Donnerstag, 16. Juli 2026

Stummfilme - Die verflixte Gastfreundschaft

Kennt ihr Lucky Luke noch, den Helden eines belgischen Western-Comicreihe? Eines der Comicalben heißt "Familienkrieg in Painful Gulch". Die Familien O'Timmins (große Nasen) und O'Hare (große Ohren) stecken in einer jahrzehntealten Familienfehde, ohne sich auch nur zu erinnern warum eigentlich. Lucky Luke wird zum Bürgermeister ernannt, damit er diese Fehde beendet.
Die Geschichte wurde von der historischen Hatfield-McCoy-Fehde in West Virginia und Kentucky im 19. Jahrhundert inspiriert.
Ihr wollt wissen, was das mit Stummfilmen zu tun hat? Ich bin froh, daß ihr gefragt habt.
Darf ich euch "Die verflixte Gastfreundschaft" von 1923 vorstellen?


Die Handlung (Spoiler voraus)!

Nachdem sich sein Vater John und James Canfield gegenseitig erschossen haben, wird Baby Willie McKay von seiner Mutter mit nach New York genommen, wo er aufwächst, ohne von der Fehde zwischen den Familien zu erfahren (ist euch die Ähnlichkeit der Namen zu den echten aufgefallen?), nach dem Tod seiner Mutter zieht ihn die Tante auf.

Das ist übrigens Keatons und Talmadges
erster Sohn Jimmy.

Dann erhält er einen Brief, der ihn auffordert, den Besitz seines Vaters im Süden zu beanspruchen, und er hat große Träume (tatsächlich handelt es sich nur um eine kleine verfallene Hütte).
Bevor er aber fährt, erzählt seine Tante ihm von der Fehde.


Im Zug - "Vorwärts eilte das Eisenmonster auf die Blue Ridge Mountains zu" dem Zwischentitel zufolge (immer von Willies Hund gefolgt!) - lernt er eine junge Dame kennen.
Die Zugfahrt ist recht ereignisreich. Sie müssen einen Tramp vom Zug ziehen, ein Mann bewirft den Lokführer mit Steinen, der daraufhin Holz von seinem Tender zurückwirft, das schnell von dem Mann aufgesammelt wird, sie haben eine sehr ruckelige Fahrt, da die Gleise buchstäblich über Stock und Stein hinweg verlegt sind, sie müssen die Gleise aus dem Weg ziehen, weil sich ein sturer Esel weigert, sich zu bewegen (natürlich läuft er davon, nachdem der Zug vorbeigefahren ist), sie entgleisen und der Zug fährt auf dem blanken Boden weiter, und einmal verliert die Lok sogar die Waggons und ist plötzlich hinter diesen - und das ist noch nicht alles (ich bin froh, daß meine Pendelei nicht so war).


Einmal angekommen erfahren wir - aber nicht Willie - daß die junge Dame im Zug Virginia Canfield ist, denn sie wird von ihrem Vater und den beiden Brüder Clayton und Lee abgeholt.
Später begegnet Willie Lee, der, nachdem er hört, daß Willie ein McKay ist, sofort erfolglos versucht, diesen zu töten, und dann nach Hause rennt, um seinen Vater und Clayton zu informieren. Während sie schon ihre Waffen wählen, sieht Willie zufällig Virginia in ihrem Hof und sie lädt ihn zum Abendessen ein.


Inzwischen sind alle männlichen Canfields hinter Willie her, der mit viel Glück - und auf witzige Art - entkommt.
Als er zum Abendessen auftaucht, sind die Canfields schockiert, ihn als Virginias Gast zu sehen. Dennoch macht Vater Canfield seinen Söhnen klar, daß ihr Ehrenkodex ihnen gebietet, ihm Gastfreundschaft zu gewähren ... aber nur im Haus, während er außerhalb davon Freiwild ist. Willie bekommt das Gespräch zufällig mit und fragt den Butler, wessen Haus das ist.
Von da an haben Willie und die Canfields ein Auge aufeinander, während sie nur darauf warten, daß er das Haus verläßt und sie ihre Chance bekommen
.

