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Donnerstag, 6. August 2026

Stummfilme - Der blaue Vogel

Ich hatte schon früher von dem blauen Vogel des Glücks gehört, gesehen, wie er Schmuck und Kunst inspiriert, habe sogar ein Lied gefunden, aber ich konnte mich nicht daran erinnern, jemals eine Ursprungsgeschichte gehört zu haben, außerdem schien mir, daß er in Deutschland nicht so bekannt war. Woher kam der blaue Vogel des Glücks? Es scheint, daß das Symbol in vielen Kulturen zu finden ist.
Auf jeden Fall habe ich heute für euch
 "Der blaue Vogel" von 1918. Schnallt euch an, das wird eine wilde Fahrt.


Fangen wir wie üblich mit der Handlung an (Spoileeer!).

Es war einmal eine ärmliche Familie - Daddy Tyl, Mummy Tyl, ihr Sohn Tyltyl und ihre Tochter Mytyl.
Auf der anderen Straßenseite war das Haus der reichen Kinder und in der Nähe die Hütte der armen Nachbarin Berlingot und ihrer kleinen Tochter.
Berlingot hat ihrer Tochter vom Vogel des Glücks erzählt und das kranke Mädchen denkt, daß sie vielleicht auch glücklich wäre, wenn sie Mytyls Vogel hätte. Mytyl lehnt es jedoch ab, ihr ihren Vogel zu geben - was ich ehrlich gesagt für ein Kind nicht so ungewöhnlich halte.

Eeeenttäuscht!

In der Nacht schauen die zwei Kinder bei der Feier zu, die im Haus der reichen Kinder stattfindet, und denken sich, wie schön es wäre, aus Spaß statt aus Hunger zu essen, als Berlingot hereinkommt und fragt, ob sie "den Vogel, der blau ist", haben. Aber ist es Berlingot? Nein, es ist tatsächlich die Fee Bérylune, die ihnen sagt, daß sie sich auf die Suche nach dem blauen Vogel des Glücks machen müssen. Sie gibt Tyltyl eine Samtkappe. Den Diamanten darauf zu drehen wird den Kinder das Innere von Dingen zeigen.

Ich bin eine Fee und ich erschrecke gern mitten in der Nacht
Kinder, damit sie mit mir auf eine magische Mission gehen.

Tyltyl dreht den Diamanten und die Dinge zeigen ihre wahre Seele - Brot, Milch, Wasser, Feuer, Licht, Zucker, die Familienkatze und der Hund, sie alle werden die Kinder begleiten.

Abflug!

Es ist eine gefährliche Mission und als die Katze fragt, meint Bérylune, daß der Tod auf alle wartet, die mit den Kindern gehen. Toll. Das nenne ich mal Motivation. Ich bin nicht überrascht, daß die Katze nicht glücklich ist.

Tja, ja, ihr werdet alle sterben. Findet euch damit ab.

Als erstes halten sie bei Bérylunes Palast an - den sie von dem verstorbenen Herrn Blaubart geerbt hat (wenn sie eine Verwandte von ihm ist, könnte das den sicheren Tod am Ende der Reise erklären).
Die Katze nutzt die Gelegenheit und versucht die anderen "Dinge" zu überzeugen, daß es in ihrem eigenen Interesse liegt, das Auffinden des Vogels zu verhindern, auch wenn das das Leben der Kinder gefährdet. Der Hund droht, die Katze erst zu erwürgen und dann zu verpfeifen.
Ich habe es echt satt, daß Katzen so oft zum Bösewicht gemacht werden, distanziert, verräterisch, selbstsüchtig oder was auch immer genannt werden. Ich sag's nur. In meinen Augen half es dem Film nicht, denn ich habe auch sein Makeup gehaßt, das ihn echt gemein aussehen ließ.
Okay, zurück zur Handlung.

Die Gruppe besucht verschiedene Paläste, um nach dem blauen Vogel zu suchen ...
- den Palast der Nacht (sehr cool, da gibt es Geister)
- den Friedhof der glücklichen Toten (wo sie nicht nur ihre toten Großeltern treffen, sondern auch ihre toten Geschwister, sieben an der Zahl!)
- den Palast des Glücks (mit den Luxuriösen, wie zum Beispiel Schläft-Mehr-Als-Notwendig, aber auch den Freuden, von den beinahe alle seltsamerweise durch junge Damen in ätherischen aber recht knappen Outfits (siehe unten) repräsentiert werden, mit Ausnahme der Freude der mütterlichen Liebe)
- im Königreich der Zukunft, wo wir die Kinder finden, die darauf warten, geboren zu werden (ein künftiges Tyl-Kind inklusive, ich wünschte, sie hätten uns seinen Namen gesagt) und wir sehen, wie ihre Mütter auf sie warten,
 

aber den richtigen Vogel finden sie nirgendwo.

Das Oberste Glück zeigt den Kindern das Glück der Reinen
Luft, das Glück des Frühlings, die Freuden der Reinen
Gedanken, die Freude von Wald Wiese und Tal, das Glück
die Sterne aufgehen zu sehen und das Glück zu lieben.

