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Sonntag, 3. Mai 2026

Margaret Rutherfords Miss Marple

Eine kleine Warnung voraus - ich habe eine komplizierte Beziehung zu Agatha Christie, über die ich schon zuvor gesprochen habe.
Ich bin keine Anhängerin ihres Stils und obwohl ich im Laufe meines Lebens so einige ihrer Bücher gelesen habe, habe ich jetzt endgültig aufgegeben.
Ich habe aber auch gesagt, daß ich ihre Handlungen (die meisten) mag und daher Verfilmungen ihrer Bücher bevorzuge. Nicht alle davon jedoch und nicht alle aus denselben Gründen - und das bringt mich zu den vier Miss Marple-Filmen mit der wundervollen Dame Margaret Rutherford.

Sie waren meine Einführung in Agatha Christie als Kind und es ist immer schwer, warme Erinnerungen wie eine robuste alte Lady, die Verbrechen bekämpft und einen trotzdem zum Lachen bringt, zu übertreffen.
Tatsächlich laufen die Filme ja an Feiertagen hier noch im Fernsehen, manchmal zwei davon, aber letzte Ostern waren es alle vier ... und obwohl ich die DVD-Box habe, schaue ich sie an, wenn ich sie im Fernsehen erwische. Immer.
Ich liebe Rutherfords Miss Marple.
Christie-Puristen werden zweifelsohne schockiert sein - es scheint eine endlose Diskussion zu sein, welche Miss Marple die beste ist - und natürlich haben sie recht, wenn sie sagen, daß Rutherford ganz und gar nicht wie die Jane aus den Büchern ist und daß die Filme den Büchern nicht folgen! Sogar Christie war dagegen! Schande!
Ich verstehe es ja. Rutherford selber zögerte des Themas wegen, die Rolle zu übernehmen. Ich kann selber eine ausgesprochen nervige Puristin sein, wenn es um Bücher und Verfilmungen geht, aber in diesem Fall ist mir das sowas von egal (und vergessen wir doch nicht Christies Widmung in "Mord im Spiegel" - "Für Margaret Rutherford, in Bewunderung" - nachdem sich die beiden Frauen kennengelernt hatten.
Nur die Musik zu hören macht mich schon glücklich.



Wie erwähnt gab es vier Filme.

"16 Uhr 50 ab Paddington" von 1961 beruht auf dem gleichnamigen Buch.
Im Buch wird Miss Marples Freundin Mrs McGillicuddy Zeugin eines Mords in einem vorbeifahrenden Zug. Die Polizei kann keine Leiche finden, also bittet sie Miss Marple um Hilfe, diese schickt Lucy Eyelesbarrow, eine freiberufliche Haushälterin nach Rutherford Hall, wo sie die Leiche vermuten.
Miss Marple wird im englischen Buch (ich habe die deutsche Übersetzung nicht vorliegen) als "an elderly, frail old lady" beschrieben, eine ältliche, zerbrechliche alte Dame (ältlich
und alt?)
Der Film ignoriert Mrs McGillicuddy und Lucy. Miss Marple wird Zeugin des Mords, sucht dann zusammen mit dem Dorfbibliothekar Mr Stringer (von Rutherfords Eheman Stringer Davis gespielt) die Gleise ab und nimmt eine Stellung als Haushälterin in Ackenthorpe Hall an, um die Angelegenheit persönlich zu übernehmen.


"Der Wachsblumenstrauß" von 1963 basiert auf dem gleichnamigen Buch".
Das passiert im Buch - nach dem Begräbnis von Richard Abernethie gibt seine Schwester Cora einen Kommentar darüber ab, daß er ermordet wurde. Am nächsten Tag wird Cora tot aufgefunden und der Familienanwalt bittet Hercule Poirot darum zu ermitteln.
Das ist richtig, es ist ein Poirot-Roman.
Im Film sind es Miss Marple und Mr Stringer, die Zeugen vom Tod des alten Mr Enderby werden, und es ist Miss Marple, die Coras Leiche findet und daraufhin im Reiterhotel "Gallop", wo alle Erben und Erbinnen versammelt sind, ermittelt.

