Sonntag, 25. Oktober 2026

Auf Wiedersehen, Mr. Chips - Teil 2, Die Novelle und die Verfilmungen von 2002 und 1984

Vor ein paar Tagen habe ich hier über einen meiner Lieblingsfilme geschrieben, "Auf Wiedersehen, Mr. Chips" von 1939.
Heute möchte ich über die Novelle von James Hilton sprechen, auf der der Film basiert, aber auch über einen Fernsehfilm und eine Fernsehserie. Ich werde die Handlung hier ziemlich kurz halten, da sie schon im anderen Post erzählt wird, und mich stattdessen auf die großen Unterschiede konzentrieren.


"Auf Wiedersehen, Mr. Chips" ist die Geschichte von Mr. Chipping, Lehrer in Brookfield, einer britischen Privatschule für Jungen. Er fängt 1870 im Alter von 22 an zu unterrichten und bleibt sogar nach seinem Ruhestand noch in der Nähe der Schule, bis er 1933 stirbt.
Trotz einer kurzen Ehe - seine Frau und ihr Kind sterben bei der Geburt - ist sein Leben der Schule und den Schülern gewidmet, und selbst im Ruhestand, während des Ersten Weltkriegs, springt er für den Rektor ein.

Hilton zufolge schrieb er die Novelle 1933 in einer Woche, da er eine Abgabefrist für eine Geschichte einhalten mußte, die in der Weihnachtsausgabe der "British Weekly" erscheinen sollte.
1934 erschien sie in der "Atlantic" und war so erfolgreich, daß sie zuerst in den USA als Buch herauskam und dann in England.
1938 erschien der Folgeband "To You Mr. Chips", der noch mehr Chips-Geschichten und ein autobiographisches Kapitel über Hiltons eigene Schulzeit enthält.


Der Film von 1939 folgt so ziemlich der Handlung der Novelle. Es gibt ein paar kleine Änderungen, die Zugfahrt mit den Schülern zu Beginn, ein paar Namen, oder daß Chips nicht für den Rektor einspringt, weil dieser zur Armee geht, sondern weil er schwerkrank ist.
Die größte Änderung ist allerdings die Liebesgeschichte. Der Film konzentriert sich mehr darauf, wie sich Chips und Kathy Ellis kennenlernen und verlieben, während die Novelle den Einfluß betont, den Kathie Bridges auf Chips und die Schule hat.

Im Film denkt Chips, er müsse Kathy aus dem Berg retten, und während sie im Nebel festsitzen, überrascht sie ihn mit ihren progressiven Ideen. Er verliert sie dann, weil sie ihre Radfahrt mit ihrer Freundin fortsetzt, aber in Wien begegnen sie sich wieder und gehen auf einen Ball. Es ist alles ziemlich Hals über Kopf und sehr romantisch.
In der Novelle steht Kathie auf einem Absatz, und nachdem Chips sich den Knöchel verstaucht hat, weil er denkt, ihr helfen zu müssen, müssen stattdessen ihre Freundin und sie ihm den Berg hinunterhelfen. Kathie besucht ihn, während er nicht laufen kann, und anfangs ist er sich so gar nicht sicher über diese "neue Frau" mit ihren radikalen Positionen wie Universitätszugang für Frauen - und das Wahlrecht! Sie unterhalten sich viel und heiraten am Ende der Ferien.



Diese radikalen Positionen bringt sie mit sich in die Schule. Einmal schlägt sie ein Fußballspiel mit Jungen aus der Mission in East London vor, die von Brookfield betrieben wird, das Spiel wird überraschend (für alle außer Kathie) ein Erfolg. Manchmal überredet sie Chips, Jungs bei mehr oder weniger ernsthaften Verstößen laufen zu lassen oder vorher mit ihnen zu sprechen, um die Gründe zu erfahren, das heißt aber nicht, daß sie alles durchgehen läßt.
Ein weiterer Unterschied ist, daß der Film die Szene auf Kathys Tod hin aufbaut - der Doktor, der beteuert, sein Bestes zu tun usw. - während es im Buch ein sehr kurzes Kapitel ist, und doch schaffen es beide, Chips' Verlust ergreifend darzustellen.

