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Donnerstag, 13. August 2026

Stummfilme - Namakura Gatana

Nicht das erste Anime, aber einer der frühesten überlebenden japanischen Animationsfilme ist der Kurzfilm, den ich heute mitgebracht habe. Es ist "Namakura Gatana" ("The Dull Sword" = "Das stumpfe Schwert") von 1917.
 

Die Handlung ist sehr schnell erzählt, da der Film in der längsten verfügbaren Version nur 4 Minuten läuft (es gibt inzwischen eine 5 Minuten-Version).

Ein Samurai prüft sein Schwert auf Schärfe.


Er geht zum Schwertschmied "Stumpfes Schwert", wo er sogar ein Problem damit hat, sein Katana in die Scheide zu schieben. Kein sehr schlauer Samurai.
 

Auf dem Rückweg beschließt er, es an Leuten auszuprobieren, die er zufällig trifft (zum Glück kann er sie nicht verletzen und kriegt stattdessen selber eins drauf) - zuerst einem Blinden, der Flöte spielt (einen Blinden von hinten anzugreifen, Schande über ihn) ...
 

... dann einen Reisenden, der direkt über ihn trampelt, nachdem er ihn besiegt hat.


Als er versucht aufzustehen, indem er sich auf das Schwert stützt, verbiegt es völlig, was ihn so wütend macht, daß er es wegwirft
.


Für ein heutiges Publikum sieht das wie ein sehr seltsamer kleiner Film aus. Nicht nur ist die Idee eines Samurais, der bereit ist, sein Schwert an ahnungslosen Leuten auszuprobieren, ziemlich unfaßbar, sondern es ist auch eine Menge komisches Augenrollen dabei und die Augenbrauen gehen wild auf und ab.

Ich habe es schon mehr als einmal gesagt. Dieser Film ist fast 110 Jahre alt.
Einer Reuters-Story über den Fund dieses Kurzfilms und eines anderen zufolge wurden US-amerikanische und europäische Animationsfilme in Japan zum ersten Mal um 1914 herum gezeigt.
Ich verstehe einfach nicht, warum es immer Leute gibt, die versuchen, Werke aus dieser Zeit an modernen Maßstäben zu messen.
Tatsächlich war ich überrascht, wie flüssig die Animation ist.
Es gab auch Leute, die sich darüber beschwerten, daß es keinen Ton gibt ...
Etwas, das ich bisher nicht wußte, ist, daß es im japanischen Stummfilm Standardpraxis war, einen "benshi" oder Filmerzähler zu haben, was der Grund dafür sein könnte, daß es so wenig Zwischentitel gibt. Wer weiß, vielleicht verpassen wir einen köstlichen Austausch zwischen dem Samurai und dem Schwertschmied.

Der Film galt als verschollen, wurde aber 2007 bei einem Antikmarkt in Osaka zusammen mit einem anderen Film verkauft. Was für ein Fund!
Ihr wißt, wie aufregend ich solche Geschichten finde!


Quellen und weitere Lektüre (englischsprachig):

1. Catherine Munroe Hotes: The Dull Sword 
(なまくら刀, 1917). Auf: Nishikata Film Review, 13. März 2017
2. National Film Archive of Japan: The Dull Sword. Auf: Japanese Animated Film Classics


Es tut mir leid, daß meine Quellen meist nur englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.

Donnerstag, 18. Dezember 2025

Stummfilme - Rozhdestvo obitateley lesa

Hä? Ja, vielleicht sprecht ihr auch kein Russisch.
Von der Seite, auf der ich diese Empfehlung fand "Dies ist einer meiner liebsten vintage Feiertagsfilme, ein seltsames kleines Juwel des großen russischen [seine Eltern waren polnisch] Stop-Motion-Animators Ladislas Starevich." (Je nach Land gibt es unterschiedliche Schreibweisen.)
Der englische Titel dieses "seltsamen kleinen Juwels" von 1913 ist "The Insects' Christmas", also "Die Weihnacht der Insekten", und da habt ihr auch schon eure Handlung.