Also sagen sie Lebwohl zu den "Dingen", deren Seelen nun wieder unsichtbar für sie sein werden, während der Hund die Katze verprügelt, ist ja klar, und kehren nach Hause zurück, nur um festzustellen, daß ihr Vogel viel blauer als vorher aussieht. Der blaue Vogel war die ganze Zeit in ihrem eigenen Heim!
Oh, und falls ihr euch fragt, Bérylune ist ja so ein Scherzkeks! Niemand ist gestorben, es sei denn, ihr zählt, daß die meisten von ihnen in den unbelebten Zustand zurückkehren.
Natürlich geben sie der Witwe Berlingot den Vogel für ihre Tochter und es macht sie "so glücklich, so glücklich"! Die Witwe kommt mit ihrer Tochter zurück, die ebenfalls so glücklich ist ... bis der Vogel auf einen hohen Baum abhaut.
Tyltyl tröstet sie, indem er ihr sagt, daß es ausgereicht hat, den Vogel zu finden und ihn im Herzen zu behalten, bevor er die vierte Wand durchbricht und dem Publikum sagt, daß sie nach dem Vogel "zuerst in eurem eigenem Heim suchen sollen, WO ER AM EHESTEN ZU FINDEN IST!".
Ähm, ich reagiere echt nicht gut darauf, wenn mich Leute anschreien, aber okay.


Vielleicht habt ihr gemerkt, daß der Film nicht komplett mein Ding war.
Ich bereue nicht, ihn angeschaut zu haben. Es sind wunderschöne Bilder in dem Film, die es das wert machten. Manche davon waren atmosphärisch, traumartig, und erinnerten mich an den viktorianischen Feenhype (wahrsheinlich rein wegen der Anzahl an tanzenden und hüpfenden Frauen). Wie ihr sehen könnt, ist auch die Färbung wirklich schön und trägt zum romantischen Gefühl bei.
Ich mochte auch die Tricks, die an
 Méliès erinnerten, das tanzende Feuer, das Wasser, das aus dem Wasserhahn rann, oder die Milch vom Tisch, bevor sie zu Menschen wurden.
Und ihr wißt wahrscheinlich inzwischen, daß ich das Bizarre interessant finde.

Wovon ich allerdings kein großer Fan bin ist, wenn man mir ohne jegliche Feinheit Moral an den Kopf wirft.
Nicht daß an der Botschaft an sich etwas falsch wäre. Reine Luft, Frühling und durch den Wald tanzen hört sich völlig in Ordnung an, aber im Grunde sagt man uns, daß wir mit dem zufrieden sein sollen, was wir haben, egal wie wenig es ist. Und die Tyls und Berlingot haben echt wenig, während die reichen Kinder auf der anderen Straßenseite das Gesicht vollstopfen, und das fand ich einfach nicht gut. Und natürlich die Katze. Das hat mich echt geärgert.
Aber natürlich ist alles sehr symbolisch und eine Allegorie. Was an mich irgendwie verschwendet ist. Tut mir leid.

Der Film basiert auf einem Theaterstück von
 Maurice Maeterlinck, einem belgischen Stückeschreiber und Poeten, der 1911 den Literaturnobelpreis gewann.
Ich habe das Stück nicht gelesen und keine der anderen Verfilmungen gesehen (es scheint, die Version von 1940 mit Shirley Temple war recht beliebt?) und habe das auch nicht vor. Tatsächlich hatte ich "Der blaue Vogel" das erste Mal in Noel Streatfeilds "Ballet Shoes" erwähnt gesehen, das ich vor einer Weile gelesen habe, so fand ich auch den Film.

Würde ich empfehlen, ihn anzuschauen? Sagen wir mal, er ist eine Erfahrung, aber wenn ich es täte, dann nur für die Bilder und Atmosphäre und nicht die Geschichte. Oh, und ich fand die Musik zu der Version, die ich angeschaut habe, toll.


Ausgewählte Quellen und weitere Lektüre (englischsprachig):

1. Richard Hildreth: The Blue Bird. Essay auf: San Francisco Silent Film Festival 2004
2. Lea Stans: Obscure Films: "The Blue Bird" (1918). Auf: Silent-ology, 9. September 2017
3. Fritzi Kramer: The Blue Bird (1918) - A Silent Film Review. Auf: Movies Silently, 21. Februar 2016


Es tut mir leid, daß meine Quellen meist nur englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.


Eine letzte ernsthafte Frage - kann mir jemand das Design dieses Huts erklären? Gibt es einen Grund dafür, daß er so aussieht? Ist das wohl eine Anspielung auf eine übergroße phrygische Mütze, was denkt ihr?

Donnerstag, 30. Juli 2026

Stummfilme - The Reckless Age

Habt ihr jemals von "Floyd's of London" gehört? Ich bin mir ziemlich sicher daß nicht, denn es ist eine Anspielung auf "Lloyd's of London", den berühmten Versicherungsmarkt.
Ja, heute sind wir in der Welt der Versicherungen und ihr könnt euch vorstellen, daß es eine ungewöhnliche sein wird, mit der wir es in "The Reckless Age" von 1924 zu tun haben.


Zunächst die Handlung (Spoiler!).

Lord Allan Harrowby aus London trifft sich mit den beiden Topmanagern von Floyd's of London.
Er hat eine ungewöhnliche Bitte. Er wird bald die Erbin Cecilia Meyrick heiraten und möchte eine Versicherung über 100000 $ abschließen für den Fall, daß sie ihre Meinung ändert.
Die Manager stimmen zu, aber zuerst muß er eine Vereinbarung unterschreiben, daß es keine Kompensation geben wird, falls die Hochzeit aufgrund Aktionen seinerseits ausfällt. Außerdem werden sie ihren Risikomanager Richard Minot mit nach Florida schicken, um sicherzustellen, daß die Hochzeit stattfindet.


Sie setzen all ihr Vertrauen auf Dick, der sie bis jetzt noch nie enttäuscht hat, und geben ihm ein Zeichen ihrer Wertschätzung, eine Uhr.
Die Uhr ist auf der Rückseite graviert - und nein, ich habe absolut keine Ahnung, ob sie zu geizig waren, die echte Uhr für den Film gravieren zu lassen oder ob dieses Bild im einzig existierenden Abzug fehlte und durch dieses Meisterstück ersetzt wurde (das zweimal vorkommt).


