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Donnerstag, 28. August 2025

Stummfilme - Madame a des envies oder Kennt ihr eigentlich Alice Guy-Blaché?

Vor ein paar Wochen habe ich euch einen Kurzfilm gezeigt und gesagt, ich würde euch irgendwann mehr über die Filmemacherin Alice Guy-Blaché erzählen. Nun, irgendwann ist heute.
Laßt mich aber erst noch einen weiteren Film von ihr zeigen.
Dies ist "Madame a des envies" von 1906, in dem eine Schwangere ihre verschiedenen Gelüste befriedigt, indem sie anderen Essen, Trinken und sogar eine Pfeife wegnimmt, wobei ihr Mann, der den Kinderwagen mit ihrem ersten Kind schiebt, den Ärger dafür bekommt.
Zum Schluß schubst sie ihn und er schubst sie und sie fällt in ein Kohlfeld, aus dem er dann das neugeborene Baby hebt - was sich natürlich auf die französische Legende bezieht, daß Mädchen in einer Rose geboren werden und Jungen in einem Kohlkopf.



Von unserem modernen Standpunkt aus ist das ein seltsamer kleiner Film (vor allem das Trinken und Rauchen), aber um ehrlich zu sein, habe ich einfach etwas als Überleitung zu Alice Guy-Blaché selber ausgesucht.
Haltet euch fest, das wird nicht kurz.


Alice Guys Vater Émile war Buchhändler in Chile, wo die ersten vier Kinder von ihm und seiner Frau Marie geboren wurden.
Alice kam jedoch am 1. Juli 1873 in Paris auf die Welt. Émile kehrte wegen des Geschäfts nach Chile zurück und Marie folgte ihm nach, aber Alice blieb ein paar Jahre bei ihrer Großmutter in der Schweiz, wurde dann nach Chile geholt und kam im Alter von 6 in die Schweiz zurück, um dort ein Konventsinternat zu besuchen.

Nachdem ihre Eltern nach Paris zurückgekehrt waren, weil das Geschäft aus verschiedenen Gründen zusammenbrach, starb Émile und irgendwann mußte Alice eine Stellung finden, um Marie und sich zu ernähren. Sie hatte eine Ausbildung als Schreibkraft und Stenotypistin gemacht und bekam beim Eigentüber des Le Comptoir Générale de Photographie ein Vorstellungsgespräch.
Der Eigentümer war nicht da, aber Alice wurde zu Louis Gaumont gebracht, der ihre Empfehlungen zwar anerkannte, aber fand, daß sie für eine so wichtige Stelle zu jung war, woraufhin sie erwiderte, daß das vorübergehen würde. Sie bekam den Job.
Gaumont kaufte Le Comptoir schließlich zusammen mit drei anderen (darunter Eiffel). Er war einer der Leute im Rennen um die bewegten Bilder, die Gewinner waren jedoch die Lumière-Brüder. Zusammen mit Gaumont wurde seine Sekretärin Alice Guy aus Höflichkeit zu ihrer ersten Vorführung eingeladen.
Wie in meinem Post über Méliès' "Reise zum Mond" erwähnt, nutzten die Lumières die Technik für Dokumentationen.
Alice fand aber, es wäre nett, Geschichten zu erzählen, und obwohl Gaumont fand, daß das etwas typisch Mädchenhaftes war, erlaubte er ihr, es auszuprobieren, solange ihre Arbeit als Sekretärin nicht darunter leiden würde.

Also schrieb und produzierte Guy einen der ersten Filme mit einer Erzählung und führte Regie, in "La fée aux choux" ging es um eine Fee, die Neugeborene in einem, genau, in einem Kohlfeld fand - und an dem Punkt hörte sie nicht auf, oh nein.



Sie benutzte alle möglichen neuen Techniken, wie zum Beispiel Nahaufnahmen für "Madame a des envies". Wußtet ihr, daß es damals schon Tonfilm gab? Während Edison am Set Aufnahmen machte, nahm Guy den Ton vorher auf Wachsplatte auf und synchronisierte den Ton dann mit dem Film, zum Beispiel für Musikkurzfilme.
Alice wurde Produktionsleiterin bei Gaumont, sie überwachte Filme und führte Regie, nicht nur als die erste Filmregisseurin, sondern als erste überhaupt, die erzählerisches Filmen entwickelte. Sie machte Komödien, Filme über Feminismus - mit vertauschten männlichen und weiblichen Rollen beispielsweise - und Familie, und sie bildete Regisseure und Drehbuchautoren aus.