Der Pfarrer spricht das Tischgebet, aber
nur er und Virginia halten die Augen geschlossen ...

Zum Glück regnet es in Strömen, als der Pfarrer nach dem Abendessen nach Hause gehen will. Er wird eingeladen zu bleiben und Willie dehnt die Einladung auf sich selber aus, entschlossen, das Haus nie mehr zu verlassen. Als Virginia aber erfährt, daß er ein McKay ist, kann sie sich keine Zukunft für sie beide vorstellen.
Willie hofft in Verkleidung zu entkommen und die Jagd beginnt (die Keaton reichlich Gelegenheit für seine waghalsigen Stunts gibt).


Dank dem Pfarrer gibt es ein Happy End, da es ihm gelingt, Willie und Virginia rechtzeitig miteinander zu verheiraten, bevor die Canfields wieder daheim sind, und wie könnte Dad dem Blick in den Augen seiner Tochter widerstehen?


Mit dem Film hatte ich jetzt mal richtig Spaß!
Ich werde schamlos ein wenig aus Jim Emersons Kritik klauen (der Link ist unten, leider ist es nur ein Teil eines Artikels, dessen Link nicht mehr funktioniert).

"Zu den Dingen, die man dadurch lernt, daß man Buster Keatons "Die verflixte Gastfreundschaft" anschaut, gehören
:

● eine neuartige Methode, einfach Brennholz zu sammeln

● wie man einen Esel von Bahngleisen wegbewegt oder umgekehrt

● wie man ein Boot improvisiert

● wie man aus einem Pferdehintern eine Lady macht

● wie man in einem Wagen mit niedriger Decke einen Zylinder aufsetzt (und warum ein flacher Hut so offensichtlich vorzuziehen ist)

In anderen Worten, diesen Film anzuschauen wird euer Leben maßlos verbessern."


Keaton, der Züge liebte, siedelte den Film früher an als die historische Fehde, damit er eine Nachbildung der britischen Dampflok Stephenson's Rocket von 1829 verwenden konnte. Die Zugfahrt ist mein liebster Teil im Film, sie ist zum Brüllen. Ich tat mich schwer, die Anzahl von Bildern dazu zu beschränken.
Das heißt aber nicht, daß die Jagd nicht ebenfalls witzig und tatsächlich spannend war.
Wie gewöhnlich machte Keaton die meisten seiner Stunts selber. Zwei davon wurden gefährlich für ihn, einmal als ein Draht brach und Keaton im Wasser davongespült wurde - wie man im Film sehen kann, denn der Kameramann hatte Anweisungen weiterzufilmen -  und einmal als er über dem Wasserfall baumelte und soviel Wasser schluckte, daß man ihm den Magen auspumpen mußte!

Es gibt eine Menge visueller Gags, aber kein Slapstick, da das für einen abendfüllenden Film, der von seiner Geschichte abhing, die ja auf tragischen Ereignissen beruhte, nicht gepaßt hätte.
Dies war Keatons zweiter langer Film, der erste war jedoch noch episodisch gewesen. Er war außerdem eine Familienunternehmung. Der Produzent Joseph M. Schenck war Keatons Schwippschwager, Baby Keaton haben wir schon gesehen, Virginia ist Natalie Talmadge - zu der Zeit noch mit Buster verheiratet und mit ihrem zweiten Kind schwanger - und der Lokführer ist Joe Keaton, Busters Vater. 

Rundum eine Empfehlung von mir!


Quellen und weitere Lektüre (englischsprachig):

1. Jim Emerson: Our Hospitality: Buster Keaton and gravity. Auf: RogerEbert.com, Scanners, 14. Dezember 2012
2. Jeffrey Vance: Our Hospitality. Auf: San Francisco Silent Film Festival. Essay. 2019
3. Hal C. F. Astell: Our Hospitality (1923). Auf: Apocalypse Later, 19. November 2023


Es tut mir leid, daß meine Quellen meist nur englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.

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