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Dienstag, 17. Dezember 2024

Neun rote Gimpel

In meinem letzten Post habe ich eine Anthologie von Weihnachtsgeschichten erwähnt, die ich als Kind bekommen habe. Man kann dem Buch ansehen, daß ich es geliebt habe, es sieht sehr gebraucht aus.
Barbara Bartos-Höppner hatte die Idee zu dem Buch. Sie war eine deutsche Schriftstellerin und bat andere, die sie kannte, Weihnachtsgeschichten zu schreiben. Es überraschte sie, daß manche von ihnen meinten, man könne in unserer Zeit keine Geschichten mehr über Weihnachten schreiben, wobei "unsere Zeit" in dem Fall 1971 war, als die erste Auflage veröffentlicht wurde (ich war damals sechs Jahre alt). Die einzige Bedingung war, daß die Geschichten in der Zeit zwischen dem ersten Advent und Dreikönig spielen mußten.
Am Ende hatte sie 16 sehr unterschiedliche Geschichten von 15 Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus mehreren europäischen Ländern.
Der Titel ist "Weihnachtsgeschichten unserer Zeit - Bekannte Schriftsteller erzählen vom Weihnachtswunder".
Wenn ihr denkt, es geht nur um Freude und funkelnde Lichter, täuscht ihr euch.
Die Geschichten sind
- herzerwärmend, wenn eine Kindergang Weihnachtslieder singen geht, um unter dem Vorwand, für kranke Kinder zu sammeln, Geld zu verdienen, und einer von ihnen dann spontan - und zu seiner eigenen Überraschung - das Geld im letzten Haus, das sie besuchen, für eine Schule für taube Kinder spendet
- traurig, wenn es in der Geschichte um eine Krankenschwester im Krieg geht, die als Begleitung für eine Gruppe Mädchen aus einem Kinderheim eingesetzt wird, und eines der Mädchen an Blinddarmentzündung stirbt; als Kind brachte mich der letzte Satz immer zum Weinen "Doch die Eltern von Helga habe ich nie gefunden".
- realistisch in der Geschichte über ein Ehepaar in Trennung, die trotz ihrer Differenzen versuchen, ihren beiden Kindern ein schönes Weihnachten zu bereiten
- fröhlich in der Geschichte über den heimwehkranken Jungen in Brasilien, dem der Schnee an Weihnachten fehlt, und das Mädchen, das "Schnee" für ihn macht
- magisch in meiner Lieblingsgeschichte.

Diese Geschichte ist von Katherine Allfrey, einer deutsch-britischen Schriftstellerin, sie heißt "Weiße Weihnachten".

Ein paar Tage vor Weihnachten wird im Eibenwald über dem Fünfherrengrund ein Weihnachtself geboren, ein seltenes Ereignis, das Weiße Weihnachten bedeutet.
Der Elf wird geboren, weil Tropfen von klarem Silber, ein winziger Teich aus Regen oder Tau, sich im Stumpf des ältesten Baum im Wald sammeln und von einem Lichtstrahl gefunden werden.
Ein Funkeln erwacht in dem finsteren Loch und der Strahl zieht das Silber nach oben und läßt es auf den Grund sinken, wo es wächst und wächst, bis der Elf geboren ist, schmal wie eine Flamme, klar wie Eis und leuchtend wie ein Edelstein. (Ist das nicht wunderschön?)

Nun muß der Elf drei Aufgaben erfüllen, damit Weihnachten weiß werden kann.
Er muß neun rote Gimpel (ich mag das Wort so gern) auf einem Zweig finden, er muß die Glocken der verlassenen Kirche im Fünfherrengrund läuten und er muß Jack Frost aus dem Norden zurückholen.
Er weiß nicht, wie er das tun soll, aber aus dem leichten Schneegestöber kommt ein Einhorn, um ihn zu leiten.
Zuerst erklärt das Einhorn dem Elf, was Gimpel sind, aber der Elf kann nur zwei finden, bis er auf ein Papier stößt, das aus einem Auto geweht wurde - und neun rote Gimpel auf einem Zweig zeigt. Ob sie wirklich sind, das weiß er nicht, aber lebendig sind sie.