Das Weihnachtsmannornament
erwacht zum Leben und
klettert vom Baum herunter.

Kleine Pause, das war anstrengend.

Der Weihnachtsmann hat ein paar
Insekten eingeladen - Käfer, einen
Grashüpfer (obwohl der englische
Zwischentitel sie Fräulein Libelle nennt)
und einen Frosch (ich nehme an, die
Käfer sind zu groß für ihn zum Essen),
und nun schmückt er einen Baum für sie.


Die Ornamente sind auch Geschenke
und jeder bekommt eins davon.

Spaß für alle - den schnee-
bedeckten Hügel runterrutschen!

Einer der Käfer und der Frosch
rangeln sich um den Kracher.
Als er auseinanderbricht, stolpern
sie rückwärts und der Frosch fällt
in das Loch, in dem er seinen
Winter verbringt.

Die Wolke, die aus dem Kracher
aufsteigt, bildet die Worte
"Froehliche Weinachten" (keine
Ahnung, warum auf Deutsch,
außerdem bin ich pedantisch,
da fehlt das h)!

Der Weihnachtsmann kehrt in
seinen Baum zurück.

Es ist wirklich ein entzückender kleiner Film. Ist es nicht nett vom Weihnachtsmann, von seinem Baum herabzusteigen, um seinen Freunden auch ein schönes Weihnachten zu bescheren? Ich möchte nicht mal drüber nachdenken, wie er es in den Wald geschafft hat!


Danke an Lea für die Empfehlung in "7 Silent Christmas Movies (From the Horse-And-Buggy Era)" auf Silent-ology, 21. Dezember 2016!

Dienstag, 1. Juli 2025

Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett

Lisa von Boondock Ramblings hat zur Zeit auf ihrem Blog den "Summer of Angela (Lansbury)". Ich kann nicht komplett daran teilnehmen, weil ich nicht zu allen Filmen Zugang habe. Den ersten habe ich schon verpaßt und mit diesem Post bin ich ein paar Tage später dran, weil der eigentliche Tag schon von einem anderen Post besetzt war.

Der heutige Film ist Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett. Der englische Titel ist "Bedknobs and Broomsticks", die deutsche Übersetzung wurde von dem Film "Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten" inspiriert.
Ihr könnt Lisas Post (auf Englisch) hier finden.


Mit diesem Film von 1971 verbinde ich zwei ganz bestimmte Erinnerungen.
Die erste ist eine alte Fernsehserie für Kinder, die "Sport-Spiel-Spannung" hieß. Den Teil "Spannung" mochte ich am liebsten, weil sie da Ausschnitte aus Filmen, zum Beispiel von Disney, zeigten.
Ich weiß nicht, ob ich mir das einbilde, aber es fühlt sich so an, als ob eine bestimmte Szene aus "Die tollkühne Hexe ..." (ich werde den langen Titel so im Post abkürzen) mehr als einmal auftauchte. Ich glaube auch nicht, daß es Wiederholungen der Serie gab, also sah ich die Szene entweder mehr als einmal, weil sie sehr beliebt war, oder sie kam nur zwei oder drei Mal und es kam mir nur vor wie mehr als das?
Es ist aber auch möglich, daß sie in Disney-Sendungen auftauchte, weil ich gelesen habe, daß manche Leute deshalb dachten, daß es ein Zeichentrickkurzfilm war und nicht ein Teil eines abendfüllenden Films.

Die zweite ist, daß wir den Film tatsächlich im Kino sahen, was damals nicht so oft vorkam. Wir bekamen sogar Geld für Snacks - das waren noch die Zeiten, in denen man die eigenen Snacks unversteckt mitbringen konnte - und gingen in den großen Einkaufsladen. Die Wahl war nicht einfach für uns, wir entschieden uns schließlich für eine braune "Crunch"-Schokolade (im Gegensatz zur weißen, die braune gab es dann auch jahrelang gar nicht mehr). Ich werde die Firma nicht nennen, weil ich ihre Produkte nicht mehr kaufe.