Im Zug begegnet Dick zufällig Cecilia. Unglückseligerweise ist es für ihn Liebe auf den ersten Blick, was diese ganze Mission für ihn nun sehr unangenehm macht.
Obwohl Cecilia sich auch zu Dick hingezogen fühlt, will sie unbedingt rechtzeitig zu dem Lunch in San Marco kommen, bei dem ihre Verlobung verkündet werden wird.



Als der Zug durch eine Schweinefamilie aufgehalten wird, beschließt Dick, ein "Taxy" zu nehmen, um Cecilia rechtzeitig zu dem Lunch zu bringen. Die Zug-Auto-Jagd führt zu einem echt coolen Stunt, der mich hochfahren ließ.

Von diesem Moment an hat es Dick schwer, diese Hochzeit zustandezubringen.
Cecilia ist sich ganz und gar nicht mehr sicher, sie und Dick flirten ständig.
Der naive Lord Harrowby freundet sich mit dem Schwindler Martin Wall an.
Eine wertvolle Diamantenkette wird direkt von Cecilias Hals weg gestohlen.
 
Cecilia wird hinübergeschubst, um bei
Lord Harrowby in Ohnmacht zu fallen.

Ein Mann taucht auf und behauptet, der echte Lord Harrowby zu sein. Dick läßt ihn auf Walls Yacht bringen, um ihn aus dem Weg zu haben.
Die Schauspielerin Gabrielle Rose, mit der der Lord früher mal eine Affäre hatte, trifft ein. Sie droht, ihn wegen des Brechens seines Eheversprechens zu verklagen. Zum Glück findet Dick einen Beweis dafür, daß sie zu der Zeit schon verheiratet war und immer noch nicht geschieden ist.

Seid ihr schon verwirrt? Denn ihr müßt wissen, wir sind noch nicht mal halb durch mit dem Film.

In der Zwischenzeit hat Allan Wall in der Police eingetragen, weil er ihm das Geld leiht, daß er glaubt zu brauchen, um Gabrielle Rose loszuwerden. Natürlich erkennt Wall seine Chance, eine Menge Geld zu machen, wenn er den anderen Lord ins Spiel zurückholt.
Cecilias Vater verlangt eine Identifizierung, wenn die Hochzeit stattfinden soll.
Allans Reaktion darauf ist es wegzulaufen. Es sieht nicht gut für ihn aus.
Gut jedoch für Dick und Cecilia. Nur will sie das nicht sehen, weil sie immer noch nicht weiß, warum Dick alles getan hat, um diese Hochzeit durchzudrücken, obwohl er sagt, daß er sie liebt. Es ist recht verständlich, daß sie wütend ist.


Und wißt ihr was, der Lord ist zurück! Er ist in Gesellschaft des Duke und der Duchess von Lismore, die Freunde von ihm und auch den Meyricks sind.
Der andere Lord wird vorgestellt und Lismore erkennt ihn als den früheren Butler. Noch ein Hindernis ist aus dem Weg geschafft.


Martin Wall arbeitet jedoch noch immer an seinem Plan. Er bietet dem Herausgeber der örtlichen Zeitung 1000 $ an, damit er die Versicherungsstory in die nächste Ausgabe bringt.
Der Herausgeber denkt, daß er noch mehr rausholen kann, druckt die Geschichte und geht mit dem Angebot zu Cecilias Vater, die Ausgabe zu zerstören, wenn er die Zeitung für 20000 $ kauft.
Natürlich ist Wall nicht glücklich, als er das herausfindet, sie fangen an zu kämpfen, Dick kommt dazu und macht mit (Denny war früher Boxer und fing auch in Boxfilmen an), dann noch die Angestellten, und am Ende liegt das gesamte Büro in Trümmern. Als Allan und Cecilia auftauchen, erfährt Cecilia von der Versicherung und Dicks Rolle dabei. Natürlich ist die Hochzeit jetzt endgültig abgesagt und auch Dick hat nicht besonders gute Karten.


Wall versucht, Anspruch auf das Geld zu erheben, aber da es Allans Schuld war, daß er ihm davon erzählt hat, ist die Police hinfällig. Dazu ersccheint dann noch ein Polizist, weil in Walls Zimmer die Halskette und weitere Juwelen gefunden wurden, ja, er hat sogar die Yacht gestohlen!

Dick und Cecilia treffen sich wieder, als der Zug, in dem sie sitzen, ein Problem hat und sie beim selben "Taxy" landen. Der Fahrer merkt, daß etwas zwischen ihnen nicht stimmt und fährt absichtlich so wild, daß sie aneinander stoßen - bis sie nicht mehr widerstehen können.


Ich weiß, daß es sich wie ein sehr verwirrender Film anhört, aber das ist er echt nicht.
Dick kümmert sich um ein Problem nach dem anderen und Floyds Vertrauen in ihn ist absolut gerechtfertigt, weil er das gut macht.
Denny war in den 20ern ein beliebter Schauspieler (und arbeitete noch bis zu seinem Tod im Film, daneben war er außerdem Ingenieur und Erfinder), was nicht überraschend ist, denn er war gut in Romantik, Komödie, aber auch Action.
Dank ihm und Ruth Dwyer ist dieses eine süße kleine Romantikkomödie.
Wie ihr vielleicht wißt, haben Dollarprinzessin absolut existiert - reiche Erbinnen, die in Adelsfamilien in Geldnöten einheirateten. In diesem Fall ist der Lord sogar in Cecilia verliebt - das waren bei diesen Ehen nicht immer der Fall - obwohl ich mir bei ihren Gefühlen nicht ganz sicher bin, denn sie verliebt sich schrecklich schnell in Dick.
Nicht mal die Versicherung ist
so ungewöhnlich. Es gibt in der Tat eine Versicherungsgesellschaft, die eine Police zur "Meinungsänderung" anbietet, nur nicht so kurz vor dem Hochzeitstermin.
Der einzige peinliche Moment war, daß der Taxifahrer ein Fall von Blackface war.