Ja, ich hatte mich darüber beschwert, daß Angela Lansburys Miss Marple
raucht, aber Rutherfords tanzende Miss Marple nehme ich jederzeit! 😍

"Vier Frauen und ein Mord" von 1964 beruht ebenfalls auf dem gleichnamigen Buch (nur die englischen Filmtitel wichen von den Buchtiteln ab).
Nach der Verurteilung von James Bentley für den Mord an seiner Hauswirtin Mrs McGinty kommen Superintendent Spence Zweifel an dessen Schuld und er bittet Poirot, sich in dem Dorf, wo es geschehen ist, umzuhören. Die Krimiautorin Ariadne Oliver ist ebenfalls dabei.
Oh, noch ein Poirot-Roman.
Keine Sorge, im Film kann Miss Marple den Fall genauso gut lösen, wie er das könnte. Hier ist sie die einzige Geschworene, die Zweifel hat und daher eine Verurteilung verhindert. Nachdem sie in Mrs McGintys Haus Informationen findet, die zu einem Theaterensemble führen, beschließt sie, dieses zu infiltrieren ...

Miss Marple stellt sich mit "The Shooting of Dan McGrew" vor,
einem Gedicht, das Rutherford auch im echten Leben gern vortrug.
Ich liebe ihre Capes - das waren ihre, keine Kostüme - 
und hätte wahnsinnig gern eins. Damit bin ich nicht allein!

"Mörder Ahoi!" von 1964 beruht auf keinem Buch von Christie, sondern ist eine Originalgeschichte.
Miss Marple sitzt in einem Kuratorium für das Übungsschiff "Battledore". Einer der Kuratoren ist mitten in einer Besprechung tot zusammengebrochen und nachdem Miss Marple entdeckt, daß er vergiftet wurde, zögert sie nicht, sich das Schiff mal selber anzusehen, natürlich in vollem Seemannskostüm!

Mr Stringer hatte einen kleinen Schock,
aber Miss Marple ist natürlich vorbereitet

Eine typische Christie-Miss Marple? Für mich ist das zweifellos Joan Hickson (die übrigens einen Auftritt als die Tageshilfe auf Ackenthorpe Hall hat).
Die Miss Marple, die am meisten Spaß macht? Mit Abstand Margaret Rutherford.
Wenn ihr einen Christie-Krimi und nichts darüber hinaus erwartet, sind die Filme nichts für euch. Ignoriert den Namen Marple und ein Genuß wartet auf euch.

Obwohl Rutherford 72 war, als der letzte Film erschien, - ein Grund dafür, warum es nicht noch mehr gab - ist sie keine "ältliche, zerbrechliche alte Frau". Sie hat eine Riesenpräsenz und füllt den Bildschirm aus. Sie ist eine sture und exzentrische Miss Marple, die keine Angst hat, ihre Meinung zu sagen, und die sie nicht einfach von Polizei, Verdächtigen oder Mördern einschüchtern läßt.
Daß (Chef)inspektor Craddock - ebenfalls eine Erfindung der Filme - immer wieder Zweifel an ihr hat, spornt sie nur noch mehr an, die Rätsel zu lösen, die er nicht mal erkennt. Schließlich hat sie Hunderte von Krimis gelesen und ist mehr als vorbereitet. Ihr Erfolg bestätigt das. Warum die Polizei sie sich nicht längst als Beraterin geschnappt hat, verstehe ich nicht.

Mr Stringer läßt sie nie im Stich, obwohl er nicht so viel Courage wie seine furchtlose Anführerin hat. So wie Rutherford ihren Ehemann nicht im Stich gelassen hat, indem sie darauf bestand, daß er an ihrer Seite spielte. Kein Mr Stringer in den Büchern, die Rolle wurde speziell für Stringer Davis kreiert.

Im Laufe der Filme erhalten wir auch Einblicke in Miss Marples Vergangenheit. Sie kann soviel mehr als nur stricken (in allen Filmen sieht man sie nur einmal dabei, obwohl sich der Inspektor einmal auch fast auf ihre Strickarbeit setzt).
Beim Golfspielen auf dem Grund von Ackenthorpe Hall: "Ich habe schon einmal die Golfmeisterschaft der Damen gewonnen im Jahre 1921."
Als sie den vintage Sattel ihrer Mutter im Reiterhotel vorzeigt: "Sie müssen wissen, daß ich zu meiner Zeit viel geritten bin. Junior-Silbersporen Brockbrook 1910."
Beim Analysieren der Schnupftabakreste des toten Kuratoren mit dem "Slogums Advanced Chemistry Set for Girls": "Strychnin."
Beim Degenkampf mit dem Mörder auf der "Battledore": "Ich war nämlich nationale englische Fechtmeisterin im Jahre 1932."