Nun da ihr mein Schwelgen in Erinnerungen überlebt habt, kommen wir endlich zum Film, in Ordnung?
Fangen wir mit der Handlung an (Spoileralarm!). Halt, aber welche Handlung? Die originale? Die geschnittene Version? Oder die deutsche geschnittene Version? Wie wäre es mit der geschnittenen Version, denn das ist die einzige, die ich anschauen konnte, und dann sprechen wir später über die Schnitte, ja?

England 1940.
Drei Waisen - Charles, Carey und Paul Rawlins - werden mit anderen Kindern zusammen aus London auf das Land evakuiert, um den Flugangriffen der Deutschen zu entkommen.
Alle Kinder sind schon von Familien mitgenommen worden, nur die Rawlins-Kinder sind noch übrig, als Miss Caroline (im Original Eglantine) Price hereinkommt, um ein Paket abzuholen und unfreiwillig mit der Aufgabe betraut wird, sich um die Kinder zu kümmern.
Der Start läuft nicht allzu gut. Die Kinder möchten nicht auf dem Land bleiben und Miss Price hat keine Erfahrung mit Kindern.

Als die Kinder eingeschlafen sind, packt Miss Price ihr Paket aus, das von der Zauberschule von Emelius Browne kommt. Leider werden die Kinder Zeugen davon, wie sie fliegt, als sie sich bereitmachen, nach London zurückzukehren, und Miss Price muß ihnen sagen, daß sie einen Hexenkurs mitmacht, weil sie hofft, so bei den Kriegsanstrengungen zu helfen. Im Tausch gegen ihr Schweigen belegt Miss Price einen Bettknauf, den Paul vom Bett genommen hat, mit einem Reisezauber.

Als die Schule ihre Schließung bekanntgibt, bevor sie den wichtigsten Zauber erhalten hat, überzeugt Miss Price die Kinder, mit dem Bett nach London zu fliegen, wo sie Professor Browne treffen. Er ist ein (nicht sehr guter) Straßenzauberer, der die Lektionen einem alten Buch entnommen hat, dessen letzter Teil noch bei dem Buchverkäufer ist.
Als sie dorthingehen, finden sie heraus, daß die wichtigen Worte für den Bewegungszauber auf dem Sternenmedaillon eines Zauberers eingraviert sind.
Um das Medallion zu finden, reisen sie zur Insel Naboombu, auf der sprechende Tiere leben, vom Zauberer mit Magie belegt. Sie finden Leo(nidas), den König der Tiere, der den Stern trägt. Nach einem Fußballspiel, für das Browne als Schiedsrichter agiert, gelingt es diesem, den Stern gegen seine Pfeife zu tauschen, und sie können gerade so von der Insel entkommen.
Dieses Fußballspiel ist übrigens die erwähnte Szene.
 


Zu Hause probieren sie den Zauber aus, um Kleidung dazu zu bringen, sich zu bewegen, das endet aber im Chaos.
Professor Browne geht zum Bahnhof, um einen Zug zurück nach London zu nehmen, muß aber dort schlafen, weil der letzte bereits gefahren ist.
Inzwischen sind Nazi-Soldaten an der Küste gelandet, eine Aktion, um die Furcht vor einer Invasion zu schüren. Sie wählen Miss Prices Haus als Hauptquartier aus und bringen sie und die Kinder zur alten Burg.
Browne belauscht zwei der Nazis und geht zurück, um Miss Price zu helfen, die daraufhin den Zauber auf die Rüstungen anwendet, damit sie die Nazis angreifen und vertreiben, was auch gelingt. Leider verwüsten sie auch ihren Arbeitsraum und beenden so ihr Leben als Hexe.
Am Schluß hat Miss Price die Kinder adoptiert und Professor Browne ist in die Armee eingetreten, verspricht aber mit einem Kuß, daß er zurückkommt.