Als ich sah, daß dies eine Verfilmung des Buchs "Love Insurance" von Earl Derr Biggers war, hatte ich gerade ein anderes Buch fertig und dachte mir, warum nicht?
Obwohl ich nur vor Jahren ein oder zwei der Bücher gelesen und ein oder zwei der Filme gesehen hatte, war mir Biggers als der Schöpfer von Charlie Chan vertraut. Mir war nicht bewußt gewesen, daß er auch Journalist und Stückeschreiber war und außerdem andere erfolgreiche Romane vor Charlie Chan geschrieben hatte.

Ihr dachtet, im Film sei viel passiert?
Obwohl die Handlung grundsätzlich die gleich war, gab es im Buch sogar noch mehr Leute und Wendungen! Aus irgendeinem Grund machte der Film aus Lloyd's Floyd's und aus Cynthia Cecilia.
Die Geschichte erschien 1914 als Serie in mehreren Zeitungen und wurde später im Jahr dann als Buch veröffentlicht. Es war recht amüsant zu lesen, so sehr, daß ich auch andere von Biggers' vor-Chan-Büchern auf meine Liste setzte, aber ich denke, es wäre sinnvoller gewesen, das Buch nicht am Stück zu lesen, um das Wirbelwindgefühl etwas im Zaum zu halten. Naja, diese schlaflosen Nächte halt.


Quelle:

Marc Wanamaker/Kimberly Pucci/Janice Simpson: The Reckless Age (L'età frenetica). Auf: Le Giornate del Cinema Muto 36, Pordenone, 30 September | 7 October 2017


Es tut mir leid, daß meine Quellen meist nur englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.

Donnerstag, 23. Juli 2026

Stummfilme - Ein Hundeleben

Heute habe ich zwei Chaplins für euch. Ich meine nicht zwei Filme mit Chaplin, sondern zwei Chaplins in einem Film - Charlie und seinen Bruder Sydney.
Schauen wir uns "Ein Hundeleben" von 1918 an.


Hier die Handlung mit Spoilern.

Der kleine Tramp versucht das Beste aus seinem Leben auf der Straße zu machen, obwohl er draußen schläft, manchmal gezwungen ist, Essen zu stehlen und seine Zusammenstöße mit dem Gesetz hat.


Es ist nicht so, daß er nicht arbeiten will, aber in der Agentur stoßen ihn die anderen aus dem Weg und am Ende ist für ihn kein Job übrig.
Dann trifft er Scraps. Der kleine Streunerhund hat einen Knochen gefunden, der viele andere Hunde anlockt, und Charlie rettet Scraps aus dem Gerangel.

Ich gebe gerne zu, daß mir dabei gleich
ganz sentimental zumute wurde.
Der Rest des Rudels überfiel in der
Zwischenzeit einen Krämerladen.

An einem Kaffeestand nutzt Scraps die Chance, ein paar Würstchen zu stibitzen und der Tramp stopft sich jedes Mal den Mund mit Essen voll, wenn der Eigentümer grad nicht hinschaut.

Eine köstliche Szene. Der Standeigentümer
ist übrigens Sydney Chaplin.

Nun, da sie etwas zu essen gehabt haben, steuert der Tramp auf eine Tanzhalle zu. Leider bietet das "Green Lantern" zwar kostenlosen Tanz an, erlaubt aber keine Hunde, und sie werden rausgeworfen.
Er will Scraps aber nicht draußen lassen und versteckt ihn schlau. Wenn nur nicht der Schwanz durch ein Loch in der Hose herausgucken würde, wild wedelnd.


In der Bar ist eine neue Sängerin und Hostess, die das Publikum mit ihrem traurigen Lied zu Tränen rührt.
Der Barbesitzer will seine Gäste allerdings glücklich haben ... und durstig! "If you smile and wink, they'll buy a drink." Wenn du lächelst und zwinkerst, kaufen sie einen Drink.
Also versucht sie ihr Glück beim Tramp. Nach etwas Verwirrung bittet er sie um einen Tanz, der, gelinde gesagt, interessant ist.
Als der Bartender allerdings feststellt, daß er kein Geld hat, um Drinks zu kaufen, wirft er ihn hinaus.

Flirten für Anfänger.

Draußen überfallen zwei Gauner einen betrunkenen Gentleman und nehmen sich seine Brieftasche. Da sie von der Polizei verfolgt werden, vergräbt sie einer von ihnen in einem Loch neben dem bevorzugten Schlafplatz des Tramps.
Zum Glück findet Scraps die Brieftasche und zurück geht's zum "Green Lantern".
Inzwischen hat es die Sängerin geschafft, gefeuert zu werden, weil sie es ablehnt, mit einem anderen Kunden zu tanzen. Sie ist verzweifelt, weil der Besitzer sie nicht bezahlen will, aber der Tramp zeigt ihr das Geld, das er gefunden hat, und meint, daß sie aufs Land ziehen werden.
Zu dumm, daß die Gauner sie hören und sich die Brieftasche zurückholen. Der Tramp gibt allerdings nicht so schnell auf und es gelingt ihm, das Geld wiederzubekommen. 

