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Donnerstag, 23. Juli 2026

Stummfilme - Ein Hundeleben

Heute habe ich zwei Chaplins für euch. Ich meine nicht zwei Filme mit Chaplin, sondern zwei Chaplins in einem Film - Charlie und seinen Bruder Sydney.
Schauen wir uns "Ein Hundeleben" von 1918 an.


Hier die Handlung mit Spoilern.

Der kleine Tramp versucht das Beste aus seinem Leben auf der Straße zu machen, obwohl er draußen schläft, manchmal gezwungen ist, Essen zu stehlen und seine Zusammenstöße mit dem Gesetz hat.


Es ist nicht so, daß er nicht arbeiten will, aber in der Agentur stoßen ihn die anderen aus dem Weg und am Ende ist für ihn kein Job übrig.
Dann trifft er Scraps. Der kleine Streunerhund hat einen Knochen gefunden, der viele andere Hunde anlockt, und Charlie rettet Scraps aus dem Gerangel.

Ich gebe gerne zu, daß mir dabei gleich
ganz sentimental zumute wurde.
Der Rest des Rudels überfiel in der
Zwischenzeit einen Krämerladen.

An einem Kaffeestand nutzt Scraps die Chance, ein paar Würstchen zu stibitzen und der Tramp stopft sich jedes Mal den Mund mit Essen voll, wenn der Eigentümer grad nicht hinschaut.

Eine köstliche Szene. Der Standeigentümer
ist übrigens Sydney Chaplin.

Nun, da sie etwas zu essen gehabt haben, steuert der Tramp auf eine Tanzhalle zu. Leider bietet das "Green Lantern" zwar kostenlosen Tanz an, erlaubt aber keine Hunde, und sie werden rausgeworfen.
Er will Scraps aber nicht draußen lassen und versteckt ihn schlau. Wenn nur nicht der Schwanz durch ein Loch in der Hose herausgucken würde, wild wedelnd.


In der Bar ist eine neue Sängerin und Hostess, die das Publikum mit ihrem traurigen Lied zu Tränen rührt.
Der Barbesitzer will seine Gäste allerdings glücklich haben ... und durstig! "If you smile and wink, they'll buy a drink." Wenn du lächelst und zwinkerst, kaufen sie einen Drink.
Also versucht sie ihr Glück beim Tramp. Nach etwas Verwirrung bittet er sie um einen Tanz, der, gelinde gesagt, interessant ist.
Als der Bartender allerdings feststellt, daß er kein Geld hat, um Drinks zu kaufen, wirft er ihn hinaus.

Flirten für Anfänger.

Draußen überfallen zwei Gauner einen betrunkenen Gentleman und nehmen sich seine Brieftasche. Da sie von der Polizei verfolgt werden, vergräbt sie einer von ihnen in einem Loch neben dem bevorzugten Schlafplatz des Tramps.
Zum Glück findet Scraps die Brieftasche und zurück geht's zum "Green Lantern".
Inzwischen hat es die Sängerin geschafft, gefeuert zu werden, weil sie es ablehnt, mit einem anderen Kunden zu tanzen. Sie ist verzweifelt, weil der Besitzer sie nicht bezahlen will, aber der Tramp zeigt ihr das Geld, das er gefunden hat, und meint, daß sie aufs Land ziehen werden.
Zu dumm, daß die Gauner sie hören und sich die Brieftasche zurückholen. Der Tramp gibt allerdings nicht so schnell auf und es gelingt ihm, das Geld wiederzubekommen. 

Dem Gauner seine Arme "leihen" -
eine großartige Vorführung.

Die Gauner jagen ihn bis zum Kaffeestand, während des Gerangels fällt die Brieftasche zu Boden - von wo sie Scraps erfolgreich rettet, während die Gauner von der Polizei verhaftet werden und der Tramp entkommt. Der arme Standbesitzer bleibt verwirrt und lädiert zurück.

Am Ende sieht man das glückliche Paar auf ihrem Hof und ein Körbchen steht auf dem Boden - nicht mit einem Baby, sondern einem ganzen Wurf!


