Donnerstag, 12. März 2026

Stummfilme - Das gewisse Etwas

Ich schätze, wir alle haben den Begriff "It Girl" gehört. Wußtet ihr aber, daß der Begriff 99 Jahre alt und aufgrund eines Films geprägt wurde, der lose auf einer in zwei Teilen erschienenen Novelle von Elinor Glyn beruht, einer britischen Roman- und Vorlagenautorin?
Und kennt ihr das originale "It Girl", Clara Bow?
Heute habe ich den Film "IT" von 1927 für euch, der im Deutschen "Das gewisse Etwas" heißt. Finden wir mal etwas mehr heraus, in Ordnung?
Ich werde im Post den Ausdruck "It" verwenden.


Die Handlung (Spoiler voraus!).

Waltham's, das größte Kaufhaus der Welt (so bescheiden).
Der Chef ist in Urlaub gefahren und hat Waltham's in den Händen seines Sohnes Cyrus gelassen.
Cyrus erhält Besuch von seinem Freund Monty, gerade als es Zeit ist, einen Rundgang durch den Laden zu machen. Nachdem er einen Teil von Glyns Novelle gelesen hat, beschließt Monty zu überprüfen, welche der Damen, der er sehen wird, das mysteriöse "It" hat, das Glyn so erläutert (eigene Übersetzung): "'It' ist jene seltsame Qualität, die manche Menschen besitzen und die andere des anderen Geschlechts anzieht. Die, die über 'It' verfügen, müssen absolut unbefangen sein und jenen magnetischen "Sexappeal" haben, der unwiderstehlich ist."
Monty hat bereits beschlossen, daß er es hat, Cyrus nicht und auch keines der Ladenmädchen, die er gesehen hat, bis ihm Betty Lou Spence ins Auge sticht.

"Heiße Socken - Der neue Chef!"

Und genauso angetan wie Monty es von Betty ist, ist Betty es mit Cyrus. Sie versucht seine Aufmerksamkeit zu erregen, jedoch ohne Erfolg, also benutzt sie Monty, um an Cyrus heranzukommen, obwohl er Adela, eine Dame der Gesellschaft, ausführt, und diesmal klappt es.
Als Cyrus Betty nach einem Date, für das sie ihn zum Vergnügungspark mitgenommen hat, heimbringt, versucht er sie zu küssen und fängt sich dafür eine Ohrfeige ein.

Cyrus genießt den Spaß der Arbeiterklasse.

Dann schlägt das Drama zu. Betty wohnt mit ihrer kranken Freundin Molly zusammen, die ein Baby hat (aber offensichtlich keinen Vater dazu). Neugierige Nachbarn haben Leute von der Wohlfahrt (offiziell oder selbsternannt, wer weiß) darauf aufmerksam gemacht, die darauf bestehen, Toodles ins Heim zu bringen, weil Molly nicht die Mittel hat, ihn zu versorgen.
Betty läßt sie das Baby jedoch nicht minehmen, sie behauptet es sei ihres und sagt Monty, der gekommen ist, um sie abzuholen, er solle bestätigen, daß sie einen Job hat.
Monty ist so schockiert über das Baby, daß er ein paar Drinks zuviel hat und sich aufmacht, um Cyrus davon zu erzählen, der gerade einen Brief an Betty schreibt, um sie um Verzeihung zu bitten. Um die Dinge noch schlimmer zu machen, tauchen die Damen von der Wohlfahrt ebenfalls auf, um sich von Cyrus bestätigen zu lassen, daß Betty bei Waltham's arbeitet.
Betty weiß davon natürlich nichts, als sie Cyrus also wiedersieht, ist sie verwirrt, warum er zunächst so abweisend ist, dann aber gesteht er, daß er verrückt nach ihr ist, und sie sagt ihm, daß sie ihn ebenfalls liebt.



Der folgende Vorschlag ist allerdings nicht, was sie erwartet hat. Er bietet ihr Diamanten, Kleider, alles was sie will an, aber keine Heirat, und sie stürmt aus seinem Büro.
Erst als Monty sie daheim besucht, beladen mit Körben voller Blumen und Essen, erfährt sie den Grund, und wie Betty so ist, plant sie sofort ihre Rache.
Sie wird Monty auf den Jachtausflug von Cyrus begleiten, Cyrus zu einem ordentlichen Heiratsantrag bringen und dann ablehnen. Und Monty wird die Kleider zahlen, weil er das alles verbockt hat.
Natürlich ist Cyrus nicht glücklich darüber, sie zu sehen - Adela ebenfalls nicht, Überraschung - aber der Plan funktioniert.

Ich würde eher deinen Bürojungen heiraten (der
absolut minderjährig ist, wir haben ihn schon gesehen)!

Betty stellt fest, daß die Ablehnung des Antrags sie nicht so zufriedengestellt hat, wie sie sich das erhofft hatte, ganz im Gegenteil.
Nachdem sie sich an seiner Schulter ausgeweint hat, geht Monty zu Cyrus, um alles aufzuklären, und Cyrus übergibt ihm das Steuerrad. Großer Fehler, denn Monty, vom Drama abgelenkt, bringt es fertig, ein anderes Boot zu rammen.