Guys Film über das Leben Christie mit 300 Statisten und frühen Spezialeffekten überzog das Budget, weil ein Crewmitglied Set zerstört hatte. Das hätte ihre Position gefährden können, hätte sich nicht Eiffel für sie eingesetzt.
Also konnte sie weiterhin erfolgreiche Filme machen.



1906 traf Alice Herbert Blaché Bolton von Gaumonts Niederlassung in London.
Gaumont schickte sie zur Unterstützung von Chronophon-Kunden nach Deutschland. Da sie das Land nicht kannte und auch kein Deutsch sprach, begleitete sie Herbert als ihr Übersetzer. Sie verlobten sich, und als Gaumont Herbert in die USA schickte, um dort für das Chronophon zu werben, ging Alice mit ihm.
Die Werbung war nicht sehr erfolgreich und Gaumont kam nach Flushing, NY, um ein Studio zu kaufen, das er hauptsächlich für Musikkurzfilme nutzen wollte, die von Blaché gemacht werden sollten. Lois Weber wurde gebeten, in einigen davon aufzutreten. Guy, die nun ein Kind hatte und nicht mehr offiziell bei der Firma war, führte bei ein paar davon Regie und es heißt, daß sie später Weber die Gelegenheit gab, unter ihrer Aufsicht zu schreiben und Regie zu führen. Erinnert ihr euch von meinem Post hier an Lois Weber, die erste amerikanische Regisseurin
?

Alice war jedoch nicht zufrieden damit, nur Mutter zu sein, sie wollte immer noch Filme machen, also mietete sie einen Teil des Studios in Flushing und gründete zusammen mit ihrem Mann und einem dritten Partner die Solax-Studios. Sie machten Stummfilme, die so erfolgreich waren, daß sie Regieassistenten einstellen mußte, nicht nur Komödien oder Western, sondern auch Filme mit kontroverseren Themen wie Streiks oder Antisemitismus.
Am Set hängte sie große Schilder für ihre Schauspielerinnen und Schauspieler auf, auf denen einfach nur stand "Seid natürlich".
Später kauften sie Land in Fort Lee, NJ, und bauten dort ein neues Studio. Zu der Zeit war New Jersey das Zentrum der amerikanischen Filmindustrie, nicht Hollywood.
Guy zeigte nicht nur starke Frauen in ihren Filmen, sie schrieb auch über Frauen in der Filmproduktion.


Dann kam eine Wirtschaftskrise und der Beginn des 1. Weltkriegs. Solax war gezwungen, für andere Firmen zu arbeiten. Filme waren nicht mehr Kunst, sie wurden ein Geschäft.
Außerdem gab es da noch den "Edison Trust" aus Edison, Eastman Kodak und acht weiteren Firmen, der versuchte, Filmemacher daran zu hindern, ihre Kameras und Filme für die Produktion zu benutzen, ohne Teil des Trusts zu sein. Das bedeutete entweder die Zahlung von Lizenzgebühren oder unabhängig zu werden. Filmemacher zogen an die Westküste, um dem Trust zu entkommen und Filme billiger herstellen zu können.

Die Blachés mußten die Solax-Studios an andere Firmen vermieten. Dann verließ Herbert die Familie und zog mit seiner Geliebten nach Hollywood. Solax war bereits verschuldet, dann verloren sie auch noch eines ihrer Gebäude in einem Brand. Alice erkrankte an Influenza und Herbert ließ sie und die Kinder nach Los Angeles kommen, aber sie lebten getrennt und auch ihre Zusammenarbeit war einfach nicht mehr gut.
Als alles bei Solax versteigert werden mußte und sich das Paar scheiden ließ, ging Guy mit den Kindern nach Frankreich zurück. Sie machte nie mehr einen Film. In Frankreich war sie vergessen worden und niemand in der Industrie wollte sie einstellen. Tatsächlich wurden Frauen allgemein hinausgedrängt.
Alice schrieb an Gaumont und bat um eine Stellung, aber sie bekam nicht nur keine, sondern als die Firmengeschichte veröffentlicht wurde, wurde sie nicht einmal darin erwähnt.
So wie Alice anfangs ihre Mutter durch ihre Sekretärinnentätigkeit unterstützt hatte, unterstützte ihre Tochter nun sie als solche.
In einer Dokumentation, in der die Studios von Fort Lee erwähnt wurde, wurde Solax nur Herbert zugeschrieben.