Ist es ein Wunder, daß sich die Männer links und rechts in sie
verknallen? Das ist kein Witz, aber diesmal gibt's keine Spoiler.

Die meisten scheinen darin übereinzustimmen, daß "16 Uhr 50 ab Paddington" der beste der Filme ist und danach "Der Wachsblumenstrauß". Bei den beiden anderen gibt es geteilte Meinung.
Ich stimme zu, was die beiden ersten angeht, aber im Gegensatz zu anderen ziehe ich "Mörder Ahoi!" "Vier Frauen und ein Mord" vor, der nicht schlecht, meiner Meinung nach aber nicht so charmant ist.

Margaret Rutherford ist jedoch in allen einfach wunderbar. Wie sie in "Mörder Ahoi!" sagt: "Ich bin immer auf der Höhe, was auch passieren mag." Wer würde ihr das nicht glauben?
(Das englische Original gefällt mir allerdings besser "I am always myself. Hmpf.")
Warum holt ihr euch nicht einfach was Heißes zum Trinken, eine Decke, macht es euch auf eurer Couch bequem und schaut es euch selber an?


Quellen/weitere Lektüre (englischsprachig):

1. Diana und Connie Metzinger: The Miss Marple Mysteries with Margaret Rutherford. Auf: Silver Scenes, 17. März 2014
2. Ginny Kaczmarek: A Margaret Rutherford moment. Auf: Ginny Kaczmarek, 7. Dezember 2021
3. Jack Buckley: Remembering Margaret Rutherford: murder on and off screen. Auf: Seen and Heard International, 18. April 2020


Es tut mir leid, daß meine Quellen meist nur englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.

Samstag, 3. Mai 2025

Einfach nur so Samstag - Wo sind sie hin?

Vor ein paar Monaten habe ich zu Sharon McCone Tschüß gesagt, als das letzte Buch in der Reihe bei mir eintraf. Ja, das war ein wenig voreilig, da ich tatsächlich das Buch davor verpaßt hatte, aber jetzt war es nett, stattdessen damit aufzuhören, weil ich es lieber als das letzte mochte.
Ich erwähnte auch, daß ich traurig war, als ich das jeweils letzte Scheibenwelt- und Kinsey Millhone-Buch las, nachdem Terry Pratchett und Sue Grafton gestorben waren.

Neulich war es wieder mal Zeit, meine Bücher für eine kleine Ausmistaktion durchzuschauen. Dabei stieß ich auf die drei Bücher von Sandra West Prowell.

Mein erstes Buch von Sandra West Prowell - nicht das erste i der Reihe - kaufte ich auf einem Flohmarkt und ich wurde direkt von ihrer Hauptfigur gefesselt, der früheren FBI-Agentin, dann Privatdetektivin Phoebe Siegel, die in Montana lebt.
Phoebe kommt aus einer jüdisch-katholischen Familie, ihr Vater und einer ihrer Brüder waren Polizisten.
Als sie eine Menge Geld von ihrer Tante erbt, hat Phoebe die Chance, ein altes Haus zu kaufen und ihre Dienste als Privatdetektivin zu einem sehr günstigen Honorar anzubieten. Ihr Hauptansporn ist die Verbindung zu den Opfern, die sie spürt.


Die Bücher sind keine Whodunits, in denen die Aufklärung des Verbrechens am wichtigsten ist, sie handeln nicht nur von den Fällen, sondern auch von Problemen in der Familie und von Phoebes Beziehungen, aber nicht auf eine Art, die mich nervt. Das könnte natürlich damit zu tun haben, daß es nur drei Bücher gibt.
Charakterentwicklung ist gut, aber es kann einen auch fertigmachen, wenn zum Beispiel die Hauptfigur über ich weiß nicht wieviele Bücher keinen glücklichen Moment in ihrem Leben hat, was für mich mehr als einmal Grund war, eine Reihe abzubrechen. Das Leben ist deprimierend genug.

