Litfaßsäulen. Wir alle kennen sie, aber vielleicht gibt es in eurer Gegend gar keine mehr oder ihr habt nie groß darüber nachgedacht.
Tatsächlich komme ich jedesmal auf dem Heimweg vom Bus an einer vorbei, aber ich bin so daran gewöhnt, daß ich sie gar nicht mehr wahrgenommen hatte.
Was mir die Säulen aktiv ins Gedächtnis zurückholte, war diese Dose. Darin war mal Lebkuchen, eine Kollegin schenkte sie mir vor Jahren zu Weihnachten. Wegen des Steiff"plakats" stellte ich sie zu meinen Steifftieren. Die Mischung der "Werbeplakate" ist ein wenig seltsam, aber die Dose ist hübsch.
Das Bild in der Mitte rechts ist eine der Litfaßsäulen, die es in der Stadt noch gibt.
Ich habe keine Ahnung, was die höchste Anzahl an Litfaßsäulen in der Stadt war, aber es gibt nicht mehr alle davon.
Dies ist ein schlechtes Bild (ein Ausschnitt einer alten Postkarte um 1940), die nicht mehr an dieser Stelle steht. Tasächlich gibt es die Häuser dahinter so auch nicht mehr. Man kann gerade mal so sehen, daß die Säule ein hübsches Kuppeldach mit einem Muster drumherum hatte.
Die wenigen, die ich noch in der Stadt kenne, sind sehr einfach mit flachen Betondeckeln und keine von denen in meiner Nachbarschaft sind zur Zeit beklebt.
Die meiste Werbung ist heute auf Plakatwänden, altmodischen, aber natürlich auch mehr und mehr auf digitalen. Obwohl die alte Säule im Vergleich zu den alten Zeiten selten geworden ist, ist sie aber nicht komplett weg.
Woher kamen Litfaßsäulen und warum der seltsame Name?
Sie wurden 1854 von einem Berliner Drucker erfunden, Ernst Litfaß. Sein Vorschlag war es, sie für Werbung zu benutzen, um Wildplakatierung von Wänden bis zu Bäumen zu vermeiden (und natürlich wollte er Geld damit verdienen). Die Stadt Berlin gewährte Litfaß ein Monopol bis 1865, vorausgesetzt, daß auch neue Nachrichten an den neuen Säulen angebracht wurden (kostenlos), und die ersten wurden 1855 aufgestellt.
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| Lithographie von F. G. Nordmann, ca. 1855 Gemeinfrei über Wikimedia Commons |
Die Säulen wurden so populär, daß sich die Idee in andere Städte Deutschlands und andere Länder verbreitet, wie zum Beispiel mit der "Morris-Säule" in Frankreich.
Manche wurden nicht nur zur Werbung benutzt, sondern konnten/können auch öffentliche Toiletten, Telefonzellen, Fahrkartenautomaten und sogar Blumenläden beherbergen!
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| Eine kleine Auswahl an Litfaßsäulen" (über Wikimedia Commons) 1. Blumenladen in der Straße "Lange Reihe" in Hamburg (1975) Bild von Norbirt, CC BY-SA 3.0 2. Morris-Säule in Paris 1910. Bild von Eugène Atget, gemeinfrei 3. Litfaßsäule aus Beton in Trostberg. Bild von LepoRello, CC BY-SA 3.0 4. Litfaßsäule in Wien mit einem Plakat zur Würdigung der historischen Bedeutung über 170 Jahre hinweg. Bild by Blausonorisch, CC BY-SA 4.0 |
2019 waren die Berliner über die Nachricht schockiert, daß ein großer Teil der existierenden 2548 Säulen abgebaut werden sollten. Einer der angegebenen Gründe war das Alter und der Zustand und Bedenken wegen möglichen Asbests im Beton.
Wie ich oben schrieb, man ist so daran gewöhnt, daß man nicht wirklich darauf achtet, aber die Vorstellung, daß sie abgebaut werden sollte, fühlte sich für viele an wie die Zerstörung von Geschichte. Es gab Protest und Kunstinstallationen. Nachdem jedoch die historische Bedeutung überprüft wurde, wurden nur 24 davon ausgewählt und unter Denkmalschutz gestellt.
Vielleicht hätte es keinen solchen Aufschrei gegeben, wenn die neuen Standardsäulen nicht ganz so langweilig aussehen würden? Ich bezweifle, daß sie den Charme dieses Jugendstilmodells von 1901 haben, das in Karlsruhe steht.
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| Kein maschinenlesbarer Urheber angegeben. Ikar.us? (auf Copyright- Ansprüchen basierend), CC BY 2.0 DE über Wikimedia Commons |
Kommen wir nun jedoch zu einer berühmten Säule. Falls ihr ein Fan von klassischen Filmen seid, kennt ihr diese vielleicht, aber wißt ihr auch, daß sie nicht echt war?
Ich meine natürlich die Säule in "Der dritte Mann". Für die, die den Film nicht kennen - der amerikanische Schriftsteller Holly Martins kommt in das Wien der Nachkriegszeit, um seinen Freund Harry Lime zu treffen, der ihm einen Job versprochen hat. Er erfährt, daß Harry bei einem Unfall ums Leben gekommen ist, aber eines Nachts sieht er ihn zufällig auf der Straße und folgt ihm zu einem Platz - doch Harry ist verschwunden.
Die Säule ist ein Zugang zum Abwassersystem Wiens, wo am Ende die letzte Jagd nach Harry stattfindet.
Wien hat immer noch vier solche Säulen, die im Film hat jedoch nie existiert. Die Szene wurde auf dem Platz Am Hof gedreht, doch die einzige Säule, die man dort findet, ist eine Mariensäule aus dem 17. Jahrhundert.
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| Bild von Gugerell, CC0 über Wikimedia Commons |
Martins fragte ich jetzt: "Haben Sie in den Zeitungskiosk hineingeschaut, oder war er verschlossen?"
"Oh, es war eigentlich kein richtiger Zeitungskiosk", lautete seine Antwort. "Es war eine von jenen massiven Eisensäulen, die man überall in der Stadt findet und die mit Plakaten beklebt sind."
...
Wir blieben an dem Kiosk stehen. "Sehen Sie: hier verschwand er hinter dem Kiosk und war weg - wie in den Erdboden versunken."
"Genau dorthin ist er auch versunken", entgegnete ich.
"Wie meinen Sie das?"
Einem unbefangenen Passanten wäre es nie aufgefallen, daß die Eisensäule eine Tür besaß. Außerdem war es finster gewesen, als der Mann verschwand.
...
"Wir sind hier an einem der Einstiege zum Hauptkanal unter der Stadt."
(aus dem Roman "Der dritte Mann" von Graham Greene)
In der Einstellung war die Mariensäule versteckt und der Kiosk war nur eine Attrappe.
Mir ist klar, daß das zum Ende des Posts ein bißchen antiklimaktisch sein mag, tut mir leid. Ich hoffe dennoch, daß euch dieser kleine Einblick in die Geschichte der Litfaßsäule gefallen hat.
Quellen und weitere Lektüre:
1. Andrea Westhoff: Vor 165 Jahren - Die Geburtsstunde der Litfaßsäulen. Auf: Deutschlandfunk, 5. Dezember 2019
2. Andreas Becker: Streit um Litfaßsäulen-Austausch in Berlin: Säulenheilige verschwinden. Auf: Deutschlandfunk, 25. Juli 2019
3. Kate Connolly: Last stand for Berlin's ageing concrete advertising pillars. Auf: The Guardian, March 31, 2019 (auf Englisch)
4. "Litfaßsäule" auf Wikipedia







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