Zwei Dinge stechen in diesem Film klar heraus.

1. Scraps (Mutt im echten Leben) hat allen absolut die Show gestohlen. Sorry, Charlie und Edna und die anderen, ihr wart witzig, aber wir wissen alle, wer hier die wahre Heldin war.
2. Das Kleid der Sängerin. Ich konnte einfach nicht über dieses Meisterstück des Modedesigns hinwegkommen. Wir sollten alle solche Kleider tragen, Frauen, Männer, Kinder.
Es sah aus wie ein langer weißlicher Rock mit einem durchsichtigen schwarzen Top, über dem eine Art schwarze Schürze lag, deren zwei Teile an den Hüften durch schwarze Streifen verbunden waren. Aber halt! Da ist noch mehr. Ähm, ein flatterndes Stück Vorhang, das am Rücken befestigt ist?
"Wir brauchen noch ein Kleid für Edna. Oh hey, hier liegen noch ein paar übriggebliebene Stoffteile herum. Damit kann ich was anfangen!" Absolut brilliant 
😂


Nicht nur Scraps führt im Film ein Hundeleben, sondern auch der Tramp und die Sängerin, wenn auch nicht buchstäblich.
Die Assoziation zwischen den Szenen, in denen der Tramp den Kampf um einen Job in der Agentur und Scraps den um den Knochen verliert, ist offensichtlich.
Alle drei wurden zu diesem Leben gezwungen, was es in der Tat besonders herzerwärmend macht zu sehen, wie sie ihr Happy End bekommen (selbst wenn es auf unrechtmäßigem Geld gegründet ist). Ich war vollkommen darauf vorbereitet, sie eine einsame Straße in eine unsichere Zukunft hinuntergehen zu sehen, aber das gefiel mir viel besser.

Ich fand auch die Gags richtig gut und die "Choreographie", in der Chaplin so bewandert war.
In der Tat 32 angenehm verbrachte Minuten.

P.S. Ist euch an den Bildern etwas aufgefallen? Das vertraute Stöckchen fehlt. Ich schätze, ein Stöckchen und eine Leine wären zuviel gewesen.

Donnerstag, 8. Januar 2026

Stummfilme - Goldrausch

Wir haben hier gerade nicht ganz so extremes Wetter, aber es ist immer noch Winter und Jahresanfang, also habe ich euch heute einen Film mitgebracht, der im Schnee des Klondike spielt und eine berühmte Neujahrsdinnerszene hat. Es ist natürlich Charlie Chaplins Goldrausch von 1925. Oder 1942? Schauen wir mal.


Tatsächlich habe ich für diesen Post zwei Versionen angeschaut, die ich beide noch nicht kannte.
Das Original von 1925 ist länger und stumm mit Zwischentiteln, der Neuschnitt von 1942 weist einige Änderungen auf und statt Zwischentiteln gibt es hier eine Musikuntermalung und einen Erzählungstext, der von Chaplin selber gesprochen wird.

Wie gewöhnlich fange ich mit der Handlung (und Spoilern) an.

Zusammen mit hunderten anderen macht sich der Lone Prospector (der einsame Goldsucher) auf den Weg zum Klondike, um Gold zu finden.


Von einem Schneesturm überrascht landet er in der Hütte von Black Larsen, einem gesuchten Verbrecher, und bald kommt auch noch Big Jim dazu, ein weiterer Goldsucher, der gerade erst einen großen Goldfund gemacht hat. Larsen versucht vergeblich, sie loszuwerden.


Als ihnen das Essen ausgeht und sie Karten darum ziehen, wer im Schneesturm hinaus muß, um welches zu besorgen, verliert Black Larsen. Dort draußen stößt er auf das Zelt von zwei Polizisten, die nach ihm suchen, und tötet sie.
Inzwischen werden der kleine Kerl und Big Jim verrückt vor Hunger. Sie essen einen der Schuhe des kleinen Kerls, aber Big Jim bekommt Halluzinationen und denkt, sein Freund ist ein Huhn. Gerade rechtzeitig marschiert ein Bär herein und sie haben genug zu essen.

