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Dienstag, 27. Oktober 2026

Aus meinem Kinderbuchschrank - Die Kinder, die Hexen zaubern konnten

Ich war ein wenig schockiert zu sehen, wie lange es her ist, daß ich das letzte Mal in meinen Kinderbuchschrank gegriffen habe.
Es war so ziemlich in der letzten Minute, daß ich auf einmal an Halloween dachte ... Kinderbuch ...
 ooooh, Eleanor Estes! ... das Buch nochmal las und diesen Post in einer Nacht runterschrieb (darum auch die Bilder im Schein meiner Leselampe, was noch öfters vorkommen könnte).

Mein Buch ist heute "Die Kinder, die Hexen zaubern konnten", später als "Die Hexenfamilie" veröffentlicht, die wörtliche Übersetzung des Originaltitels "The Witch Family" (Spoiler voraus wie gewöhnlich).

Gundel befürwortet ein Buch mit Hexen
UND ihren drei schwarzen Katzen! Sie 
gibt ihm fünf von fünf Kopfstupser.
Eines Tages wurde die Alte Hexe, die oberste aller Hexen, verbannt. Amy, ein ganz gewöhnliches richtiges Mädchen, keine Hexe, erklärte, die Alte Hexe müsse nun gehen. Also mußte die Alte Hexe gehen.
Amy und ihre beste Freundin Clarissa, beide fast sieben Jahre alt, leben in der Gartenstraße in Washington, D.C.
Sie lieben es, Geschichten von der Alten Hexe zu hören, die Amys Mutter ihnen erzählt, und sie malen gern. Eines Februartags malen sie also Bilder von der Alten Hexe, und Amy beschließt, sie zu "verbienen" (eine Mischung aus "verbannen" und "verbieten", sie erfindet gern Wörter oder hat manchmal auch noch Schwierigkeiten mit schwierigeren), und zwar auf den Gläsernen Berg, weil sie so gemein ist und kleine Kaninchen ihre Lieblingsspeise sind.


Dann fällt den Mädchen ein, daß Halloween ohne die Alte Hexe sehr langweilig wäre, also ist es ihr erlaubt, an dem einen Tag herunterzukommen, aber nur wenn sie ein ganzes Jahr lang gut war.
Amy erklärt Clarissa, daß es wichtig ist, Dinge niederzuschreiben. Zum Glück schreibt sie gern Briefe, die ein roter Kardinal zu den Empfängern bringt.
"Du mußt gut sein. Du darfst nicht bös sein. Du mußt hingehen und immer auf dem Gläsernen Berg leben. Aber wenn du brav und gut bist, darfst du am Armerseelenabend * zurückkommen. Sei also bitte gut!"

* Es gibt keinen Armerseelenabend, soweit ich weiß, und ich nehme an, in der neueren Ausgabe heißt es Halloween, was bei uns aber eher nicht geläufig war, als die erste Ausgabe herausgegeben wurde.
Das ist echt schwer für die Alte Hexe, die immerhin Oberhexe ist und eine sehr gute, aber nicht nach Amys Definition von gut (ein Problem, dem auch Otfried Preußler's "Kleine Hexe" von 1957 gegenübersteht - was ist gut?).
Amy hat auch einen Abgeordneten auf dem Gläsernen Berg, Brummsel, den magischen Hummelrich, der buchstabieren kann und die ganze Zeit über eine wichtige Rolle spielt (im Original heißt er Malachi, was Botschafter bedeutet). Die Alte Hexe kann ihn nicht sehen, aber seine Stiche spüren, nur ihr Kater Tom weiß, wo er sich versteckt.
Als Belohnung dafür, daß sie gut war, erlaubt Amy der Alten Hexe irgendwann, ein Abrakadabra zu sprechen, das die Kleine Hexe Hannah mit ihrem Kater, dem Kleinen Tommy, als Gesellschaft zu ihr bringt.
Hannah geht in die Hexenschule und an ihrem Geburtstag gibt es eine Party mit ihren Mitschülerinnen ... und Amy und Clarissa!
Und nachdem sie Hannah eine beste Freundin, eine Seejungfrau mit einer Babyschwester gibt, erfüllt Amy schließlich auch den Wunsch des Mädchen nach einer eigenen Babyschwester, komplett mit winzigem Kätzchen.

