wedelnd.


In der Bar ist eine neue Sängerin und Hostess, die das Publikum mit ihrem traurigen Lied zu Tränen rührt.
Der Barbesitzer will seine Gäste allerdings glücklich haben ... und durstig! "If you smile and wink, they'll buy a drink." Wenn du lächelst und zwinkerst, kaufen sie einen Drink.
Also versucht sie ihr Glück beim Tramp. Nach etwas Verwirrung bittet er sie um einen Tanz, der, gelinde gesagt, interessant ist.
Als der Bartender allerdings feststellt, daß er kein Geld hat, um Drinks zu kaufen, wirft er ihn hinaus.

Flirten für Anfänger.

Draußen überfallen zwei Gauner einen betrunkenen Gentleman und nehmen sich seine Brieftasche. Da sie von der Polizei verfolgt werden, vergräbt sie einer von ihnen in einem Loch neben dem bevorzugten Schlafplatz des Tramps.
Zum Glück findet Scraps die Brieftasche und zurück geht's zum "Green Lantern".
Inzwischen hat es die Sängerin geschafft, gefeuert zu werden, weil sie es ablehnt, mit einem anderen Kunden zu tanzen. Sie ist verzweifelt, weil der Besitzer sie nicht bezahlen will, aber der Tramp zeigt ihr das Geld, das er gefunden hat, und meint, daß sie aufs Land ziehen werden.
Zu dumm, daß die Gauner sie hören und sich die Brieftasche zurückholen. Der Tramp gibt allerdings nicht so schnell auf und es gelingt ihm, das Geld wiederzubekommen. 

Dem Gauner seine Arme "leihen" -
eine großartige Vorführung.

Die Gauner jagen ihn bis zum Kaffeestand, während des Gerangels fällt die Brieftasche zu Boden - von wo sie Scraps erfolgreich rettet, während die Gauner von der Polizei verhaftet werden und der Tramp entkommt. Der arme Standbesitzer bleibt verwirrt und lädiert zurück.

Am Ende sieht man das glückliche Paar auf ihrem Hof und ein Körbchen steht auf dem Boden - nicht mit einem Baby, sondern einem ganzen Wurf!


Zwei Dinge stechen in diesem Film klar heraus.

1. Scraps (Mutt im echten Leben) hat allen absolut die Show gestohlen. Sorry, Charlie und Edna und die anderen, ihr wart witzig, aber wir wissen alle, wer hier die wahre Heldin war.
2. Das Kleid der Sängerin. Ich konnte einfach nicht über dieses Meisterstück des Modedesigns hinwegkommen. Wir sollten alle solche Kleider tragen, Frauen, Männer, Kinder.
Es sah aus wie ein langer weißlicher Rock mit einem durchsichtigen schwarzen Top, über dem eine Art schwarze Schürze lag, deren zwei Teile an den Hüften durch schwarze Streifen verbunden waren. Aber halt! Da ist noch mehr. Ähm, ein flatterndes Stück Vorhang, das am Rücken befestigt ist?
"Wir brauchen noch ein Kleid für Edna. Oh hey, hier liegen noch ein paar übriggebliebene Stoffteile herum. Damit kann ich was anfangen!" Absolut brilliant 
😂


Nicht nur Scraps führt im Film ein Hundeleben, sondern auch der Tramp und die Sängerin, wenn auch nicht buchstäblich.
Die Assoziation zwischen den Szenen, in denen der Tramp den Kampf um einen Job in der Agentur und Scraps den um den Knochen verliert, ist offensichtlich.
Alle drei wurden zu diesem Leben gezwungen, was es in der Tat besonders herzerwärmend macht zu sehen, wie sie ihr Happy End bekommen (selbst wenn es auf unrechtmäßigem Geld gegründet ist). Ich war vollkommen darauf vorbereitet, sie eine einsame Straße in eine unsichere Zukunft hinuntergehen zu sehen, aber das gefiel mir viel besser.

Ich fand auch die Gags richtig gut und die "Choreographie", in der Chaplin so bewandert war.
In der Tat 32 angenehm verbrachte Minuten.