Das hier soll jedoch keine Rezension von Prowells Büchern sein, schließlich ist es der einfach nur so Samstag.
Ich möchte darüber sprechen, warum es nur drei Bücher gibt. In der kurzen Autorenvorstellung im letzten Buch heißt es "... arbeitet zur Zeit am vierten Band um die Detektivin Phoebe Siegel."
Ich habe mich darauf gefreut, auf einen neuen Fall und zu lesen, wie es mit ihrer Beziehung mit dem indianischen Deputy weitergehen würde.
Also habe ich hin und wieder nach ihr gesucht, aber der vierte Roman tauchte niemals auf, nicht mal auf Englisch. Dann vergaß ich es wieder. Das tat ich fast zehn Jahre lang immer wieder mal und fragte mich, wohin Prowell verschwunden war, nicht obsessiv, sondern gewöhnlich dann, wenn ich ein Buch an eine Stelle in meinen Schrank stellte, die in der Nähe ihrer Bücher lag.
Seltsamerweise kann ich mich nicht erinnern, das auch mit anderen gemacht zu haben. Ich schätze, es lag an dieser Einführung. Wenn sie an einem Buch gearbeitet hatte, was war dann wohl passiert?

Ich bin auch einer dieser Menschen, die sich einen alten Film oder eine Serie anschauen und überlegen, wo diese Schauspielerin oder jener Schauspieler wohl abgeblieben ist, und sie dann nachschlägt. Ich möchte jedoch klarstellen, daß ich nicht auf diese schrecklichen Clickbait-Videos auf YouTube hereinfalle, die getürkte Bilder von jemandes "grausigem Schicksal" zeigen; und wenn ich so darüber nachdenke, beschränke ich meine Suche gewöhnlich auch auf Schauspieler und Autoren (und manchmal Katzen und Hunde aus dem Web, die mir ans Herz gewachsen sind, was dann zu Tränen führen kann, aber das ist eine andere Geschichte).

Eines Tages fand ich, sehr zu meiner Überraschung, einen Post von November 2016 auf Lise McClendons Website. McClendon schreibt ebenfalls Krimis und war Prowells Freundin, bis sie den Kontakt verloren.
Sie schrieb den Post an dem Tag, an dem sie erfuhr, daß ihre Freundin ein Jahr zuvor gestorben war.
Offensichtlich hatte Prowell unbekannte Probleme, die nicht nur dazu führten, daß sie zu schreiben aufhörte (obwohl der vierte Phoebe Siegel 2000 oder 2001 herauskommen sollte und es außerdem ein Standalone-Manuskript gab) und den Kontakt zu befreundeten Autoren abbrach, sondern sogar dazu, daß sie aufhörte, mit ihrer Familie über das Schreiben zu sprechen.
Das machte mich merkwürdig traurig. Ich weiß nicht, was ich zu finden erwartet hatte, aber das war es nicht.

Natürlich passiert dasselbe mit Menschen in unserem eigenen Leben. Es ist wie ein Zug. Leute fahren von Anfang an bis zur Endstation mit einem, manche nur von einer zur nächsten Haltestelle, manche steigen plötzlich aus, vielleicht sogar ohne sich zu verabschieden, und manchmal wirft man selber jemanden aus dem Zug ... hm, vielleicht ist die Analogie doch nicht so gut, aber ihr wißt, was ich meine.
Wir können nicht erwarten, unser ganzes Leben mit immer denselben Menschen darin zu verbringen, auch wenn es vielleicht ein Schock ist, wenn jemand nach langer Zeit plötzlich abspringt.
Bei manchen ist es einfacher zu akzeptieren, bei anderen nicht. Manchmal tut es weh, das Gefühl zu haben, daß einen jemand aus seinem Leben geschnitten hat, ohne zu wissen, was man getan hat oder ob es überhaupt mit einem selber zu tun hat. Manchmal driftet man einfach auseinander und es ist in Ordnung.
Und manchmal meldet man sich und nimmt wieder Kontakt auf, was funktionieren kann oder auch nicht.

Das erinnert mich daran, daß da eine Freundin ist, die ich anrufen sollte. Es ist schon eine Weile her, daß wir uns das letzte Mal gesprochen haben.
Oh, falls ihr es übrigens wissen wollt, die Prowell-Bücher wurden nicht ausgemistet.