Dem Gauner seine Arme "leihen" -
eine großartige Vorführung.

Die Gauner jagen ihn bis zum Kaffeestand, während des Gerangels fällt die Brieftasche zu Boden - von wo sie Scraps erfolgreich rettet, während die Gauner von der Polizei verhaftet werden und der Tramp entkommt. Der arme Standbesitzer bleibt verwirrt und lädiert zurück.

Am Ende sieht man das glückliche Paar auf ihrem Hof und ein Körbchen steht auf dem Boden - nicht mit einem Baby, sondern einem ganzen Wurf!


Zwei Dinge stechen in diesem Film klar heraus.

1. Scraps (Mutt im echten Leben) hat allen absolut die Show gestohlen. Sorry, Charlie und Edna und die anderen, ihr wart witzig, aber wir wissen alle, wer hier die wahre Heldin war.
2. Das Kleid der Sängerin. Ich konnte einfach nicht über dieses Meisterstück des Modedesigns hinwegkommen. Wir sollten alle solche Kleider tragen, Frauen, Männer, Kinder.
Es sah aus wie ein langer weißlicher Rock mit einem durchsichtigen schwarzen Top, über dem eine Art schwarze Schürze lag, deren zwei Teile an den Hüften durch schwarze Streifen verbunden waren. Aber halt! Da ist noch mehr. Ähm, ein flatterndes Stück Vorhang, das am Rücken befestigt ist?
"Wir brauchen noch ein Kleid für Edna. Oh hey, hier liegen noch ein paar übriggebliebene Stoffteile herum. Damit kann ich was anfangen!" Absolut brilliant 
😂


Nicht nur Scraps führt im Film ein Hundeleben, sondern auch der Tramp und die Sängerin, wenn auch nicht buchstäblich.
Die Assoziation zwischen den Szenen, in denen der Tramp den Kampf um einen Job in der Agentur und Scraps den um den Knochen verliert, ist offensichtlich.
Alle drei wurden zu diesem Leben gezwungen, was es in der Tat besonders herzerwärmend macht zu sehen, wie sie ihr Happy End bekommen (selbst wenn es auf unrechtmäßigem Geld gegründet ist). Ich war vollkommen darauf vorbereitet, sie eine einsame Straße in eine unsichere Zukunft hinuntergehen zu sehen, aber das gefiel mir viel besser.

Ich fand auch die Gags richtig gut und die "Choreographie", in der Chaplin so bewandert war.
In der Tat 32 angenehm verbrachte Minuten.

P.S. Ist euch an den Bildern etwas aufgefallen? Das vertraute Stöckchen fehlt. Ich schätze, ein Stöckchen und eine Leine wären zuviel gewesen.

Donnerstag, 16. Juli 2026

Stummfilme - Die verflixte Gastfreundschaft

Kennt ihr Lucky Luke noch, den Helden eines belgischen Western-Comicreihe? Eines der Comicalben heißt "Familienkrieg in Painful Gulch". Die Familien O'Timmins (große Nasen) und O'Hare (große Ohren) stecken in einer jahrzehntealten Familienfehde, ohne sich auch nur zu erinnern warum eigentlich. Lucky Luke wird zum Bürgermeister ernannt, damit er diese Fehde beendet.
Die Geschichte wurde von der historischen Hatfield-McCoy-Fehde in West Virginia und Kentucky im 19. Jahrhundert inspiriert.
Ihr wollt wissen, was das mit Stummfilmen zu tun hat? Ich bin froh, daß ihr gefragt habt.
Darf ich euch "Die verflixte Gastfreundschaft" von 1923 vorstellen?


Die Handlung (Spoiler voraus)!

Nachdem sich sein Vater John und James Canfield gegenseitig erschossen haben, wird Baby Willie McKay von seiner Mutter mit nach New York genommen, wo er aufwächst, ohne von der Fehde zwischen den Familien zu erfahren (ist euch die Ähnlichkeit der Namen zu den echten aufgefallen?), nach dem Tod seiner Mutter zieht ihn die Tante auf.

Das ist übrigens Keatons und Talmadges
erster Sohn Jimmy.

Dann erhält er einen Brief, der ihn auffordert, den Besitz seines Vaters im Süden zu beanspruchen, und er hat große Träume (tatsächlich handelt es sich nur um eine kleine verfallene Hütte).
Bevor er aber fährt, erzählt seine Tante ihm von der Fehde.


Im Zug - "Vorwärts eilte das Eisenmonster auf die Blue Ridge Mountains zu" dem Zwischentitel zufolge (immer von Willies Hund gefolgt!) - lernt er eine junge Dame kennen.
Die Zugfahrt ist recht ereignisreich. Sie müssen einen Tramp vom Zug ziehen, ein Mann bewirft den Lokführer mit Steinen, der daraufhin Holz von seinem Tender zurückwirft, das schnell von dem Mann aufgesammelt wird, sie haben eine sehr ruckelige Fahrt, da die Gleise buchstäblich über Stock und Stein hinweg verlegt sind, sie müssen die Gleise aus dem Weg ziehen, weil sich ein sturer Esel weigert, sich zu bewegen (natürlich läuft er davon, nachdem der Zug vorbeigefahren ist), sie entgleisen und der Zug fährt auf dem blanken Boden weiter, und einmal verliert die Lok sogar die Waggons und ist plötzlich hinter diesen - und das ist noch nicht alles (ich bin froh, daß meine Pendelei nicht so war).