P.S. Ist euch an den Bildern etwas aufgefallen? Das vertraute Stöckchen fehlt. Ich schätze, ein Stöckchen und eine Leine wären zuviel gewesen.

Donnerstag, 16. Juli 2026

Stummfilme - Die verflixte Gastfreundschaft

Kennt ihr Lucky Luke noch, den Helden eines belgischen Western-Comicreihe? Eines der Comicalben heißt "Familienkrieg in Painful Gulch". Die Familien O'Timmins (große Nasen) und O'Hare (große Ohren) stecken in einer jahrzehntealten Familienfehde, ohne sich auch nur zu erinnern warum eigentlich. Lucky Luke wird zum Bürgermeister ernannt, damit er diese Fehde beendet.
Die Geschichte wurde von der historischen Hatfield-McCoy-Fehde in West Virginia und Kentucky im 19. Jahrhundert inspiriert.
Ihr wollt wissen, was das mit Stummfilmen zu tun hat? Ich bin froh, daß ihr gefragt habt.
Darf ich euch "Die verflixte Gastfreundschaft" von 1923 vorstellen?


Die Handlung (Spoiler voraus)!

Nachdem sich sein Vater John und James Canfield gegenseitig erschossen haben, wird Baby Willie McKay von seiner Mutter mit nach New York genommen, wo er aufwächst, ohne von der Fehde zwischen den Familien zu erfahren (ist euch die Ähnlichkeit der Namen zu den echten aufgefallen?), nach dem Tod seiner Mutter zieht ihn die Tante auf.

Das ist übrigens Keatons und Talmadges
erster Sohn Jimmy.

Dann erhält er einen Brief, der ihn auffordert, den Besitz seines Vaters im Süden zu beanspruchen, und er hat große Träume (tatsächlich handelt es sich nur um eine kleine verfallene Hütte).
Bevor er aber fährt, erzählt seine Tante ihm von der Fehde.


Im Zug - "Vorwärts eilte das Eisenmonster auf die Blue Ridge Mountains zu" dem Zwischentitel zufolge (immer von Willies Hund gefolgt!) - lernt er eine junge Dame kennen.
Die Zugfahrt ist recht ereignisreich. Sie müssen einen Tramp vom Zug ziehen, ein Mann bewirft den Lokführer mit Steinen, der daraufhin Holz von seinem Tender zurückwirft, das schnell von dem Mann aufgesammelt wird, sie haben eine sehr ruckelige Fahrt, da die Gleise buchstäblich über Stock und Stein hinweg verlegt sind, sie müssen die Gleise aus dem Weg ziehen, weil sich ein sturer Esel weigert, sich zu bewegen (natürlich läuft er davon, nachdem der Zug vorbeigefahren ist), sie entgleisen und der Zug fährt auf dem blanken Boden weiter, und einmal verliert die Lok sogar die Waggons und ist plötzlich hinter diesen - und das ist noch nicht alles (ich bin froh, daß meine Pendelei nicht so war).


Einmal angekommen erfahren wir - aber nicht Willie - daß die junge Dame im Zug Virginia Canfield ist, denn sie wird von ihrem Vater und den beiden Brüder Clayton und Lee abgeholt.
Später begegnet Willie Lee, der, nachdem er hört, daß Willie ein McKay ist, sofort erfolglos versucht, diesen zu töten, und dann nach Hause rennt, um seinen Vater und Clayton zu informieren. Während sie schon ihre Waffen wählen, sieht Willie zufällig Virginia in ihrem Hof und sie lädt ihn zum Abendessen ein.


Inzwischen sind alle männlichen Canfields hinter Willie her, der mit viel Glück - und auf witzige Art - entkommt.
Als er zum Abendessen auftaucht, sind die Canfields schockiert, ihn als Virginias Gast zu sehen. Dennoch macht Vater Canfield seinen Söhnen klar, daß ihr Ehrenkodex ihnen gebietet, ihm Gastfreundschaft zu gewähren ... aber nur im Haus, während er außerhalb davon Freiwild ist. Willie bekommt das Gespräch zufällig mit und fragt den Butler, wessen Haus das ist.
Von da an haben Willie und die Canfields ein Auge aufeinander, während sie nur darauf warten, daß er das Haus verläßt und sie ihre Chance bekommen
.