Quelle (englisch):
Lise McClendon: Remembering Sandra West Prowell. Auf:Lise McClendon, 18. November 2016

Sonntag, 2. März 2025

Die "Queens of Crime" - Agatha Christie, das Leben

In diesem Post über Agatha Christies Werk und mein persönliches Dilemma damit habe ich ihr interessantes Leben erwähnt.
Was meine ich damit?

Agatha Christie wurde am 15. September 1890 als jüngstes von drei Geschwistern in eine vermögende Familie der oberen Mittelklasse hineingeboren.
Obwohl sie von ihrer Mutter nicht dazu ermutigt wurde, lernte sie im Alter von vier Jahren lesen und wurde daheim im Lesen, Schreiben, Grundrechenarten und Musik unterrichtet.
Im Alter von 11 verlor sie ihren Vater, ein Jahr später begann sie, eine örtliche Schule zu besuchen, und als sie 15 war, schickte ihre Mutter sie nach Paris, wo sie ihre Ausbildung abschloß.
Als sie wieder nach Hause kam, beschlossen sie und ihre kranke Mutter, drei Monate in Ägypten zu verbringen.

1912 wurde Agatha Archibald Christie vorgestellt, den sie 1914 heiratete. Während Archie im Krieg in Frankreich war, arbeitete Agatha zunächst als Freiwillige in einem Krankenhaus und qualifzierte sich dann als Apothekenhelferin und arbeitete in der Arzneiausgabe, was sie dazu inspirierte, in ihrem ersten Kriminalroman mit Hercule Poirot, dem belgischen Detektiv, der als Flüchtling nach England gekommen war, eine Vergiftung als Methode zu verwenden.

1922 nahmen die Christies an Major Belchers Werbetour für die British Empire Exhibition teil. Während dieser Tour lernten sie zum Beispiel das Surfen und gehörten zu den ersten Briten, die aufrecht stehend surften. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber das Bild einer alten/älteren Agatha ist so in meinem Gehirn eingebrannt, daß es mir schwerfällt, sie mir auf einem Surfboard vorzustellen, aber sie war eine begeisterte Surferin.


1926 bat Archie Agatha um die Scheidung, nachdem er sich eine Freundin Major Belchers, Nancy Neele, verliebt hatte. Nach einem Streit verschwand Agatha, was natürlich eine riesige Nachrichtengeschichte zur Folge hatte, aber auch zu einer umfangreichen Suche mit Hunderten von Polizisten, Tausenden von Freiwilligen und sogar Flugzeugen führte.
11 Tage später wurde sie in einem Hotel gefunden, wo sie sich unter falschem Namen angemeldet hatte. Sie gab niemals eine Erklärung dazu ab, und die Meinungen darüber, ob sie im Zustand einer dissoziativen Fugue oder bewußt verschwunden war, sind geteilt.
Die öffentliche Reaktion darauf war eher negativ, auch wegen der Kosten der groß angelegten Suche.
Die Scheidung wurde 1928 rechtskräftig, Agatha erhielt das Sorgerecht für das einzige Kind, Rosalind.

Im Herbst 1928 reiste Agatha mit dem Orient-Expreß nach Istanbul und von dort aus weiter nach Bagdad, wo der Archäologe Leonard Woolley und seine Frau Katharine, die ein Fan ihrer Romane war, sie zur Ausgrabungsstätte von Ur einluden. Sie freundete sich mit ihnen an und sie luden sie 1930 ein wiederzukommen.
Während dieser zweiten Reise lernte sie Woolleys Assistenten kennen,
der von Katharine den Befehl erhielt, Christie auf Tour durch das Land zu führen - Max Mallowan, der 13 Jahre jünger als sie war. Die Art, wie sie alles auf dieser Tour alles mit Humor nahm, sogar als sie im Sand eines trockenen Flußbetts steckenblieben, überzeugte ihn, daß sie eine wundervolle Lebensgefährtin abgeben würde, und so machte er ihr gerade mal sechs Monate später einen Antrag.
Dies war der Anfang eines zweiten Lebens auf einem anderen Kontinent für Agatha neben dem der erfolgreichen Schriftstellerin.
Katharine Woolley wollte jedoch keine weitere Ehefrau an der Stätte haben, was wahrscheinlich der Grund dafür ist, warum das Paar als nächstes nach Ninive ging.
In "Mord in Mesopotamien", den Christie - außerhalb ihrer Schriftstellerkarriere benutzte sie den Namen Mallowan - den Woolleys widmete, war das Opfer von Katharine inspiriert. Mallowans Biographin Henriette McCall zufolge war sich Katharine dessen bewußt, daß die als schwierig porträtierte Figur auf ihr beruhte und genoß den zweifelhaften Ruhm.