Wir sprechen hier über einen Hollywood-Film, darum überraschte mich die Art, in der die Geschichte erzählt wurde, nicht und es hat mich auch nicht gestört, aber ich finde, die Novelle verleiht Kathie mehr Facetten und erläutert besser, wie ihr Einfluß Chips in seinen sozialen Interaktionen mit den Schülern und Lehrern verändert, zum Beispiel als er sich gegen den Rektor stellt, der ihn in Ruhestand schicken will.

Ralston versuchte, Brookfield wie eine Fabrik leiten - eine Fabrik zur Erzeugung einer auf Geld und Maschinen gegründeten Snobkultur. Die alten Gentlemantraditionen von Familie und Grundbesitz änderten sich, wie sie sich zweifellos ändern mußten. Aber statt sie zu erweitern zu einer echten, umfassenden Demokratie von Herzog und Holzfäller, engte Ralston sie auf den einzigen Punkt: ein fettes Bankguthaben, ein.
(Aus meiner Ausgabe "Lebwohl Mr. Chips" von 1956)
Das hört sich nach Kathie an, findet ihr nicht?

***

Kommen wir nun zu der Verfilmung von 2002, von der ich vorher nichts wußte. Das wird viel kürzer, versprochen.
Martin Clunes spielt Chips und Victoria Hamilton ist Kathie.


Wieder ist die Geschichte etwas verändert, kein verstauchter Knöchel, aber Kathie bekommt die Möglichkeit, ihre Meinung zu sagen, über Shaw, Ibsen, das Wahlrecht für Frauen und noch mehr. Statt eines Fußballspiels organisiert sie einen Tanz mit Mädchen aus einer nahegelegenen Schule.
Und sie spricht den Rektor auf einen Jungen an, der auf übelste Weise gemobbt wird, weil er wegen des Tods seiner Mutter geweint hat.

Das ist der große Unterschied in dieser Verfilmung. Fast von Anfang an sind Züchtigungen mit dem Stock, Mobbing und "fagging" (eine frühere Praxis an Schulen, jüngere Schüler mußten den älteren alsopersönliche Bedienstete zur Verfügung stehen) ein wirklich großes Thema, während es in der Novelle und im Film von 1939, 
wenn überhaupt, nur ganz leicht berührt wird. In der Zeit waren diese Praktiken traurigerweise noch als recht normal betrachtet.
Auch die Kriegsszenen waren dramatischer, zum Beispiel stürzt ein Flugzeug auf dem Schulgelände ab und Chips kümmert sich um den Piloten, obwohl er Deutscher ist.

***

Springen wir zu 1984 
zurück, zu einer sechsteiligen Fernsehserie mit Roy Marsden und Jill Meager.


Die Serie hält sich ebenfalls ziemlich nah an die Novelle (diesmal bekommen wir das Fußballspiel). Da wir aber eine Laufzeit haben, die fast zweimal so lang wie die der Filme ist, war mit einigen Ausschmückungen zu rechnen.
Eine davon erscheint in der Person von Mrs. Wickett.
Mrs. Wickett war früher Hausmutter in Brookfield und Mr. Chips hat im Alter Räume von ihr gemietet. Das ist in den Filmen und der Novelle gleich, aber in der Serie trifft er sie das erste Mal, als sie noch als Dienstmädchen arbeitet und er sie nach einem Fehler tröstet, als sie weglaufen will.
Sie ist ihm recht ergeben und arbeitet mit ihm zusammen, als er den Posten als Hausleiter bekommt, obwohl er Junggeselle ist. Als er also mit einer Frau aus den Ferien zurückkehrt, wissen wir schon, daß es Probleme geben wird. Obwohl Kathie alles tut, damit sich Mrs. Wickett nicht überflüssig vorkommt, wird jeder Versuch, zum Haushalt beizutragen oder etwas zu verändern, falsch aufgefaßt. Schließlich entwickeln sie eine Verbindung zueinander, als sie sich gemeinsam um einen schwerkranken Jungen kümmern.
Kathie stirbt später, weil sie stürzt und und davon einen Herzanfall bekommt, ihr Kind ist eine Totgeburt (keine Ahnung, warum jemand dachte, das sei eine bessere Idee).
Eine weitere Geschichte, die hinzugefügt wurde, ist die eines Schülers, für den der Moment gekommen ist, nach Frankreich zu gehen, aber er kann sich nicht dazu überwinden, nachdem er seinen im Krieg schrecklich verstümmelten Vater im Krankenhaus gesehen hat, und wird darum als Deserteur verhaftet
.