Guy begann für die Société Parisienne d'Edition zu arbeiten.
Gaumont gab ihr die Aufgabe, über die Anfänge der Firma in der Filmindustrie zu schreiben. Alice stellte fest, daß viele der Filme, bei denen sie Regie geführt hatte, in der Liste, die er ihr geschickt hatte, einem der männlichen Regisseure zugeschrieben wurden. Gaumont meinte, sie würden ihre Notizen für eine zweite Ausgabe benutzen, aber das geschah niemals vor seinem Tod. Auch in einem Artikel über die französische Filmindustrie fand sie keine Erwähnung.

Guy wurde von den meisten Filmhistorikern entweder konstant ignoriert oder ihre Filme wurden männlichen Regisseuren zugeschrieben, dafür andere, die sie nicht mochte, ihr.
Sie versuchte ihre Filme zu finden, aber niemand wußte, wo sie waren und ob sie überhaupt noch existierten. Soviele Stummfilme sind heute verloren, zerstört oder möglicherweise in Archiven versteckt.
Alice schrieb ihre Memoiren, aber zu der Zeit war niemand daran interessiert, sie zu veröffentlichen. Sie erschienen erst nach ihrem Tod.
Als sie in die USA zurückging, um bei ihrer Tochter zu leben, versuchte sie weiter, ihre Filme zu finden, leider aber ohne Erfolg.
Alice Blaché starb am 24. März 1968.

Es gab und gibt Menschen, die nicht wollen, daß sie in einer Industrie vergessen bleibt, die auch heute noch männlich dominiert ist, vergessen wie so viele andere Frauen, die Großes erreichten, aber aus der Geschichte dazu gestrichen wurden.
Sie machten sich daran, Filme von ihr zu finden und zu erhalten, Dokumente und Informationen ausfindig zu machen und über sie und ihre Errungenschaften Forschung zu betreiben. Sie machten Dokumentationen über sie und sprachen über sie.
Nun, und jetzt wißt ihr, falls ihr es tatsächlich bis ganz ans Ende geschafft habt, auch etwas mehr über Alice Guy-Blaché. Es gäbe noch soviel mehr zu erzählen, aber ich wollte nicht, daß der Post zu lang wurde.
Vielleicht habe ich auch aber jetzt neugierig gemacht, das würde mir sehr gefallen.


Ausgewählte Quellen (überwiegend englischsprachig):

1. Alison McMahan: Alice Guy Blaché. Auf: Women Film Pioneers Project
2. Be Natural: The Untold Story of Alice Guy-Blaché. Dokumentation von Pamela B. Green. 2018. Auf dem YouTube-Kanal von TodoEsImagen
3. Alice Guy - Die vergessene Filmpionierin. Dokumentation für ARTE TV von Nathalie Masduraud und Valérie Urréa. Auf dem YouTube-Kanal von Otro Patrimonio (auf Französisch mit spanischen Untertiteln)
4. The Lost Garden: The Life and Cinema of Alice Guy-Blaché. 1995. Dokumentation von Marquise Lepage und Solange Collin. Auf dem YouTube-Kanal von Obscurity
5. Shari Kizirian: Woman with a Movie Camera: The Films of Alice Guy Blaché. Essay. Auf: San Francisco Silent Film Festival. A Day of Silents 2019


Es tut mir leid, daß meine Quellen meist nur englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.

Donnerstag, 22. Mai 2025

Stummfilme - Suspense

Komödie, Science-Fiction, Horror, Romantik, Krimi, Abenteuer, Märchen, Slapstick, Animation, gibt es etwas, das noch auf meiner Stummfilmreise fehlt? Tatsächlich ja - Dokumentation.