1932/33 arbeiteten Max und Agatharine auf ihrer ersten eigenen Ausgrabungsstätte in Tall Arpachiyah
nahe Ninive. Sowohl Agathas Berühmtheit als Schriftstellerin und ihr Geld halfen Max' archäologischer Karriere, denn dies war zu einer Zeit, als Ausgrabungen noch zumindest teilweise durch private Gelder gefördert werden mußten.
Die Saison - Herbst und Frühling verbrachten sie bei den Ausgrabungen, im Sommer waren sie mit Rosalind in England, und die restliche Zeit verbrachten sie entweder mit Reisen oder zu Hause.
Max leitete die Ausgrabungen, Agatha, die einen Zeichenkurs absolviert hatte, begann damit, Zeichnungen zu machen, das war aber nicht so ihr Ding. Also schrieb sie stattdessen morgens und am Nachmittag katalogisierte sie Fundstücke und setzte zerbrochene Keramik zusammen.
1934 reisten sie nach Ägypten und machten eine Nilkreuzfahrt, die einen ihrer berühmtesten Romane inspiriert, Der Tod auf dem Nil.

Schließlich zogen sie weiter zu Ausgrabungen in Syrien.
Agatha fand ihre Rolle, indem sie die offizielle Fotografin wurde, eine schwere, anstrengende und anspruchsvolle Aufgabe, sowohl das Fotografieren selber als auch das Entwickeln der Negative. Sie machte aber nicht nur Bilder, sondern filmte auch, in schwarzweiß und in Farbe. 1937 belegte sie sogar einen Fotografiekurs in London, der zu kreativeren Experimenten führte, nicht zur Freude ihres Ehemanns, der rein wissenschaftliche Fotos den kreativen vorgezogen hätte.

Mehrere Jahre lang war der junge Architekt Robin Macartney Teil ihres Teams in Syrien, der nicht nur durch das Zeichnen von Fundstücken, Karten und Plänen assistierte, sondern auch ein Expeditionshaus entwarf.
Von Macartneys Zeichnungen fasziniert, bat ihn Christie, für sie einen Buchumschlag zu entwerfen. Am Ende entwarf er zwischen 1936 und 1938 vier Schutzumschläge. Was ihr daran am besten gefiel war, daß jeder Umschlag etwas über die Geschichte erzählte, indem er Elemente daraus benutzte, wie zum Beispiel die Statuen Ramses II. und den Nilkreuzfahrt-Dampfer für "Der Tod auf dem Nil", und ich verstehe das völlig, denn den Umschlägen nach zu urteilen, die ich selber gesehen habe, scheint, das ein Konzept zu sein, mit dem Verlage ein Problem haben.

Erstausgabe von "Tod auf dem Nil"
mit dem Schutzumschlag von Robin Macartney
über Wikimedia Commons
unter CC BY-SA 4.0

Die Ausgrabungen kamen zum Stillstand, als der Zweite Weltkrieg ausbrach, aber nach dem Krieg kamen sie nach Nimrud, eine Stätte, an der Mallowan schon lang interessiert war. Er wurde der erste Direktor der British School of Archaeology und konnte sich so die notwendige Unterstützung für die Ausgrabung sichern.
Das Paar war dort während der 50er, sie wohnten im Gebäude der School, und obwohl Agatha sich einen kleinen Schreibraum an das Teamgebäude anbauen ließ, assistierte sie auch jetzt wieder, indem sie Artefakte sammelte, katalogisierte und reinigte, Fotos anfertigte und Keramik zusammensetzte.

Nimrud-Elfenbein "Löwe von Nimrud",
von Unbekannt - M0tty, CC BY-SA 3.0,
über Wikimedia Commons

Während des Krieges hatte Christie das Buch "Erinnerung an glückliche Tage" über ihre Zeit in Syrien geschrieben.
Nimrud war die letzte Ausgrabung, die sie besuchte.