Lakritze und Bonbons, nur falls
ihr euch das auch gefragt habt 😉

Als der Blizzard vorüber ist, trennen sich ihre Wege. Der kleine Kerl macht sich in die nächste Goldgräberstadt auf, Big Jim geht zu seinem Claim. Dort wartet jedoch Black Larsen. Er schlägt Jim mit einer Schaufel nieder und macht sich mit einem Teil des Goldes davon, kommt dann aber in einer Lawine zu Tode.

Im Tanzsaal der Stadt verliebt sich der kleine Kerl in Georgia. Um Jack zu ärgern, der ihr aggressive Avancen macht, bittet George den kleinen Kerl um einen Tanz.


Als sie sich bei einer Hütte wiedertreffen, auf die er für den Besitzer aufpaßt, flirtet Georgia mit dem kleinen Kerl und lädt sich und ihre Freunde dann zum Dinner am Silvesterabend bei ihm ein.


Der kleine Kerl räumt Schnee, um Geld für das Essen zu verdienen. Er schmückt alles hübsch und schläft beim Warten auf die Damen ein, wobei er von dem Spaß und Gelächter träumt, als er seinen Brötchentanz für sie vorführt.


Als er aber ganz allein aufwacht, geht er zum Tanzsaal, wo alle feiern. Enttäuscht geht er im Schnee spazieren, als George also mit Jack zur Hütte kommt, nachdem sie sich an die Einladung erinnert hat, ist er nicht da.

Inzwischen hat Big Jim es zur Stadt geschafft. Leider erinnert er sich nicht an den Standort seines Goldbergs, nachdem ihn Black Larsen mit der Schaufel geschlagen hat. Als er also den kleinen Kerl im Tanzsaal sieht, zerrt er ihn mit sich, damit er ihm hilft.
Sie finden die Hütte, aber während der Nacht rutscht diese in einem weiteren Schneesturm den Hügel hinunter und nachdem die Hälfte davon über eine Klippe ragt, schaukelt sie gefährlich hin und her.


Sie schaffen es gerade noch nach draußen, bevor die Hütte in die Tiefe stürzt.


Wie es aber das Glück will, ist Jims Goldlagerstätte genau an dieser Stelle, wodurch sie beide zu Millionären werden.
Als sie ein Schiff nach Hause nehmen, bitten Reporter den kleinen Kerl um ein Bild in seinen alten Goldgräberklamotten. Der Fotograf sagt ihm, er solle einen Schritt zurücktreten, dabei fällt er die Treppe hinunter und landet genau neben Georgia, die ebenfalls auf dem Weg zurück ist und ziemlich desillusioniert aussieht. Sie glaubt, er sei ein blinder Passagier und versucht ihn zu verstecken. Ihre Überraschung und Freude ist groß, als der Kapitän nicht nur erklärt, daß er in Wirklichkeit ein Multimillionär ist, sondern der kleine Kerl sie dem Reporter außerdem als seine Braut vorstellt.


Kommen wir jetzt erstmal zu den Unterschieden in der Handlung.

Im Original von 1925 weist Georgia Jacks Kuß zurück, nachdem sie die Hütte leer, aber geschmückt vorgefunden haben, später aber schreibt sie ihm einen Brief, in dem sie sich entschuldigt und ihm sagt, daß sie ihn liebt. Jack zeigt den Brief den anderen an seinem Tisch und lacht darüber, dann läßt er den Brief dem kleinen Kerl bringen, nur um Georgia zu ärgern. Als also der kleine Kerl Georgia sagt, daß er ihre Nachricht bekommen hat, ihre Hand küßt und ihr verspricht, es zu etwas zu bringen, bevor er von Big Jim weggezerrt wird, ist sie deutlich verwirrt, was hier geschieht. Erst als sie sich auf dem Schiff um ihn sorgt, weil sie denkt, daß er in Eisen gelegt wird, kann man erkennen, daß sie tatsächlich Gefühle für ihn hat.