***

Es gab noch mehr Adaptionen als die drei, die ich euch vorgestellt habe, Radio, Theater, und einen Musikfilm von 1969 mit Peter O'Toole und Petula Clark.
 

Ich konnte den Film nicht finden, aber nachdem ich etwas über ihn gelesen habe, war ich tatsächlich froh darüber, denn er wich vom Original auf eine Art ab, die mich nicht erfreut hätte.
Er spielt im Zeitraum zwischen den 20ern und 60ern, Katherine ist eine Musikhallensängerin. Ihr Hintergrund bringt einen vermögenden Lord zu der Drohung, eine finanzielle Zuwendung zurückzuziehen, aber Katherine droht zurück, seine Beziehung zu einer Freundin von ihr aufzudecken.
Oh, und sie stirbt nach langer Ehe in einem Bombenangriff.
Es hört sich echt nicht so an, als würde mir das gefallen. Ich möchte auch nicht, daß mein Mr. Chips singt. Das ist etwas, das er nie tun würde.

***

Alle Verfilmungen, die ich angeschaut habe, waren auf ihre Weise unterhaltsam.

Mir gefiel Kathie in der Version von 1984, weil Jill Meager so etwas Kompetentes und doch Freundliches und Verständnisvolles ausstrahlte. Mir schien sie am ehesten wie die "neue Frau" zu sein, die Chips erst so einschüchterte. Ich hätte sie mir gut als marschierende Sufragette vorstellen können.
Victoria Hamilton schien entschlossen, für meinen Geschmack aber etwas zu sanft, nun, und Greer Garson bekam keine Gelegenheit, viel mehr als die schöne und freundliche Dame zu geben, also kann man das nicht so wirklich vergleichen.
Roy Marsden war in Ordnung, aber Martin Clunes zeigte bei seinem Chips auf jeden Fall mehr Schichten. Ich fand, seine beste Szene war die, in der er sich gegen den Rektor behauptete, mit kalter Wut, und ihn beschuldigte, die Schule wie eine Fabrik zu führen. Ich denke, der Film von 2002 war der realistischste, indem er das Leben in der Privatschule nicht romantisiert, und er hat mir besser gefallen, als ich erwartet hatte.

Aber seien wir doch ehrlich, ich schaue Mr. Chips wegen Robert Donat an. Wegen der Schüchternheit und der Angst zu versagen, wegen der Traurigkeit, ein mittelmäßiger Lehrer zu sein (so wird er in der Novelle beschrieben) und dem Wunsch, es trotzdem zu schaffen. Wegen der Sehnsucht, von den Schülern nicht nur respektiert, sondern auch geliebt zu werden. Weil er lernt zu lieben und zu verstehen, einen Verlust zu ertragen und weiterzumachen, weil er scherzt und in sich hineinlacht.
Dann ist es eben sentimental, okay, vor allem aber warmherzig. An ein bißchen Eskapismus hier und da ist nichts auszusetzen.
Und Mann, die Filmmusik, die so gekonnt mit meinen Emotionen spielt (und ich meine nicht die "Blaue Donau", die das Thema für Kathy and Chips ist)! 
😉

Da, und nun habt ihr es bis ans Ende geschafft. Seid ihr nicht froh?


Ruht euch aus ... fürs nächste Mal!

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