Mann über Bord! Nun, eigentlich zwei Damen.

Betty beginnt mit der Rettung der in Panik geratenen Adela, dann springt Cyrus ins Wasser, um zu helfen, und die Mannschaft der Jacht schickt Monty in einem Boot los (warum denkt irgendjemand, daß das eine gute Idee ist?).

"Übernimm du deine Freundin. Ich mußte ihr eine
verpassen - aber vielleicht tut ihr das gut." Ich bin
mir nicht so sicher von wegen "mußte", es mag
da noch mehr Gründe gegeben haben.


Betty schwimmt davon und verkündet, daß sie nach Hause geht, und Cyrus schwimmt ihr hinterher, als Monty nahe genug ist, damit er ihm Adela überlassen kann.
Adela sieht sie zusammen auf dem Anker der Jacht stehen und meint "Monty, ich frage mich, ob da irgendetwas zwischen ihnen ist?", worauf er lächelnd "Ich fürchte ja." antwortet.
Seht selber.



Dem zufolge, was ich gelesen habe, war die Ladenmädchen- "Aschenputtel"-Geschichte zu der Zeit sehr beliebt - auch wenn das Aschenputtel in diesem Fall ihren Schuh nicht verliert, sondern ihn auf des Prinzen Kopf wirft, um ihm zu sagen, daß sie auf dem Anker steht.
Es ist eine recht leichte romantische Komödie mit einem Tick an Sozialkommentar.
Ich habe Glyns Novelle nicht gelesen, aber es hört sich auch nicht so an, als würde ich irgendetwas von ihr lesen wollen. Von ihrer Geschichte hat der Film so in etwa das Konzept von "It" behalten und nicht viel mehr, wie es scheint. Sie bekam allerdings einen Gastauftritt, in dem sie noch mal "It" erklären darf. Sehr unnötig, wenn ihr mich fragt, der Ausschnitt aus der Geschichte hätte ausgereicht. Nicht daß sie es übrigens erfunden hätte.
"Es ist nicht unbedingt Schönheit oder gute Gespräche. Es ist einfach "It". Manche Frauen bleiben einem Mann im Gedächtnis, wenn sie nur eine Straße hinuntergehen." Kipling in "Mrs. Bathurst" 1904 (eigene Übersetzung).
Glyn weitete das auf Frauen und Männer aus.


Carl Sandburg sagte über den Film: "Das Interessante an dem Film ist die lebhafte Anregung, Clara anzusehen, über die Untertitel zu lachen, die witzig sind, und wieder Clara anzusehen."
Egal ob es Flirten war, Spaß an einem Fahrgeschäft, Ärgern, das Essen eines Apfels oder Schwimmen, Clare wirkte bei allem frisch, natürlich und spontan.


Grimassenschneiden für Toodles.

Meine Lieblingsszene ist tatsächlich die, in der sie die Wohlfahrtsleute hinauswirft (und in der übrigens ein junger Gary Cooper als Reporter auftaucht, den ich nicht mal erkannte, aber ich war auch nie ein Fan). Die Art, wie sie sie zur Tür hinauswinkt und ihnen die Leviten liest, ist brilliant.

Wieder nimmt Betty die Dinge in die Hand
(ich meine damit nicht Toodles).

Ich kann "It" in Betty sehen, aber vielleicht nicht so sehr in Cyrus. Natürlich bot die Rolle nicht viel Gelegenheit außer vielleicht in den Rummelplatzszenen.
Monty war für mich der interessantere Charakter, weil er so eine merkwürdige und alberne Mischung war. Anders als Cyrus kam er zurück, um Betty zu besuchen (auch wenn er kam, um ihr die alleinstehende Mutter zu "verzeihen", die sie gar nicht war). Dennoch machte er mehr als einmal einen - nicht sehr überzeugenden - Annäherungsversuch. Als sie wegen des Heiratsantrags weinte, umarmte er sie, als sie ihn aber wegschubste, ging er direkt zu Cyrus, um ihm die Wahrheit über das Baby zu erzählen. Tatsächlich erinnerte er mich mehr an einen schwulen besten Freund (mit einem Hauch der Verwirrung eines Bertie Wooster), aber am Ende wurde angedeutet, daß Adela und er zusammenkamen.
Adela wurde nicht sehr fair behandelt. Natürlich war sie wegen Betty unglücklich, aber das einzige, das sie tatsächlich tat, war, einmal ihr Französisch zu testen, weil Cyrus gesagt hatte, daß Monty Betty in Paris kennengelernt hatte (als wäre das ein Grund gewesen, Französisch zu können).

"Wir sind nur ein Paar 'ITS' ohne IT!"

Wegen Clara Bow auf jeden Fall sehenswert!


Quellen und weitere Literatur:

1. Fritzi Kramer: It (1927) - A Silent Film Review. Auf: Movies Silently, 27. Oktober 2017
2. Stacia Kissick Jones: The White Elephant Blogathon: Clara Bow and It (1927). Auf: She Blogged By Night, 1. April 2012


Es tut mir leid, daß meine Quellen meist nur englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.

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