"Die tollkühne Hexe ..." basiert auf zwei Büchern von Mary Norton, "The Magic Bedknob; or How to Become a Witch in Ten Easy Lessons", das in Deutschland zuerst als "Das Zauberbett" und dann als "Die tolle Hexe" erschien, und "Bonfires and Broomsticks", für das ich keine eigene Übersetzung finden konnte. Im Englischen wurden die beiden Bücher später zu "Bed-Knob and Broomstick" zusammengefaßt.
Ich habe beide Bücher gelesen, nachdem ich den Film nochmal angeschaut habe, und obwohl ich jetzt keine Details verraten möchte, weil ich vielleicht irgendwann einen Post darüber schreibe, kann ich verraten, daß dies für mich ein schwerer Fall von "Wie sind sie von dem hier auf das da gekommen?" ist.

Ihr denkt vielleicht, daß sich "Die tollkühne Hexe ..." ein wenig wie "Mary Poppins light" anhört. Eine Dame, drei Kinder, Magie ... aber obwohl "Mary Poppins" sieben Jahr vor diesem Film herauskam, ist das Projekt tatsächlich älter. Disney kaufte die Rechte, kurz nachdem das erste Buch 1943 veröffentlicht wurde, die Fortsetzung folgte 1947.
Als die Verhandlungen mit P.L. Travers über die Rechte für "Mary Poppins" länger als erhofft dauerten, fingen sie stattdessen mit "Die tollkühne Hexe ..." an. Nachdem sie aber die Rechte für "Mary Poppins" erworben hatten, wurde dieser Film wegen der Ähnlichkeiten auf Eis gelegt, sogar mehr als einmal.

Nachdem der Film endlich herauskam, waren Kritiker und Publikum in ihren Meinungen geteilt. Zu lang, ein Mischmasch von Ideen, nicht genug Herz, erfindungsreich, unterhaltsam, beste Animation je, magisch, bezaubernd, ein Durcheinander, unterschätzt ...

Ich erinne mich nicht daran, wie gut er mir selber als Kind gefiel, aber ich bekam ja sowieso nicht diese Version zu sehen.

Der Film hatte ursprünglich eine Lauflänge von 141 Minuten. Ich bin ehrlich, ich finde, daß war keine sehr gute Idee für einen Film, der sich zunächst mal an Kinder richtete. Für die Premiere wurde er allerdings um 23 Minuten zurückgeschnitten. Das sind dann immer noch fast zwei Stunden (und die englische Version, die ich gesehen habe), immer noch recht lang für Kinder.
Eine Menge Leute scheint es verwirrt zu haben, daß Roddy McDowall im Vorspann direkt hinter Angela Lansbury und Davide Tomlinson aufgeführt wurde. Der Grund dafür war, daß die komplette Unterhandlung, in der Vikar Miss Price umgarnte, um ihr Land in die Finger zu kriegen, herausgeschnitten wurde. Eine gute Wahl, wenn ihr mich fragt. Ich habe die Szenen zwar nicht gesehen, aber ich kann mir nicht vorstellen, wie das die Handlung irgendwie hätte weiterbringen sollen.
Ein paar Jahre später wurde sogar noch mehr geschnitten, ich kann euch aber nicht sagen, was genau es da war. 
Es wurde für mich dann doch etwas verwirrend mit all den verschiedenen Versionen!

Welche Version bekam also ich als kleines deutsches Kind zu sehen? Das ist nicht so schwer zu erraten. Wir hatten hier nicht so viele Szenen mit den Nazis. Sie wurden geschnitten, was das Ende wahrscheinlich etwas verwirrend macht. Auch andere Szenen fielen der Schere zum Opfer, schließlich landeten wir bei gerade mal 90 Minuten, aber die Nazis hatten daran sicher den größten Anteil.
Ich habe ein paar Forumsdiskussionen gelesen und liebte, wie jemand meinte, das wäre doch eine Chance dafür gewesen, mit den Kindern über Geschichte zu sprechen. Nicht viele Leute waren in den 70ern dazu bereit, mit ihren kleinen Kinder über diesen Teil der Geschichte zu reden. Daß wir jetzt die komplette Version zu sehen bekommen, okay, wir haben dazugelernt, aber damals war Geschichte eine Angelegenheit für die Schule.