Einmal angekommen erfahren wir - aber nicht Willie - daß die junge Dame im Zug Virginia Canfield ist, denn sie wird von ihrem Vater und den beiden Brüder Clayton und Lee abgeholt.
Später begegnet Willie Lee, der, nachdem er hört, daß Willie ein McKay ist, sofort erfolglos versucht, diesen zu töten, und dann nach Hause rennt, um seinen Vater und Clayton zu informieren. Während sie schon ihre Waffen wählen, sieht Willie zufällig Virginia in ihrem Hof und sie lädt ihn zum Abendessen ein.


Inzwischen sind alle männlichen Canfields hinter Willie her, der mit viel Glück - und auf witzige Art - entkommt.
Als er zum Abendessen auftaucht, sind die Canfields schockiert, ihn als Virginias Gast zu sehen. Dennoch macht Vater Canfield seinen Söhnen klar, daß ihr Ehrenkodex ihnen gebietet, ihm Gastfreundschaft zu gewähren ... aber nur im Haus, während er außerhalb davon Freiwild ist. Willie bekommt das Gespräch zufällig mit und fragt den Butler, wessen Haus das ist.
Von da an haben Willie und die Canfields ein Auge aufeinander, während sie nur darauf warten, daß er das Haus verläßt und sie ihre Chance bekommen
.

Der Pfarrer spricht das Tischgebet, aber
nur er und Virginia halten die Augen geschlossen ...

Zum Glück regnet es in Strömen, als der Pfarrer nach dem Abendessen nach Hause gehen will. Er wird eingeladen zu bleiben und Willie dehnt die Einladung auf sich selber aus, entschlossen, das Haus nie mehr zu verlassen. Als Virginia aber erfährt, daß er ein McKay ist, kann sie sich keine Zukunft für sie beide vorstellen.
Willie hofft in Verkleidung zu entkommen und die Jagd beginnt (die Keaton reichlich Gelegenheit für seine waghalsigen Stunts gibt).


Dank dem Pfarrer gibt es ein Happy End, da es ihm gelingt, Willie und Virginia rechtzeitig miteinander zu verheiraten, bevor die Canfields wieder daheim sind, und wie könnte Dad dem Blick in den Augen seiner Tochter widerstehen?


Mit dem Film hatte ich jetzt mal richtig Spaß!
Ich werde schamlos ein wenig aus Jim Emersons Kritik klauen (der Link ist unten, leider ist es nur ein Teil eines Artikels, dessen Link nicht mehr funktioniert).

"Zu den Dingen, die man dadurch lernt, daß man Buster Keatons "Die verflixte Gastfreundschaft" anschaut, gehören
:

● eine neuartige Methode, einfach Brennholz zu sammeln

● wie man einen Esel von Bahngleisen wegbewegt oder umgekehrt

● wie man ein Boot improvisiert

● wie man aus einem Pferdehintern eine Lady macht

● wie man in einem Wagen mit niedriger Decke einen Zylinder aufsetzt (und warum ein flacher Hut so offensichtlich vorzuziehen ist)

In anderen Worten, diesen Film anzuschauen wird euer Leben maßlos verbessern."


Keaton, der Züge liebte, siedelte den Film früher an als die historische Fehde, damit er eine Nachbildung der britischen Dampflok Stephenson's Rocket von 1829 verwenden konnte. Die Zugfahrt ist mein liebster Teil im Film, sie ist zum Brüllen. Ich tat mich schwer, die Anzahl von Bildern dazu zu beschränken.
Das heißt aber nicht, daß die Jagd nicht ebenfalls witzig und tatsächlich spannend war.
Wie gewöhnlich machte Keaton die meisten seiner Stunts selber. Zwei davon wurden gefährlich für ihn, einmal als ein Draht brach und Keaton im Wasser davongespült wurde - wie man im Film sehen kann, denn der Kameramann hatte Anweisungen weiterzufilmen -  und einmal als er über dem Wasserfall baumelte und soviel Wasser schluckte, daß man ihm den Magen auspumpen mußte!

Es gibt eine Menge visueller Gags, aber kein Slapstick, da das für einen abendfüllenden Film, der von seiner Geschichte abhing, die ja auf tragischen Ereignissen beruhte, nicht gepaßt hätte.
Dies war Keatons zweiter langer Film, der erste war jedoch noch episodisch gewesen. Er war außerdem eine Familienunternehmung. Der Produzent Joseph M. Schenck war Keatons Schwippschwager, Baby Keaton haben wir schon gesehen, Virginia ist Natalie Talmadge - zu der Zeit noch mit Buster verheiratet und mit ihrem zweiten Kind schwanger - und der Lokführer ist Joe Keaton, Busters Vater. 

Rundum eine Empfehlung von mir!


Quellen und weitere Lektüre (englischsprachig):

1. Jim Emerson: Our Hospitality: Buster Keaton and gravity. Auf: RogerEbert.com, Scanners, 14. Dezember 2012
2. Jeffrey Vance: Our Hospitality. Auf: San Francisco Silent Film Festival. Essay. 2019
3. Hal C. F. Astell: Our Hospitality (1923). Auf: Apocalypse Later, 19. November 2023


Es tut mir leid, daß meine Quellen meist nur englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.

Donnerstag, 9. Juli 2026

Stummfilme - Bare Knees

Wenn ich euch sage, daß es in diesem Film um einen Flapper geht, die bei ihrer Schwester und ihrem sehr ehrbaren Mann in einer sehr ehrbaren Stadt leben wird, könnt ihr euch wahrscheinlich vorstellen, was passieren wird. Aber könnt ihr das wirklich?
Heute spreche ich über "Bare Knees" von 1928.


Als erstes die Handlung (Spoileralarm!).