Eine offensichtliche Wahl wöre der erste Film gewesen, der Dokumentation genannt werden kann (darüber kann man sich streiten, da eine Menge davon aufgrund der Realitäten des Filmemachens im Jahr 1922 gestellt wurde und außerdem das Leben der Inuit darstellte, wie es einmal gewesen war, nicht wie es zur Zeit war, als der Film gedreht wurde) - "Nanuk der Eskimo" - aber ich werde ehrlich sein, ich war einfach nicht bereit zu Jagdszenen und dem Leben von Polarhunden zu dieser Zeit.
Stattdessen rief ich eine Liste von Stummfilm-Dokumentationen auf und suchte mir "Zum Gipfel der Welt" aus, ohne daß ich genau wußte, worum es gehen würde, obwohl natürlich nicht schwer zu erraten ist, daß es mit Bergsteigen zu tun hat, ein Thema, das mich nicht wirklich interessiert.
Natürlich bin ich von der Majestät des Himalaya und Mount Everest - in Nepal als Sagarmatha und in Tibet als Qomolangma bezeichnet - fasziniert, wie könnte man das nicht sein, aber warum jemand dort hinaufsteigen möchte, ist mir ist mir und meinem streng nicht-abenteuerlichen Gemüt zu hoch.
Natürlich hatte ich nicht an Esel und Yaks gedacht, die schwere Lasten schleppen müssen, und nach ungefähr einer halben Stunde verloren sie mich, als sie mir einen Babyesel zeigten, der auf dem Marsch geboren wurde, und sagten, wieviele Meilen dieses arme Baby laufen mußte. Dafür hatte es nicht freiwillig gemeldet!

Was sollte ich jetzt machen?
Ich ging zur Liste zurück, aber nichts davon hörte sich an, als wäre es für mich geeignet.
Verständlicherweise, denn das war noch die Zeit der großen Entdecker, und etwas zu erforschen hatte immer irgendwie mit Tieren zu tun, entweder Nutz- oder Wildtieren, und damit auch mit unweigerlich mit Szenen, die ich nicht sehen wollte. Sogar die Filmmacher, die zeigen wollten, was Menschen mit Wildtieren machen, benutzten genau diese Wildtiere, um Situationen für ihre Dokumentationen zu stellen - zum Beispiel Merien C. Cooper und Ernest B. Schoedsack, berühmt für "King Kong".
Ich weiß, daß das andere Zeiten waren und diese Filme darum in mehr als einer Hinsicht interessant sind, nicht nur für ihren Inhalt, sondern auch wie und warum dieser Inhalt gesammelt wurde, aber dafür ist meine Haut dieser Tage einfach nicht dick genug.

Ich werde weitersuchen und habe einen Film schon auf der Liste, aber für diesen Post brauchte ich nun etwas Kurzes und Schnelles.
Was ich fand, war "Suspense" von Lois Weber aus dem Jahr 1913, der in der Public Domain ist und den man hier anschauen kann (mit englischen Zwischentiteln, man versteht ihn aber auch ohne).

Da es sich hier um einen Stummkurzfilm von 10 Minuten handelt, ist die Handlung recht schnell erzählt (Spoiler wie gewöhnlich!).
In einem entlegenen Haus kündigt ein Dienstmädchen, indem sie ihrer Arbeitgeberin, einer Mutter mit kleinem Baby, nur eine Notiz hinterläßt. Den Schlüssel legt sie unter die Matte. Als die Mutter die Notiz findet, verschließt sie Türen und Fenster.
Ein Tramp hat das Dienstmädchen weggehen gesehen, geht sich das Haus anschauen und findet den Schlüssel. Als die Frau ihn bemerkt, ruft sie ihren Mann an, der spät arbeiten muß, aber der Tramp kappt die Leitung.


Der Eheman beeilt sich, ihr zu Hilfe zu kommen, indem er sich das erste Auto schnappt, das auf der Straße geparkt ist, und davonrast, verfolgt vom Eigentümer und der Polizei.


Während die Frau sich mit ihrem Baby im Schlafzimmer eingesperrt und eine Kommode vor die Tür geschoben hat, schaut sich der Tramp im Haus um, und der Mann wird aufgehalten, als er einen Mann anfährt, der mitten auf der Straße steht, und ihm wieder aufhilft.
Der Tramp hört Geräusche von und bricht ins Schlafzimmer ein, mit einem Messer bewaffnet. Genau da treffen die Autos beim Haus ein. Schüsse, die dem Ehemann gelten, versetzen den Tramp in Panik, er rennt die Treppe hinunter, wo er vom Ehemann und der Polizeit überwältigt wird.
Der Mann rennt nach oben und findet seine Frau und das Baby unverletzt. Er erklärt alles und natürlich wird ihm verziehen.