Was ich interessant finde ist, wie es überhaupt Nazis in den Film geschafft haben. Nicht weil ich Deutsche bin und das nicht ertragen kann, sondern weil ich die Bücher gelesen habe.
Während der Krieg zwar im ersten Buch erwähnt wird, bezieht sich die einzige andere Erwähnung auf Butterrationen. Keine Home Guard, keine Soldaten. Keine Hilfe bei den Kriegsanstrengungen. Den Zauber gibt es schon, aber aus einem völlig anderen Grund (der allerdings genauso traumatisierend sein kann, aber Disney hat mich ja auch mit mehr als einem Film traumatisiert).
Ich sage es nochmal 
"Wie sind sie von dem hier auf das da gekommen?"

Trotzdem hat mir der Film gefallen. Ich finde, Lansbury hat die angehende Hexe (die nicht klischeehaft aussieht) sehr gut gespielt. Ich mochte Tomlinson und die Kinder waren okay.
Ich stimme dem zu, daß der Film lang war (ich habe kein Interesse daran, die noch längere Version zu sehen), aber er war unterhaltsam. Hier und da ist er vielleicht nicht so gut gealtert, wie zu erwarten war, und das Fußballspiel war vielleicht nicht ganz so aufregend, wie die kleine Cat es damals fand, aber es war trotzdem lustig.
Mein Lieblingslied ist übrigens "Portobello Road" (trotz Akkordeon), vielleicht spricht mich da die Mischung aus Melodie und Marktatmosphäre an?

Natürlich wird der Film oft mit "Mary Poppins" verglichen (übrigens wollten sie eigentlich Julie Andrews als Miss Price habenb), gewöhnlich mit dem Ergebnis, daß der letztere ja so viel brillianter ist.
Ich weiß, daß ich jetzt gefährliches Terrain betrete, aber ich mag "Mary Poppins" nicht. Da, ich hab's gesagt.
Ich liebe die Bücher, aber der Film ist viel zu lang für mich, auch einige der Lieder, und ich finde auch, daß sie die Mary aus den Büchern viel zu sehr disneyfiziert haben.
Also ja, wenn ihr mir die Wahl lassen würdet, welchen von beiden wir für einen Disney-Abend anschauen sollten, wäre das für mich definitiv "Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett".

Donnerstag, 15. Mai 2025

Stummfilme - Die Abenteuer des Prinzen Achmed

Ist es möglich, daß ich bis jetzt noch keinen stummen Animationsfilm angeschaut habe? Von den alten, meine ich, denn natürlich sind viele Trickfilme auch heute noch stumm.
Filmhistoriker sehen übrigens "Fantasmagorie" von Émile Cohl als "die erste traditionelle Animation auf Standardfilm" an. Sie ist von 1908!

Gehen wir jetzt aber zum ersten abendfüllenden animierten Film über. Disneys "Schneewittchen", meint ihr? Nein, tut mir leid. Das würde nicht besonders gut zu meiner Stummfilmkategorie passen, oder?
Es ist
"Die Abenteuer des Prinzen Achmed" von 1926, geschrieben und unter der Regie von Lotte Reiniger, und ja, das ist tatsächlich der früheste abendfüllende Trickfilm, den es noch gibt (zwei frühere von Quirino Cristiani gelten als verschollen) und der mit Silhouetten in Scherenschnitt-Technik gemacht wurde. Diese spezielle Technik wurde von Reiniger erfunden und verwendet Silhouetten aus Pappe und dünnen Bleiplatten. Sie erinnert an Schattentheater, wie zum Beispiel das indonesische Wayang, erlaubt aber mehr Bewegung dadurch, daß die Silhouetten flach aufliegen.