Wir starten im Longworth-Haushalt am Geburtstag der Ehefrau Jane, aber ihr Mann John ist wieder mal spät daheim - das Schicksal eines Bezirksstaatsanwalts - während sein bester Freund Paul schon eine Stunde lang da ist.
Paul hat ihr Parfüm geschenkt, John eine Stola (man merkt, daß Jane das Parfüm lieber ist).


Es ist außerdem ein Telegramm von Janes Schwester Billie da (Virginia Lee Corbin hat das wirklich witzig gespielt), die noch am selben Abend bei der sehr respektierlichen Geburtstagsfeier auftaucht - ein Flapper vom Bob bis zu den nackten Knien.
Der Effekt ist erstaunlich, von schockierten Blicken bis zum großen Interesse einiger junge Männer, Larry eingeschlossen, der für John arbeitet. Es ist aber nicht nur ihre Aufmachung, die die anständigen Leute von Hanfor City schockiert, sondern auch ihre schnodderige Art zu reden, ihre Respektlosigkeit und ihr Geschenk, ein durchsichtiges schwarzes Negligé.


Von da an ist Billie ihrem Schwager ein Dorn im Auge. Sie tanzt einen Charleston bei der Feier und führt das Baseballteam der Mädchen in ein Spiel gegen das Team der Jungs, wobei sie alle kurze Hosen und Tanktops tragen und die Jungs so verwirren, daß sie sie 29 : 0 schlagen (komisch, im Zeitungsartikel heißt es dann, daß die
Mädchen die Männer geschlagen haben). Natürlich raucht und trinkt sie auch und ist groß im Flirten.
Jane läßt sie wissen, daß sie nie etwas so Vulgäres gesehen hat, als Billie aber weg ist, hebt Jane sehnsüchtig ihren eigenen Rock bis über die Knie an, ohne zu wissen, daß John sie dabei sieht.


Inzwischen hat John Larry losgeschickt, um auf dem Clubschiff "Ship Ahoy" zu ermitteln, und Paul sagt ihm, daß Billie fast jede Nacht dort ist.
Johns Antwort ist, daß er sich wünsche, sie wäre wie Jane, weil ein Mann sich mit einer Frau wie Jane keine Sorgen machen muß. Dann geht er ins Bett.
Überraschende Wendung!
Sobald John weg ist, liegt Jane in Pauls Armen!
Während Jane Probleme mit ihrer Ehe hat, lehnt Billie Larrys Antrag ab "Ehe ist wie einen Pilz zu essen ... man weiß nicht, ob es Gift ist, bis es zu spät ist."


Jetzt wird alles etwas verwirrend.
John sagt zu Larry, daß sie gemeinsam auf der "Ship Ahoy" ermitteln werden.
Jane hat Paul gebeten, sie in einem der privaten Eßzimmer auf dem Schiff zu treffen, und sie bringt eine Reisetasche mit, um durchzubrennen, aber Billie hat Janes Notiz an John gefunden und ist bereits dort.
Als John und Larry auftauchen, behauptet sie, daß sie diejenige ist, die mit Paul abhauen will und daß Jane gekommen ist, um sie davon abzuhalten, was natürlich ein Schock für Larry ist.


Seid ihr noch dabei? Denn jetzt wird es echt schräg.
Ein großes Feuer bricht auf dem Pier aus und während es alle anderen rechtzeitig hinausschaffen, sind Paul und Billie im Feuer gefangen. Keiner von ihnen kann jedoch schwimmen, also beschließen sie natürlich, noch ein letztes Mal Spaß zu haben und mit der Achterbahn zu fahren, die immer noch mit leeren Wagen vor sich hinläuft.
Keine Angst! Larry ist schon im Wasser und unterwegs, um seine Geliebte zu retten! Die gerade mit ihrem Wagen durch die brennende Achterbahn rauscht. Ich wünschte, die Qualität wäre besser. Die schwarze "Wolke" rechts? Das ist der Wagen.
Keine Angst! Larry ist schon im Wasser und ... ja, schon wieder, wir bekommen aber nicht zu sehen, wie er Billie und Paul rettet. Nicht daß Paul in den letzten Szenen nochmal vorkommt, also wer weiß, vielleicht ist er ja ertrunken.


Inzwischen hat John Janes Notiz gefunden, läßt sie aber von der Magd verbrennen (wäre das nicht etwas, was man selber macht?). Zu Jane sagt er nur, daß viele Frauen jetzt kurze Röcke tragen und ob sie schon mal an einen Bob gedacht hat - und sie fällt in seine Arme.
Larry besucht Billie und sie erinnert ihn an seinen Antrag.
Happy End für alle (außer für Paul)!



Ich fand, der Film fing ganz gut an und war recht amüsant. Mir gefiel sogar die Wendung, wer hätte das von Jane gedacht?
Das Ende aber ...
Ich kann nicht sagen, daß ich selber eine tolle Idee gehabt hätte, aber ein Feuer und eine Achterbahn? Die einzige Entschuldigung, die ich dafür hätte, wäre, daß das irgendwie symbolisch gemeint ist, aber dies ist kein tiefsinniger Film, sondern eine Flapperkomödie.

Ich fand auch ein bißchen überraschend, daß Billie am Schluß so einfach nachgab. Ich schätze, das war zu erwarten, vielleicht hatte sie sich den Kopf angehauen, als sie ins Wasser rauschten und sie sah ihr Leben vor ihren Augen ablaufen und dachte, sie müsse etwas ändern. Ich schätze, der Hauptpunkt ist, daß ich sie und Larry für kein gutes Paar halte. Er ist so langweilig. Wird das für Billie genug sein?