In der Version von 1942 geht die Nachricht jedoch direkt an den kleinen Kerl und darin steht nur, daß sie sich entschuldigen und eine Erklärung wegen Silvester abgeben möchte, und eine Beziehung zwischen Jack und ihr wird überhaupt nicht erwähnt.

Der Schluß ist ebenfalls etwas unterschiedlich, im Original sieht man den kleinen Kerl und Georgia in einem langen Kuß, im Neuschnitt gehen sie nur Arm in Arm die Treppe hinauf.

Ich finde, die erste Version sorgt für etwas mehr Drama und die Nachricht scheint dem kleinen Kerl die Motivation zur Goldsuche zu geben, um sich Georgias würdig zu erweisen.
Die Notiz im Neuschnitt ist ziemlich lauwarm und sagt nicht wirklich soviel über Georgias Gefühle ihm gegenüber aus, also läßt das seine Reaktion darauf recht übertrieben aussehen.

Um ehrlich zu sein, hadere ich sowieso etwas mit der Liebesgeschichte in diesem Film. Jack ist ein Bully und ich verstehe nicht, warum Georgia plötzlich ihre Meinung über ihn ändert (in der ersten Version) und dann ihre Meinung nochmal ändert, diesmal in Bezug auf den kleinen Kerl. Wenigstens ist sie nicht hinter seinem Geld her, als sie ihm auf dem Schiff zu helfen versucht, aber weiß sie eigentlich, was sie will?
Andererseits macht mich ein Happy End auch glücklich und hier bekommt Chaplins Kleiner Tramp mal ein richtig glückliches, seine Lady und obendrauf noch einen Haufen Geld.

"Goldrausch" war Chaplins persönlicher Favorit und ein Erfolg bei den Kritikern und finanziell. Er wurde von Bildern des Klondike-Goldrauschs und einem Buch über die Donner-Party inspiriert. 
Nun mögt ihr euch fragen, was um Himmels willen an diesen beiden historischen Ereignissen lustig sein könnte, aber Chaplin gelang es immer, Humor in der Tragödie zu finden.
Der Film bescherte mir jedoch keine Lachanfälle, weil ich immer die Tragödie um die Ecke spürte.
Nehmen wir zum Beispiel das Thanksgiving-Essen mit dem Schuh. Ich mochte die Art, wie der kleine Kerl die Präsentation des "Mahls" zelebrierte, aber daran zu denken, daß das von echten Ereignissen inspiriert war, war auch gruselig.



Ich konnte außerdem den Gedanken nicht loswerden, wie kalt es für diese Tanzmädchen in ihren schönen, aber recht dünn aussehenden Kleidern gewesen sein muß, und den kleinen Kerl in seinen üblichen Klamotten durch den Schnee marschieren zu sehen war witzig, ließ mich aber auch erschauern (vielleicht erinnert ihr euch, daß ich auch über Heizung nachdachte, als ich das riesige Schloß in Doug Fairbanks' Robin Hood sah 😂). Ich hasse Schnee einfach (außer auf Bildern von wunderschönen Winterlandschaften).
Natürlich war mir klar, daß das Studioszenen waren, aber ich denke, das spricht doch für Chaplins Talent, das Gefühl eines harten Klondike-Winters heraufzubeschwören.
Es gab auch ein paar tolle Effekte wie zum Beispiel die schaukelnde Hütte oder Black Larsens Todesszene.

Es ist wirklich nicht überraschend, daß der Film so großes Lob erhalten hat und immer noch erhält.
Natürlich sind die Leute aber geteilter Meinung über die zwei Versionen. Müßte ich wählen, würde ich die Version von 1925 nehmen, aber mit der Musik von 1942. Die Erzählung an sich stört mich nicht, aber ich finde, Chaplin hat es mit dem Pathos etwas übertrieben und er hätte weniger erzählen können (vielleicht gewöhne ich mich wirklich an Titelkarten?).