Männlicher Gimpel, Lancashire, UK
© Francis C. Franklin / CC-BY-SA-3.0,
über Wikimedia Commons


Als nächstes sind die Glocken in der Kirche an der Reihe, aber die Wände der alten Kirche sind zerfallen, die Tür ist morsch, das Dach ist halb eingestürzt - und im Turm sind keine Glocken.
Der Elf beschließt, zunächst nach Jack Frost zu suchen, ein langer, dunkler und schwieriger Flug für ein helles Wesen wie ihn. Auf dem höchsten Berg findet er den Riesen Jack, der hart geworden ist, aber er folgt dem Elf und bringt Hagel und Sturm mit sich.
Die Gimpel warten in der Kirche, aber Glocken gibt es immer noch keine.
Auf einem Sims aber ist ein Büschel von Gräsern, ganz von Eis eingeschlossen, und als der Elf daran vorbeigeht und sie streift, kann ein leises Klingeln hören. Nur Elfenhände können diese winzigen Glocken mit ihrem überirdischen Klang läuten. Das Einhorn tanzt fast vor Freude und Jack Frost wandelt sich von einem grimmigen Riesen in einen milden König, als er die Glocken hört, und der tote schwarze Wald wird zu einem schimmernden weißen Winterwald.

Um Mitternacht läutet der Elf die Glocken noch einmal, die morsche Tür öffnet sich. Weihnachtsengel füllen die Kirche, das Einhorn legt sich vor den alten Altar, und die Gimpel sitzen wie kleine Chorknaben links und rechts und flüstern.
Und sie feiern die Heilige Nacht gemeinsam, bis die Sonne des Weihnachtsmorgens über der weißen Welt aufgeht.

Warum ein Kind wie ich, das nie Schnee geliebt hat, diese Geschichte so liebte, weiß ich nicht. Ich denke, es ist der Frieden, den ich darin spüre, und sie ist so wunderschön geschrieben.

Ich würde wirklich gern die neun kleinen Gimpel auf ihrem Zweig sticken, wohl kaum bis Weihnachten, aber ich muß das ja auch nicht überstürzen. Es wird mir schon eine Idee kommen, wenn ich bereit bin.

Samstag, 23. Juli 2022

Schmuck mit einer Geschichte - Teil 1 .... oder 3? (Ein "Einfach nur so Samstag"-Post)

Der heutige Post wurde von diesem Post auf Nancy's Fashion Style inspiriert, den ich durch den Blog My Bijou Life meiner Freundin Michelle fand (den ihr mal anschauen solltet, falls ihr an Mode interessiert seid, aber auch an Schmuckmachen, Quilten und mehr).

Als Schmuckmacherin frage ich mich manchmal, wo mein Schmuck landet. Wird er getragen, wird er geliebt, hat er eine Geschichte - beispielsweise daß er ein Geschenk oder Kauf zu einer besonderen Gelegenheit war - wird er weiterhin eine Geschichte haben und Erinnerungen schaffen, wird er an jemanden weitergegeben werden, wird er im Laden einer wohltätigen Einrichtung landen oder bei einem Flohmarkt und wird er dort jemand Neuen finden?
Ich werde es nie wissen und das ist vielleicht gut so.
Woher kommen diese Gedanken aber?

In meinem Leben habe ich so einiges an Schmuck gesammelt. Ich kann mich nicht erinnern, was mein erstes Schmuckstück war, aber eines der ersten muß eine rote Korallenkette gewesen sein, die ich meine, ganz schnell verloren zu haben. Danach kamen zwei Silberanhänger, ein Herz und eine Filigranblume mit einer Perle in der Mitte (die ich hartnäckig als Edelweiß bezeichnete). Das Herz trug ich lange rund um die Uhr, bis ein Vorfall dafür sorgte, daß ich es endgültig ablegte.
Danach werden meine Erinnerungen etwas schwammig, bis ich ungefähr 12 war.