Die Handlung (Vorsicht, Spoiler!), die in fünf Akten erzählt wird, ist eine freie Adaption von Motiven aus Tausendundeine Nacht, wobei das zentrale Thema die Liebesgeschichte von Prinz Achmed und Pari Banu (anderswo Peri Banu genannt) ist.

Akt 1.
Der afrikanische Zauberer erschafft ein fliegendes Pferd. Er präsentiert es zum Geburtstag des Kalifen, weigert sich aber, es für Geld zu verkaufen. Der Kalif bietet ihm freie Auswahl aus seinen Schätzen an und der Zauberer wählt seine Tochter Dinarsade. Als Dinarsades Bruder Achmed das zu verhindert versucht, überredet der Zauberer ihn, das fliegende Pferd auszuprobieren, sagt ihm aber nicht, wie er es wieder sinken lassen kann.
Also ergreifen die Männer des Kalifen den Zauberer und werfen ihn in den Kerker.


Akt 2.
Achmed findet den Hebel durch Zufall und landet auf der Zauberinsel Wak-Wak, über die die schöne Pari Banu herrscht.
Sie und ihre Gefährtinnen, in fliegende Federkostüme gekleidet, kommen an einen See, um zu baden, und werden von Achmed beobachtet, der dann ihr Kostüm wegnimmt und sie entführt. Das fliegende Pferd bringt sie nach China.
Dort sagt er ihr, daß er sie heiraten will, gibt ihr dann aber ihr Kostüm zurück, damit sie entscheiden kann, ob sie gehen möchte. Sie entscheidet sich dafür, ihm zu folgen.
Inzwischen ist der Zauberer, in eine Fledermaus verwandelt, dem Kerker des Kalifen entkommen, nachdem er beschworen hat, wo sein Pferd ist. Er stiehlt das Kostüm. Achmed fällt ihn ein tiefes Loch, als er ihm folgt.
Der Zauberer geht zu Pari Banu zurück und gibt vor, Achmed habe ihn geschickt, dann bringt er sie auf dem fliegenden Pferd weg.


Akt 3.
Der Zauberer verkauft Pari Banu an den Kaiser von China. Als sie ihn zurückweist, gibt er sie seinem Liebling, damit er sie tötet oder zur Frau nimmt.
Der Zauberer ist zu Achmed zurückgekehrt und bringt ihn auf einen Berg, wo er ihn unter einem Felsen einklemmt, damit er zurück kann, um sich Dinarsade zu holen. Im Flammenberg lebt jedoch eine Hexe, die Feindin des Zauberers, die Achmed Waffen und eine Rüstung gibt, damit er Pari Banu retten und die Dämonen von Wak-Wak besiegen kann. Es gelingt ihm, Pari Banu zu retten, aber die Dämonen holen sich ihre Herrscherin, von der sie sich verraten fühlen.
Achmed zwingt den letzten Dämon, ihn nach Wak-Wak zu fliegen, er kann das Tor dort aber nur öffnen, wenn er Aladins Lampe hat.


Akt 4.
Achmed rettet Aladin vor einem Monster, ist aber entsetzt zu hören, daß die Lampe weg ist.
Aladin erzählt ihm die Geschichte darüber, wie ein Fremder ihm Dinarsade zur Frau versprochen hat, wenn er die Lampe für ihn aus einer Höhle holt. Aladin wird zum Gefangenen in der Höhle, entdeckt aber schließlich die Magie der Lampe, die ihn nach Hause bringt und ihm ermöglicht, über Nacht einen Palast zu bauen. Der Kalif gibt ihm Dinarsade zur Frau, aber eines Tages sind sie, der Palast und die Lampe verschwunden, vom Zauberer geraubt, und Aladin soll hingerichtet werden. Er entkommt und landet in Wak-Wak, wo ihn Achmed gefunden hat.
Die Hexe erscheint und beschwört auf Wunsch von Achmed und Aladin den Zauberer, um mit ihm zu kämpfen. Sie verwandeln sich von einem Tier in das andere, bis die Hexe den Feind besiegt und tötet.