Stiertafel, eines der Nimrud-Fundstücke,
über Wikimedia Commons,
von Osama Shukir Muhammed Amin FRCP(Glasg)
unter CC BY SA 4.0

Agatha Christie starb am 12. Januar 1976 in Winterbrook House.

Wußtet ihr schon von Agatha Christies "zweitem Leben"? Habt ihr vielleicht sogar ihr Buch darüber gelesen? Falls ja, was denkt ihr darüber?

Quellen (überwiegend englischsprachig):
- Agatha Christie's adventurous 'second act' plays out in Mesopotamia in: National Geographic March 21,2019
- Bridget Roddy: Agatha Christie and Archaeology, An Understated Connection on: Trowels and Tribulations: IUP's Archaeology Blog, March 11,2022
- Dokumentation "Agatha Christie und der Orient" 2021 Bayerischer Rundfunk (verfügbar in der Mediathek)
- BBC Archive 1977 - The World This Weekend, Sir Max Mallowan
- Agatha Christie auf Wikipedia

Dienstag, 11. Februar 2025

Die "Queens of Crime" und mehr - Einführung

Kennt ihr die vier "Queens of Crime"? Sie waren die dominierendsten Krimiautorinnen in den 20ern und 30ern, vielleicht habt ihr schon von allen gehört, vielleicht nicht, aber ich bin mir ziemlich sicher, daß ihr die kennt, mit der ich beginnen werde.

Ihre Namen sind Agatha Christie, Ngaio Marsh, Dorothy L. Sayers und Margery Allingham.
Auf einer Buchladenseite habe ich gelesen, daß manche auch Gladys Mitchell und Josephine Tey in den Club aufnehmen würden. Wie im Fall von Margery Allingham habe ich zwar den Namen ihrer bekanntesten Charaktere gehört, aber keines ihrer Bücher gelesen. Noch nicht. Gerade vor ein paar Tagen ist ein Buch von Allingham angekommen und hoffentlich werde ich auch ein oder mehr von Mitchell und Tey finden. Und wenn ich schon dabei bin, werde ich vielleicht auch noch in meine Bibliothek eintauchen und eine Dame hinzufügen, die ihr vielleicht nicht so sehr als Krimiautorin kennt, sondern stattdessen für ein anderes Genre - Georgette Heyer.

Natürlich wird es mir nicht möglich sein, Besprechungen der gesammelten Werke abzugeben, ich werde nicht mal ihr komplettes Werk lesen können (außer Sayers und Heyer, ich glaube, ich habe alle ihrer Krimis), vielleicht weil ich das gar nicht will oder weil es zuviel ist oder weil ich gar nicht an alle rankommen würde.

Eine meiner Hoffnungen ist es, wieder über meine Lesefaulheit hinwegzukommen, jetzt da ich nicht mehr jeden Tag mit Draht und Perlen verbringen kann, auch wenn ich einiges davon schon gelesen habe, und ich mag die Vorstellung, die Posts erstmal auf ältere Krimis zu beschränken. Vielleicht werde ich ja sogar etwas komplett Neues für mich entdecken?
Vielleicht werde ich irgendwann auch einzelnen Bücher dieser Autorinnen besprechen wollen und vielleicht sind es am Ende nur kurze Erklärungen, warum ich eine Autorin lieber mag als die andere, vielleicht werde ich ja sogar meine eigene Meinung über eine Autorin ändern oder vielleicht wird das alles etwas ganz anderes werden?
Ich werde es sehen. Ihr werdet es sehen.


P.S. Dieses Bild habe ich in meiner Bibliothek aufgenommen. Dieser Lederhocker war schon immer dort, und wie ihr sehen könnt, ist er von Generationen von Katzen mißbraucht worden. Egal wie er aussieht, würde ich nicht wagen, ihn wegzuwerfen, so viele Erinnerungen stecken darin.

Dienstag, 14. Januar 2025

Tschüß, Sharon McCone

Wie steht ihr zu Buchreihen? Seid ihr treue Fans einer bestimmten Reihe? Habt ihr Reihen abgebrochen, wenn ja, warum? Wie fühlt ihr euch dabei, das letzte Buch in einer Reihe zu lesen?
All diese Fragen kamen mir, als das letzte Sharon McCone Buch von Marcia Muller in meiner Post landete.