Warum gibt es überhaupt einen Umschnitt?
Chaplin wollte den Fim wiederbeleben - wie erwähnt war er sein Favorit - wußte abeer, daß er, nachdem es jetzt seit mehr als einem Jahrzehnt Tonfilme gab, nicht einfach die alte Version zeigen konnte, so wie sie war. Also änderte er und stellt um und modernisierte und fügte Musik und Erzählung hinzu.
Die Version von 1925 war in den USA in die Public Domain übergegangen, weil das Copyright nicht erneuert worden war, aber letztendlich wanderte sie dann in den Müll. Erst 1993 wurden die Filmhistoriker Kevin Brownlow und David Gill von den Chaplin-Erben beauftragt, sie aus verfügbaren Quellen zu rekonstruieren und restaurieren.

Für Leute, die vor völlig stummen Filmen zurückschrecken, ist der Umschnitt aber eine gute Wahl, denke ich. Ich weiß, daß ich selber viel zu lang damit gewartet habe, aber ich glaube, daß "Goldrausch" es wert ist, von jedem gesehen zu werden, der irgendwie an klassischen Filmen interessiert ist.

P.S. Ich ziehe einen Punkt dafür ab, daß ein Hund gezeigt wurde, der plötzlich verschwunden ist. Das ist für mich zuviel der Tragödie.



Quellen (englischsprachig):

1. Fritzi Kramer: The Gold Rush (1925) - A Silent Film Review. Auf: Movies Silently, 5. Juli 2015
2. Jeffrey Vance: The Gold Rush. Auf: San Francisco Silent Film Festival, präsentiert beim Event "Little Tramp at 100" Januar 2014


Es tut mir leid, daß meine Quellen meist nur englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.

Donnerstag, 29. Mai 2025

Stummfilme - Moderne Zeiten

Es ist offensichtlich, daß wir irgendwann an diesen Punkt kommen mußten.
Ein Stummfilmprojekt ohne Charlie Chaplin wäre nicht vollständig und "Moderne Zeiten" sprang mich praktisch an, als ich schaute, was neu in der ARTE Mediathek war, und feststellte, daß sie einen Charlie-Chaplin-Event hatten.
Ich kannte wieder mal Teile daraus, wie zum Beispiel der Tramp in den Zahnrädern der Fabrik gefangen ist, war mir aber nicht sicher, ob ich je den ganzen Film gesehen hatte.
Außerdem hatte ARTE nicht nur den Film selber, sondern auch eine Dokumentation darüber.

Nach "Lichter der Großstadt", der selbst als Stummfilm unter Tonfilmen 1931 ein Riesenerfolg war, war Chaplin ausgebrannt und verfiel in Depression. Seine PR-Tour wurde zu einer Weltreise, die ihm helfen sollte, sich selbst wiederzufinden. Nach 17 Monaten kam er nach Hollywood zurück, bereit, einen weiteren Film zu machen. An seiner Seite war Paulette Goddard.


"Moderne Zeiten" ist etwas besonders in diesem Projekt von mir, da es kein völlig stummer Film ist.
Tatsächlich hatte Chaplin bis September 1934 schon einen kompletten Dialog dafür geschrieben, Proben begannen im Oktober. Im Dezember aber, nachdem drei Tage gefilmt worden war, stoppte Chaplin den Dreh. Er konnte es einfach nicht über sich bringen, seinen berühmten Charakter sprechen zu lassen, er wußte nicht, welche Stimme er ihm hätte geben sollen und was er hätte sagen sollen.
Wie aber erwähnt ist "Moderne Zeiten" kein ausschließlicher Stummfilm. Die Menschen mögen ja nicht miteinander reden, aber sie sprechen durch die Maschinen, das Intercom, durch das der Fabrikboss sogar während der Pause Befehle gibt, das Radio, der "mechanische Verkäufer". Es gibt nur eine Szene, in der man die Stimme des Tramps hört, aber sie spricht nicht, sie singt, auch nicht in verständlichen Worten, sondern in Kauderwelsch, da er den Liedtext vergessen hat. Was könnte besser sein, um Chaplins Position gegenüber dem Tonfilm zu zeigen?
Der Dreh wurde August 1935 beendet und der Film kam 1936 heraus
- "Die Geschichte der Industrie, des Privatunternehmertums - der Kreuzzug der Menschheit auf der Jagd nach dem Glück."