Akt 5.
Die Dämonen wollen Pari Banu zwingen, von einer Klippe zu springen. Aladin versucht, die Geister der Lampe freizusetzen, aber die Dämonen nehmen sie ihm ab. Die Hexe holt die Lampe zurück und setzt die guten Geister frei, damit sie gegen die Dämonen kämpfen.
Ein vielköpfiger Dämon schnappt sich Pari Banu und Achmed greift ihn an, indem er seine Köpfe abschlägt, die jedoch doppelt nachwachsen. Die Hexe benutzt die Lampe, um das zu verhindern.
Nach dem Sieg über die Dämonen kommt Aladins Palast durch die Lüfte gesegelt. Wie versprochen behält die Hexe die Lampe und verabschiedet sich, da sie jetzt ins "Land der Sterblichen" zurückreisen.
Aladin findet Dinarsae im Palast, der sie nach Hause bringt, wo der Kalif die glücklichen Paare willkommen heißt.


Anscheinend fanden manche diese Handlung sehr verwirrend, vor allem wenn sie die Zwischentitel nicht verstehen konnten. Es gibt zwar englische Version, auf YouTube aber nur ein Video mit Untertiteln, das gedehnt ist und dem außerdem die schöne Originalmusik von Wolfgang Zeller fehlt.
Ich habe den Film hier auf YouTube angeschaut.

Wie ihr euch vorstellen könnt - immerhin sind wir in den 20ern - gibt es orientalistische Klischees. Ich frage mich, wie man das heute vermeiden am besten vermeiden würde, ohne daß man das Projekt einfach ganz sausen läßt. Was denkt ihr?

Vielleicht würden sie das Thema genauer recherchieren, um die Kulturen angemessener zu porträtieren - es wurde zum Beispiel angemerkt, daß Pari Banus Kleidung in China eher an Indien erinnert - und sie würden vielleicht offensichtliche Stereotypen und übertriebene Darstellungen von Aussehen und Benehmen der Figuren vermeiden - etwas, das Reiniger tatsächlich in ihrem späteren Werk anerkannt hat.
Würde es aber Sinn machen, bei etwas, das so klar auf Tausendundeiner Nacht basiert, Nationalitäten komplett außen vor zu lassen? Oder nur ein paar davon? Die Geschichte in etwas völlig Neues verwandeln, nur mit Elementen aus den Geschichten, die sie inspiriert hat?

Hinter dem Film steckt jedoch mehr.
Zunächst ein bißchen über Lotte Reiniger. Sie war erst 23, als sie mit dem Film begann. Sie hatte Scherenschnitte gemacht, seit sie ein Kind gewesen war, und es muß großartig für ssie gewesen sein, dieses Projekt finanziert zu bekommen. Außerdem liebte sie Märchen und man kann noch viel mehr davon in ihrem Werk finden, auch europäische.
Ihre Ansichten waren sozialistisch, obwohl sie sie nicht so offen äußerte wie zum Beispiel ihr Mann Carl Koch, mit dem sie an den meisten ihrer Projekte arbeitete.
Ich habe zwei lange Artikel über "Die Abenteuer des Prinzen Achmed" gelesen, einen auf Deutsch von einer ehemaligen Professorin für Kunstgeschichte und
einen auf Englisch von einer Assistenzprofessorin für Literaturwissenschaft, die beide anmerken, wie Reiniger versucht hat, Diversität in einer träumerischen Märchenumgebung zu ermutigen, auch wenn das leider auf orientalistischen Stereotypen und Karikaturen beruhte. Die Stichworte sind Erotik, Homoerotik und "Female Empowerment" (Stärkung von Selbstbestimmung, Selbstbewußtsein und Unabhängigkeit von Frauen).