Für diesen Post wählte ich ein paar meiner frühesten Silberringe aus, weil ich mich daran erinnerte, schon vor Jahren über mein kostbarstes Stück geschrieben zu haben - emotionaler Wert, nicht finanzieller - aber dann überkam mich das seltsame Gefühl, daß ich die Geschichte meines ersten Freundschaftsrings auch schon mal erzählt hatte. Tja, das habe ich tatsächlich. Und noch ein paar andere Geschichten.
Hier. Duh. Ich werde alt (aber wenigstens ist es mir noch rechtzeitig eingefallen).
Aber hey, vielleicht IST das ja ein Thema für mehr als einen Post. Wenn ich euch nur hin und wieder mit diesen Erinnerungen überfalle, sollte das doch in Ordnung sein, oder?
Und wenn es bedeutet, daß mein Schmuckkästchen mal wieder organisiert wird und ich womöglich etwas dabei lerne, ist das doch ein nette Nebenwirkung, richtig?

Ich packte meine Silberringe zurück und griff stattdessen zu einem Stück, das ich ungefähr zur selben Zeit bekam und über das ich noch gar nichts wußte. Versuchen wir doch mal, zusammen etwas herauszufinden.
Es ist ein Armreif, den ich meiner Erinnerung nach kein einziges Mal getragen habe.
1977 war ich eingeladen, einen Teil der Ferien mit der Familie meiner Freundin im Bayerischen Wald zu verbringen. Sie hatten immer Zimmer bei derselben Familie in einem kleinen Dorf und verbrachten auch Abende mit ihnen, zum Karten spielen oder Quatschen. Wenn wir nicht wanderten oder anderen Touristenziele wie die Glashütte in der Gegend besuchten, schickte uns die Dame des Hauses auf kleine Botengänge ins Dorf, um uns zu unterhalten. Sie war eine talentierte Schneiderin und ich erinnere mich an das Bolero/Rock-Ensemble, das sie für meine Freundin als Geschenk nähte.
Sie sorgte aber auch dafür, daß ich mich nicht ausgeschlossen fühlte. Als unser Urlaub vorbei war, kam sie zu mir und meinte, sie habe auch ein Geschenk für mich - diesen Armreif.


Obwohl ich das Geschenk als solches schätzte, denke ich, ich war vielleicht zu jung, um das modernistische Design zu schätzen. Außerdem fühlte sich der Armreif an meinem Handgelenk zu schwer an, und bald wanderte er in mein erstes Schmuckkästchen, von wo er ins nächste und ins nächste und ins nächste ging ...
Immer wieder mal schaute ich ihn mir an, entschied mich aber jedesmal dagegen, ihn zu tragen, er war einfach nicht mein Stil. Es ist recht erstaunlich, wie sehr er sich abnutzte, obwohl er gar nicht getragen wurde. Da er aus Zinn war - ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich das trotz des Stempels überhaupt realisierte - verbog er sich auch ziemlich schnell.
Ein Seifenband und etwas Polieren machte keinen großen Unterschied. Den anderen Tip, den ich online fand, aufgewärmtes Bier zu verwenden, konnte ich nicht ausprobieren, da Bier nicht das Getränk meiner Wahl ist und ich keins hatte.

Natürlich hatten wir damals kein Internet und später machte ich mir nicht mal die Mühe, mir die Punzen genauer anzusehen ... was ich aber für diesen Post tat.
Es gibt zwei. Die eine ist "Dansk handarbejde" = "Dänische Handarbeit", die andere "Løgeskov tin Danmark".
Auf Deutsch oder Englisch konnte ich nichts über die Geschichte von Løgeskov Zinn finden und mein Dänisch besteht aus dem unglaublich nützlichen Satz "Das Zimmer ist groß", aber eine Liste verriet mir, daß Løgeskov Tin nicht der einzige Zinnschmuckhersteller in Dänemark war.


Was ich außerdem fand, waren mehrere Bilder von Stücken, die gut zu meinem Armreif gepaßt hätten, entweder weil das Design fast oder sogar ganz dasselbe war oder weil die gleichen hellroten Glascabochons verwendet wurden (immer mein Lieblingsteil an dem Armreif) oder auch beides. Ringe, Anhänger, Ohrringe, sie hatten alles, and ein paar Stücke stehen sogar jetzt gerade auf eBay Deutschland zum Verkauf.
Darüber hinaus entdeckte ich, daß mein Armreif mit Glascabochons in verschiedenen Farben erhältlich war, zum Beispiel gelb, hellgrün oder blau.

Tja, ich habe etwas Neues gelernt und der Armreif wird jetzt erstmal ins Kästchen zurückwandern, wahrscheinlich hat er sich in den letzten 45 Jahren schon daran gewöhnt ;-)