Der Pfarrer spricht das Tischgebet, aber
nur er und Virginia halten die Augen geschlossen ...

Zum Glück regnet es in Strömen, als der Pfarrer nach dem Abendessen nach Hause gehen will. Er wird eingeladen zu bleiben und Willie dehnt die Einladung auf sich selber aus, entschlossen, das Haus nie mehr zu verlassen. Als Virginia aber erfährt, daß er ein McKay ist, kann sie sich keine Zukunft für sie beide vorstellen.
Willie hofft in Verkleidung zu entkommen und die Jagd beginnt (die Keaton reichlich Gelegenheit für seine waghalsigen Stunts gibt).


Dank dem Pfarrer gibt es ein Happy End, da es ihm gelingt, Willie und Virginia rechtzeitig miteinander zu verheiraten, bevor die Canfields wieder daheim sind, und wie könnte Dad dem Blick in den Augen seiner Tochter widerstehen?


Mit dem Film hatte ich jetzt mal richtig Spaß!
Ich werde schamlos ein wenig aus Jim Emersons Kritik klauen (der Link ist unten, leider ist es nur ein Teil eines Artikels, dessen Link nicht mehr funktioniert).

"Zu den Dingen, die man dadurch lernt, daß man Buster Keatons "Die verflixte Gastfreundschaft" anschaut, gehören
:

● eine neuartige Methode, einfach Brennholz zu sammeln

● wie man einen Esel von Bahngleisen wegbewegt oder umgekehrt

● wie man ein Boot improvisiert

● wie man aus einem Pferdehintern eine Lady macht

● wie man in einem Wagen mit niedriger Decke einen Zylinder aufsetzt (und warum ein flacher Hut so offensichtlich vorzuziehen ist)

In anderen Worten, diesen Film anzuschauen wird euer Leben maßlos verbessern."


Keaton, der Züge liebte, siedelte den Film früher an als die historische Fehde, damit er eine Nachbildung der britischen Dampflok Stephenson's Rocket von 1829 verwenden konnte. Die Zugfahrt ist mein liebster Teil im Film, sie ist zum Brüllen. Ich tat mich schwer, die Anzahl von Bildern dazu zu beschränken.
Das heißt aber nicht, daß die Jagd nicht ebenfalls witzig und tatsächlich spannend war.
Wie gewöhnlich machte Keaton die meisten seiner Stunts selber. Zwei davon wurden gefährlich für ihn, einmal als ein Draht brach und Keaton im Wasser davongespült wurde - wie man im Film sehen kann, denn der Kameramann hatte Anweisungen weiterzufilmen -  und einmal als er über dem Wasserfall baumelte und soviel Wasser schluckte, daß man ihm den Magen auspumpen mußte!

Es gibt eine Menge visueller Gags, aber kein Slapstick, da das für einen abendfüllenden Film, der von seiner Geschichte abhing, die ja auf tragischen Ereignissen beruhte, nicht gepaßt hätte.
Dies war Keatons zweiter langer Film, der erste war jedoch noch episodisch gewesen. Er war außerdem eine Familienunternehmung. Der Produzent Joseph M. Schenck war Keatons Schwippschwager, Baby Keaton haben wir schon gesehen, Virginia ist Natalie Talmadge - zu der Zeit noch mit Buster verheiratet und mit ihrem zweiten Kind schwanger - und der Lokführer ist Joe Keaton, Busters Vater. 

Rundum eine Empfehlung von mir!


Quellen und weitere Lektüre (englischsprachig):

1. Jim Emerson: Our Hospitality: Buster Keaton and gravity. Auf: RogerEbert.com, Scanners, 14. Dezember 2012
2. Jeffrey Vance: Our Hospitality. Auf: San Francisco Silent Film Festival. Essay. 2019
3. Hal C. F. Astell: Our Hospitality (1923). Auf: Apocalypse Later, 19. November 2023


Es tut mir leid, daß meine Quellen meist nur englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.