Um ehrlich zu sein, sind die Männer im Film nicht sehr liebenswert.
Als der Zauberer Dinarsade für das fliegende Pferd verlangt, greift nicht ihr Vater ein, sondern Achmed, der sich dann prompt von der Aussicht ablenken läßt, das Pferd zu fliegen. Dafür wird der Zauberer verhaftet, nicht wegen Dinarsade.
Der Kalif bleibt recht inaktiv.
Achmed ist ein Voyeur und Entführer.
Aladin bekommt Dinarsade wegen des Zauberpalasts.
Sprechen wir nicht mal über den chinesischen Kaiser und seinen Liebling.

Nachdem Achmed ihr das Federkostüm zurückgibt, entscheidet Pari Banu aus eigenem freien Willen, ihm zu folgen (es hätte den Film ziemlich abgekürzt, wenn sie ihn stattdessen getreten hätte und davongeflogen wäre). Sie weist den chinesischen Kaiser zurück und wehrt sich gegen ihn.
Am mächstigen jedoch ist natürlich die Hexe. Ohne sie wären sie alle ganz schön verloren gewesen.
Die arme Dinarsade bekommt gar keine Gelegenheit zu glänzen.

Was die Homoerotik betrifft, so kannte Reiniger viele homosexuelle Männer und Frauen aus Film und Theater in Berlin und zielte aktiv darauf ab, Homosexualität anderes darzustellen, wie es sonst zu dieser Zeit in Deutschland getan wurde, als etwas Beiläufiges und Natürliches.
Ich hatte keine Erwartungen, als ich den Film anschaute, und muß zugeben, daß ich zunächst überrascht von der Sinnlichkeit und Lust war, die den gesamten Film über gezeigt wurde, obwohl manches davon im Rahmen eines orientalistischen Klischees war.

Der Film war, als bekäme man einen Einblick von außen in eine Märchenwelt, was natürlich viel damit zu tun hatte, wie sich die Charaktere bewegten.
Obwohl ich zuerst ein Video angeschaut hatte, in dem Reiniger den Prozeß zeigte, erkannte ich dank dieser fließenden Bewegungen keine tatsächlichen Scherenschnitte im Film,
sondern Charaktere, nur auf mehr künstlerische und träumerische Weise als bei echten Menschen.
Natürlich halfen auch die Effekte sehr. Lichteffekte, Wasser, Feuer - es war sehr interessant, Reiniger darüber sprechen zu hören, wie manche dieser Effekte entstanden sind.

Es ist auf jeden ein Film, der es wert ist, gesehen zu werden, nicht nur wegen der Wirkung, die er hatte, auch wenn es natürlich toll ist zu wissen, daß eine so junge Frau zu den Pionieren der Animation gehört.


Quellen:
1. Die Abenteuer des Prinzen Achmed. Auf der Lotte Reiniger-Website
2. The Art of Lotte Reiniger, 1970 | From the Vaults (auf Englisch) Auf: Youtube - Kanal "The Met"
3. Im Gespräch mit Lotte Reiniger. Ausschnitte aus "Die Frau hinter den Schatten: Lotte Reiniger" von Brigitta Ashoff. 1980. Auf: YouTube - Channel "V.S.-Produktion"
4.
Barbara Lange: Die Abenteuer des Prinzen Achmed (1926). Ein cineastisches Experiment. In: Animationen: Lotte Reiniger im Kontext der Mediengeschichte. Tübingen 2012 (reflex: Tübinger Kunstgeschichte zum Bildwissen, Bd. 5)
5. Lilith Acadia: 'Lover of Shadows': Lotte Reiniger's Innovation, Orientalism, and Progressivism (auf Englisch). In: Oxford German Studies 50(2), 150 - 168 (nur über Lizenzzugang verfügbar)
6. Scott Nye: Scott Reviews Lotte Reiniger's The Adventures of Prince Achmed (auf Englisch). Auf: CriterionCast, September 27, 2013
7. Fritzi Kramer: The Adventures of Prince Achmed (1926) - A silent film review (auf Englisch). Auf: Movies Silently, October 13, 2013

Es tut mir leid, daß meine Quellen oft englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.