Wer ist Sharon McCone und wie kam sie in mein Leben? Ehrlich gesagt kann ich mich nicht mehr erinnern, weil sie schon so lang da ist. Vielleicht begann es mit San Francisco?Als ich Sharon nämlich das erste Mal begegnete, wahrscheinlich irgendwann in den frühen 90ern, war sie Privatdetektivin in San Francisco. Tatsächlich wird ihr zugeschrieben, die erste unabhängige Privatdetektivin gewesen zu sein, die so vielen anderen den Weg bereitete, auch wenn ich das damals nicht wußte.
Ich mochte einfach Sharon und ich mochte, daß ich ihr im Kopf umherfolgen konnte, da ich nicht lang davor selbst San Francisco besucht hatte. Sie war tough, sie war schlau, sie konnte sich behaupten. Sie hatte ein soziales Gewissen, tatsächlich hatte sie Soziologie studiert und das College damit finanziert, als Sicherheitskraft im Kaufhaus zu arbeiten, dann wurde sie Ermittlerin für All Souls, eine Anwaltsgemeinschaft, die ein Freund von ihr in San Francisco gründete.

Menschen verändern sich aber, sogar in Büchern manchmal. Sharon verließ All Souls, weil es ihr zu geschäftsmäßig wurde, sie eröffnete ihre eigene Agentur, die wuchs und wuchs. Sie verliebte und "entliebte" sich, immer mehr Charaktere tauchten auf, Freunde und Familienmitglieder mit einer Menge Probleme, die Handlung wurde komplizierter, die Bücher wurden dicker, Sharon traf Hy, den geheimnisvollen Piloten, lernte zu fliegen (wie Muller selbst), hatte eine Ranch im Nirgendwo (man muß das Flugzeug ja irgendwohin fliegen), fand heraus, daß sie adopiert und Indianerin war, Hy und seine Partner
zogen mit der hochrangigen Sicherheitsfirma in ein großes Gebäude, Sharons Detektivagentur direkt hinterher ... habt ihr schon vergessen, Luft zu holen?
So fühlte es nämlich etwas für mich an. Und es schien, auch Sharon war etwas überfordert.
Ich gebe Hy die Schuld. Ich war nie ein Fan von Hy, auch wenn er Sharons große Liebe war. Alles an ihm war zu professionell, zu geheimnisvoll, zu robust, zu gut, zuviel, zu groß.

Ich habe schon Buchreihen aus ein oder dem anderen Grund abgebrochen, kann aber auch geradezu übertrieben treu sein.
Ich blieb an Sharons Seite, obwohl ich mich oft beschwerte (meistens über Hy
😂). Als sie die Bücher nicht mehr ins Deutsche übersetzten, kaufte ich die englischen (obwohl ich es eigentlich hasse, in einer Reihe Sprachen zu mischen), muß aber gestehen, daß ich sie manchmal ganz schön überflog, zum Beispiel Details über Flugzeuge, wie man sie fliegt, und über Winde.
Die letzten Bücher wurden dann wieder dünner (was mir willkommen war).
Manche mochte ich lieber als andere, aber zum Wiederlesen nahm ich mir die alten, in denen Sharon noch Sharon für mich war, und hätte ich diese Geschichte mit ihr nicht gehabt, hätte ich sicherlich schon vor dem Ende aufgegeben.

Nun liegt hier auf meinem Nachttisch das letzte Buch und wartet darauf, das erste Mal geöffnet zu werden, und ich muß zugeben, daß da ein Hauch von Trauer ist, aber nicht überwältigend wie in anderen Fällen, stattdessen ist sie mit Erleichterung gemischt.
Als ich meinen letzten Terry Pratchett las, weinte ich tatsächlich. Als ich mein letztes Kinsey Millhone-Buch von Sue Grafton las, weinte ich nicht, war aber richtig traurig.
Ich sage nicht Lebwohl zu Sharon, da ich mir sicher bin, daß ich nicht damit aufhören werde, meine Favoriten immer mal wieder zu lesen, aber ich sage Tschüß.
Tschüß, Sharon, du hast dir deinen Ruhestand verdient.