Ich hätte auch gut ohne das Hausmädchen Bessie können. Nein, das stimmt nicht, ich hätte ohne den wiederholten "Witz" über ihre schmerzenden Füße und ihren seltsamen Gang können. Meine Füße tun dauernd weh und ich fühlte mit mir, aber für den Film war es echt völlig belanglos.

Die Laufzeit war etwas über eine Stunde, leicht genug auszuhalten und es gab ein paar charmante Momente (und hübsche Kleider), aber auf meine Liste zum nochmal Anschauen wird es "Bare Knees" nicht schaffen.

Donnerstag, 2. Juli 2026

Stummfilme - The Charlatan

Beim Durchschauen der Mediatheken auf meinem neuen TV-Stick stieß ich zu meiner großen Überraschung auf einen, der mir mehrere Stummfilme anbot. Ich habe willkürlich einen davon ausgesucht, also sprechen wir heute über The Charlatan von 1929.


Hier ist die Handlung (mit Spoilern).
Eine Frau sucht den Jahrmarktswahrsager Count Merlin auf. Sie ist schockiert, als er sie mit ihrem jetzigen Namen anspricht, dann aber mit dem Namen, den sie zuvor hatte ... und er schaut in seiner Kristallkugel in ihre Vergangenheit.


Bevor sie einen reichen Mann geheiratet hat, war Florence Talbot Trapezkünstlerin und die Frau des Clowns Peter Dwight. Eines Abends ist sie mit Richard Talbot durchgebrannt. Peter hat niemals verwunden, daß sie auch ihre Tochter mitgenommen hat.
Was Florence nicht weiß ist, daß Count Merlin in Wirklichkeit Peter Dwight ist, der nach all diesen Jahren immer noch seine Tochter zurückhaben will.


Florence hat ihre Augen inzwischen auf einen anderen Mann geworfen, ihren Arzt Walter Paynter, mit dem sie lieber früher als später durchbrennen möchte.
Bei einer Dinnerparty schlägt Mrs. Deering, die sie zu Count Merlin gebracht hat und die Frau des Bezirksstaatsanwalts ist, vor, den Wahrsager in das Haus der Talbots einzuladen.
Merlin und seine Gehilfen nehmen an und er führt Handlesen vor und seine Nummer mit der "verschwindenden Dame". Sein Publikum zieht Karten, um zu bestimmen, wer am Nachmittag verschwinden soll. Es ist Florence.


Jemand hat jedoch andere Pläne und plaziert eine scharfe Nadel in der Rückseite des Kasten (natürlich wissen wir alle, daß dort ein verstecktes Abteil ist), auf den eine Art Flüssigkeit aufgetragen wird.
Tatsächlich schlägt der Trick diesmal fehl und sie finden die tote Florence hinten im Kasten. Dr. Paynter bestimmt sofort Gift als Todesursache und natürlich ist Count Merlin der Hauptverdächtige.


Staatsanwalt Deering befragt ihn, aber Merlin und seine Gehilfen entführen ihn und Merlin verkleidet sich als Deering und kehrt zum Haus zurück, um alle Verdächtigen zu befragen - den gehörnten Richard Talbot, den Liebhaber Dr. Paynter, die betrogene Mrs. Paynter, aber auch Anns Freund, der versucht hat, das Gebäude zu verlassen.


Dann enthüllt er, daß er Peter Dwight ist, Florences Exmann und Anns Vater.
Und der Mörder ist ....  !


Dieser Film gehört ebenfalls zu denen, die auf einem Theaterstück basieren.
Ihr wißt, daß "Der Jazzsänger" mit Al Jolson 1927 die große Tonfilmwelle angestoßen hat und tatsächlich gab es Tonsequenzen in "The Charlatan", die jedoch verlorengegangen sind.

Wie gesagt, war dies eine zufällige Auswahl und ich erwartete nicht viel von dem Film. Tatsächlich weiß ich nicht, was ich überhaupt erwartet hatte, vom Titel her aber keinen Mord.
Ich war von diesem alten Whodunit wirklich angenehm überrascht.
Vielleicht erinnert ihr euch an "Das Rätsel der Fledermaus", worin die Leute mehr oder weniger nur von einem Zimmer ins andere rannten. Dieser Film war überhaupt nicht so. Wir hatten eine schöne Einführung in die Hintergrundgeschichte, einen soliden Aufbau der Motive für unsere Verdächtigen, wir hatten einen netten kleinen Mord (und es blieben keine Leichen auf der Treppe liegen), und dann war da noch die clevere Idee, wie man unserer Hauptfigur ermöglichen konnte, in einer sehr guten Verkleidung zu ermitteln.

Es gab ein paar Kleinigkeiten, die mich zum Kichern brachten, zum Beispiel als Dr. Paynter das Gift als etwas Ähnliches wie Curare, den südamerikanischen Virus, bezeichnete oder die Art, in der Merlin einen Verdächtigen nach dem anderen beschuldigte (was ich auch in modernen Krimis schon gesehen habe), aber das hat echt nichts daran geändert, daß ich den Film sehr genossen habe.
Es war ein wenig so, als würde man heute eine Folge einer Fernsehkrimiserie (mit einer Länge von einer Stunde) anschauen, einen Poirot (bei all den Verdächtigen in einem Raum am Schluß) beispielsweise, nur in schlechterer Filmqualität und mit weniger opulenten Sets.


Ich habe für diesen Post nicht wirklich eine Quelle gebraucht außer für die Information, daß der Film auf einem Theaterstück beruht, aber hier ist trotzdem noch eine Besprechung.
Fritzi Kramer: The Charlatan (1929) - A Silent Film Review. Auf: Movies Silently, 3. Februar 2013



Es tut mir leid, daß meine Quellen meist nur englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.