Seit ihr bereit für etwas Handlung (mit Spoilern)?
Der Tramp arbeitet an einem Fließband. Wegen des Streß - die Szene mit der Fütterungsmaschine, die dazu entworfen ist, Arbeiter zu füttern, sodaß Pausen überflüssig werden und somit Profite erhöht werden, hat mich wirklich gestreßt - erleidet er einen Nervenzusammenbruch, der im Chaos endet und ihn ins Krankenhaus bringt.
Nach seiner Entlassung gerät er in eine Demonstration und wird verhaftet, da man ihn für den Rädelsführer hält, nur weil er zufällig eine verlorene rote Fahne aufgehoben hat.
Im Gefängnis verhindert er einen Ausbruch, indem er die Gefangengen niederschlägt, wofür er dann eine Sonderbehandlung erhält. Als man ihm sagt, daß er bald entlassen wird, meint er, daß er lieber im Gefängnis bleiben würde.

Zurück in einer Welt von Arbeitslosigkeit, Aufruhr und Armut, ist der Tramp, nachdem er bei einem weiteren Job versagt hat, entschlossen, ins Gefängnis zurückzugehen.
Er trifft Ellen, die gerade ihren Vater verloren hat und deren Schwestern vom Jugendamt weggebracht wurden (um dann im Film nie mehr erwähnt zu werden), während sie selber abgehauen ist. Sie hat aus einem Lieferwagen ein Brot gestohlen, und sowohl um ihr zu helfen als auch selber verhaftet zu werden, behauptet er, daß er es getan hat, aber eine Zeugin sagt der Polizei, daß es Ellen war, also wird sie mitgenommen.
In einem Polizeiwagen trifft er sie wieder, nachdem er für Zechprellerei verhaftet wurde. Der Wagen bricht zusammen und sie entkommen gemeinsam.

Als nächstes bekommt er eine Stelle als Nachtwächter in einem Kaufhaus und nimmt Ellen mit hinein, wobei er sich vorstellt, wie es wäre, mit ihr in einem schönen Haus zu leben.
Nachts dringen drei Einbrecher ein, von denen er einen von der Arbeit kennt. Sie sagen, daß sie nur hungrig sind, also essen und trinken sie, und der Tramp wacht auf, als das Kaufhaus schon wieder geöffnet hat.
Als er diesmal aus dem Gefängnis kommt, überrascht ihn Ellen damit, daß sie ihm eine Bruchbude zeigt, in der sie wohnen können. Er ergattert eine neue Stelle, aber die Arbeiter gehen in Streik und dabei trifft er versehentlich einen Polizisten mit einem Ziegelstein.

Während er im Gefängnis ist, hat Ellen einen Job als Tänzerin in einem Café gefunden und sichert auch ihm eine Stelle, als Kellner und Unterhalter.
Leider taucht die Polizei auf und will Ellen dafür verhaften, daß sie vor dem Jugendamt weggelaufen ist. Sie entkommen beide, aber Ellen hat alle Hoffnung verloren und fragt sich, warum man es überhaupt noch versuchen sollte.
Der Tramp sagt ihr, sie solle nie die Hoffnung verlieren, und zusammen gehen sie die Straße hinunter in ein unsicheres Leben.

"Moderne Zeiten" war der letzte Auftritt des Tramps auf der Leinwand, und obwohl er fast zehn Jahre nach dem ersten Tonfilm (Der Jazzsänger) herauskam, war es ein sehr erfolgreicher Abschied.
Obwohl der Film sehr witzige Szenen enthält, steckt doch eine Menge mehr dahinter.