Das war immer mein Lieblingsbild im Buch.

Die Grenze zwischen den Welten verwischt mehr und mehr.
Eines Tages malen die Mädchen Kaninchen, die auf ihrer Wiese Eier bemalen, und die Alte Hexe kann diese Szene in echt durch ihr Fernrohr sehen.
Obwohl sie sich der Konsequenzen bewußt ist, fliegt sie zu den Kaninchen hinunter und verschlingt sie und ihre Eier, zumindest glaubt sie das. Brummsel hat die Kaninchen gewarnt, die sich auf eine solche Situation vorbereitet haben und Spielzeugkaninchen und angemalte Kiesel verteilen, die der Alten Hexe schwer im Magen liegen.
Amy ist jedoch großzügig, daß keine echten Kaninchen zu Schaden gekommen sind und erlaubt ihr immer noch, an Halloween herunterzukommen.

An Halloween macht sich aber nicht nur die Alte Hexe auf den Weg. Hannah bittet ihre Freundin, die Seejungfrau, ihre kleine Schwester zu babysitten, damit auch sie mitmachen und in die Gartenstraße fliegen kann, um Amy und Clarissa zu treffen. Sie trifft Amy, die ein Hexenkostüm trägt, und sie tauschen die Plätze, aber Hannah benutzt den falschen Zauber für den Besen, der Amy auf den Gläsernen Berg zurückfliegt. Gerade noch rechtzeitig gibt Hannah Amy eine Notiz mit einem Zauber für Brummsel.
Auf dem Glasberg bemerkt Amy das erste Mal, wie kalt und kahl es hier ist und daß es für die Hexen nicht sehr nett sein kann, hier leben zu müssen.


Nachdem sie eine ganze Nacht auf dem Berg und einen Morgen in der Hexenschule verbringen muß, finden die kleinen Hexen heraus, daß sie diejenige ist, die die Alte Hexe verbannt hat. Sie drohen ihr, sie in ein Kaninchen zu verwandeln, um sie der Alten Hexe zu schenken, aber Brummsel rettet sie mit seinen magischen Kräften und bringt sie nach Hause. Für Hannah, die in der Gartenstraße auf sie gewartet hat, sind nur zwei Minuten vergangen.


Am nächsten Tag malen Amy und Clarissa wieder.
Hannah erhält einen Brief von Amy, in dem steht, daß sie sich umschauen soll, und sie sieht überall Gras und Blumen wachsen, das Haus ist plötzlich weiß, und es gibt sogar einen See, sodaß die Seejungfrauen sie besuchen können!

Sogar die Alte Hexe mag, wie hübsch nun alles aussieht.
Clarissa ist von der Entscheidung überrascht, meint aber, daß die Alte Hexe "von nun an immer gut" war, nicht? Amy kann es nicht fassen.
"Die böse alte gemeine Alte Hexe? Von nun an immer gut? Clarissa, bist du denn nämlich[sic]?? Natürlich nicht! Sie war auch jetzt noch manchmal fürchterlich. Die übrige Zeit war sie gut. Nur wenn sie fürchterlich war, war sie nicht gut. Clarissa, hör mal zu. Sie ist doch schließlich die Alte Hexe, nicht? Was nützt die Alte Hexe, wenn sie immerzu gut ist?"
Dann bittet sie ihre Mutter, ihnen nochmal von der Alten Hexe zu erzählen ... die Geschichte geht weiter.