Seine Eröffnungsszene ist eine sich drängelnde Schafherde - mit einem schwarzen Schaf dazwischen - und als nächstes eine Menge von Arbeitern, die aus einer U-Bahn-Station kommen. Im Film sieht man einige Menschenmengen und oft ist der Tramp darin gefangen, ohne es zu wollen und ohne entkommen zu können - zum Beispiel in der Demonstration, während des Streiks und einer Szene im Café, in der die Menschen tanzen, während er versucht, eine Bestellung zu einem Gast zu bringen.
Chaplin war in der Ford-Fabrik, er hatte gesehen, wie schwer und anstrengend Fließbandarbeit für die jungen Männer war, die dort arbeiteten, also ist es nicht überraschend, daß sein Tramp den Streß nicht aushalten kann, dem er durch die ständig steigende Geschwindigkeit des Bands ausgesetzt ist. Fällt ein Arbeiter zurück, hat es auch auf all die anderen eine direkte Auswirkung.

Nachdem der Tramp aus dem Krankenhaus entlassen wird, ist der Film ein Versuch nach dem anderen, für sich und Ellen einen Platz in diesem erbarmunglosen System zu finden, und gerade als sie glauben, daß sie ihn gefunden haben, wird der Traum von diesem System wieder zerstört.
Das macht den Tramp so universell, eine Menge Leute konnten sich mit diesem Gefühl identifizieren, vor allemn während der Großen Depression. Und trotzdem gibt er niemals auf und bewahrt sich diese kindliche Hoffnung, daß es etwas Gutes in der Zukunft geben wird.
Ursprünglch war ein anderes Ende gedreht worden, in dem der Tramp herausfindet, daß Ellen in ein Kloster eingetreten ist, aber dann dachte Chaplin, daß der Film auf einer hoffnungsvollen Note enden mußte.

Wenn man Chaplins eigene Geschichte bedenkt, eine harte Kindheit in den Slums von London und Ausbrüche von Depression sein Leben lang, ist die unnachgiebige Jagd des Tramps nach seinem kleinen Glück - denn er verlangt nicht viel - recht erstaunlich (auch für mich, eine gräßliche Pessimistin).

In Deutschland war "Moderne Zeiten" verboten, so wie auch Chaplins andere Filme nicht mehr gezeigt wurden. Das bedeutet nicht, daß er in den USA nicht dafür kritisiert worden wäre, daß er "kommunistische Tendenzen" zeigte. Nicht jeder war glücklich darüber, daß Chaplin politisch wurde, noch mehr in den Filmen danach. Irgendwann mußte er deshalb sogar die USA verlassen.

Ich habe den Film viel mehr genossen als erwartet, obwohl ich euch nicht wirklich sagen kann, was genau ich erwartet hatte. Ich habe gelacht, ich war berührt und ich habe mit den zwei mitgelitten, die einfach ihr Bestes taten, um in schweren Zeiten zu überleben.
Wieder mal gäbe es soviel mehr über den Film zu sagen, aber wie immer werde ich euch ein paar Quellen auflisten, falls ihr interessiert seid (recht willkürlich ausgewählt, wie ihr euch vorstellen könnt, es gibt eine Menge dazu!).
"Moderne Zeiten" wurde als einer der größten Filme nicht nur von Chaplin, sondern überhaupt bezeichnet. Ich würde ihn definitiv zum Anschauen empfehlen und ich bin mir recht sicher, daß ich ihn selber auch noch einmal anschauen werde.


Quellen (überwiegend Englisch):
1. R.K.: Chaplin : Modern Times. Ursprünglich in: The Manchester Guardian, 14. Juli 1936
2. Chaplins "Moderne Zeiten" - Der Abschied vom Stummfilm (Frankreich 2024, deutsche Synchronisation/Untertitel. Auf: ARTE TV (momentan verfügbar bis 30. November 2025)
3. Matt ?: Modern Times (1936). Auf: I Draw On My Wall, 4. September 2017
4. David A. Punch: Modern Times: Aversion to Innovation. Auf: The Twin Geeks, 4. Februar 2019
5. Josh Matthews: Charlie Chaplin's Modern Times - - What Makes This Movie Great (Episode 7). Auf dem YouTube-Kanal "Learning about Movies"

Es tut mir leid, daß meine Quellen meist nur englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.