Estes' Buch ist von 1960 und die erste deutsche Übersetzung von 1971, was bedeutet, daß das Buch tatsächlich noch ziemlich neu war, als ich es zum ersten Mal aus der Bücherei mitnahmn. Und dann nochmal. Und nochmal. Ich habe es echt oft gelesen und finde, die Illustrationen von Edward Ardizzone sind einfach perfekt.
Ich liebe dieses Buch so sehr und könnte euch immer noch zeigen, wo genau es auf dem Regal stand, also wenn es die alte Bücherei noch geben würde.

Als ich diesen Post geschrieben habe, hatte ich nur die deutsche Übersetzung, und habe darum nach Besprechungen gesucht, die mir bei den Originalnamen oder -wörtern weiterhelfen konnten - es gibt eine Menge Wortspiele (darum habe ich nun auch noch das Original bestellt) - und da fand ich dann einen wissenschaftlichen Artikel (siehe unten).
Er beschreibt das Buch als "ein innovatives Werk der Metafiktion, das sich explizit mit einer Reihe von philosophischen und literarkritischen Themen beschäftigt, die zentral für die postmoderne und poststrukturalistische Diskussion sind".
Ich würde lügen, wenn ich behauptete, daß ich alles davon verstanden (die Professorin ist Expertin auf dem Gebiet) oder auch nur alles voll konzentriert gelesen hätte, aber es gab ein paar interessante Punkte.
Ich konnte nicht anders als mich zu fragen, was Autoren und Autorinnen über solche Artikel denken? War all diese "Innovation" durchgeplant oder Übung oder ist sie einfach so passiert oder vielleicht ein bißchen von allem?

Natürlich denkt nicht jeder (wie immer), daß das Buch so toll ist. Manche finden, es wiederholt sich zu sehr oder ist zu altmodisch, die Charaktere flach oder Brummsel nervig mit seiner Buchstabiererei (was ich irgendwie verstehe, wenn es um Hörbücher geht oder Leute, die das Buch Kindern vorlesen, aber als Leserien ignoriere ich das einfach und buchstabiere nicht alles im Kopf, was er sagt), Amy zu übermächtig und Clarissa zu zurückhaltend.
Aber wißt ihr was? Diese Kinder sind sechs. Manche Kinder haben eine Menge Phantasie und andere nicht soviel.
Manchmal führt ein Kind an und die anderen laufen mit. Ich habe das selbst so erfahren, als die, die folgt oder anführt, je nach Geschichte. Das heißt nicht, daß Amy automatisch ein Bully ist, und es heißt nicht, daß Clarissa niemals etwas zu sagen haben wird (was am Ende übrigens angedeutet wird, als Amy eine Idee von Clarissa annimmt).


Vielleicht sollte man manchmal dem inneren Kind eine Chance geben, bei dem Erwachsenen, der man jetzt ist, mitzulesen, um die Magie zu bewahren? Wie wart ihr als Kind?
Ich habe das mit den beiden Welten, die sich einander öffnen, damals einfach so hingenommen, ohne auch nur darübeer nachzudenken, ob das nur Amys Einbildung war und was sie aus der Geschichte gelernt hat. Wahrscheinlich wollte ich, daß es möglich ist (genau wie das sprechende Kasperle).
Vielleicht habe ich schon mal erwähnt, daß ich mir selber immer Geschichten ausgedacht habe, wenn ich irgendwo hingelaufen bin. Stellt euch vor, die wären wahr geworden! Ich bin mir nicht sicher, daß ich mit der Verantwortung hätte umgehen können.

Auf jeden Fall funktioniert für mich die Magie des Buchs auch noch heute.
Habt ihr ein eigenes Lieblings-Hexenbuch?



Quelle und weitere Lektüre (englischsprachig):

Dawn Heinecken: The Reality of Fiction and the Ethics of Storytelling in Eleanor Estes’s The Witch Family. In: Children’s Literature in Education 41, 2010, 3, S. 260 - 272
DOI 10.1007/s10583-010-9108-x (leider nur lizenzierter Zugang)


Es tut mir leid, daß meine Quellen meist nur englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.