Ich muß gestehen, daß ich vorher noch nie von Lois Weber gehört hatte, noch so ein Beispiel nicht nur für jemand, der Stummfilme gemacht hat, sondern vor allem auch eine Frau, deren Leistungen in Vergessenheit geraten waren.

Public Domain

Tatsächlich war Weber eine Pionierin des frühen Films, die "erste amerikanische Frau, die bei einem abendfüllenden Film Regie führte" und die "führende weibliche Regisseurin-Drehbuchschreiberin im frühen Hollywood", nicht zu vergessen, daß sie außerdem Schauspielerin war, zum Beispiel als die Mutter in "Suspense". Irgendwann  hatte sie sogar ihr eigenes Studio.

Dies soll aber kein Post über Lois Weber (und ihren Mann Phillips Smalley, mit dem sie bis zu ihrer Scheidung hauptsächlich gearbeitet hat) werden, vor allem, da ich bis jetzt noch keinen ihrer anderen Filme gesehen habe, die überlebt haben. Sie hat viel produziert, aber wie es vielen Stummfilmen ging, ist eine Menge davon verlorengegangen.
Am Ende sind vier Links (auf Englisch), falls ihr mehr über sie wissen möchtet, und wer weiß, vielleicht taucht sie ja irgendwann in einem anderen Post von mir auf.

Nun zum Film.
Der Titel verspricht nicht zuviel.
Wie auch andere Filme wurde "Suspense" wohl von einem französischen Grand Guignol-Theaterstück von 1902 inspiriert - "Au Téléphone" von André de Lorde und Charles Foley - das jedoch kein glückliches Ende hatte. Der Ehemann muß zuhören, wie seine Familie umgebracht wird, ohne daß er zu Hilfe kommen kann.

Weber nutzte verschiedene Techniken, um Spannung aufzubauen, zum Beispiel den Split Screen, der die drei Erzählstränge zeigt - den Ehemann im Büro, die Ehefrau und das Baby daheim, und der einbrechende Tramp.
In der Verfolgungsjagd sieht man das Spiegelbild der Verfolger, die näherkommen.
Es gibt interessante Blickwinkel wie in dem Moment, in dem die Frau aus dem Fenster schaut und den Tramp draußen sieht.

Es gibt natürlich viel mehr über die technische Seite des Films zu sagen, aber das überlasse ich den Experten. Stattdessen möchte ich euch erzählen, was mir so durch den Kopf ging, als ich ihn ein zweites Mal anschaute, denn für einen Kurzfilm von 10 Minuten gibt es recht viel zu sehen, und ihr kennt ja mich und mein komisches Gehirn. Ich habe immer Fragen.

-Das Dienstmädchen, das überlegt anzukündigen, daß sie gehen wird, sich aber dagegen entscheidet. Glaubt sie, sie wird es nicht durchziehen können, wenn sie der Mutter ins Gesicht blickt?
Hätte er sie nicht gesehen, wäre der Tramp vielleicht gar nicht auf die Idee gekommen, sich das Haus anzuschauen, und unwissentlich hat sie es ihm sogar noch einfacher gemacht, als sie den Schlüssel unter die Matte legt. Warum hat sie das überhaupt gemacht? Warum hat sie ihn nicht einfach mit der Notiz auf dem Tisch liegenlassen?
Und warum geht die Mutter nicht hin und holt den Schlüssel unter der Matte heraus, als sie alle Türen abschließt?

- Der Tramp, der die Brote ißt, etwas herumwühlt, nicht sehr überzeugend, und dann auf die Frau losgeht. Ich habe von Leuten gehört, die an Tatorten essen oder trinken, aber gewöhnlich erst, nachdem die Tat vollbracht ist.
Warum der plötzliche Drang, einen "einfachen" Einbruch noch schlimmer zu machen?

- Der Ehemann, der den Mann auf der Straße anfährt. Ich finde es ja nett, daß er nicht einfach weiterfährt, sondern aussteigt, ihn abklopft, ihn fragt, ob er okay ist, aber dann nimmt er sich Zeit, zweimal (!) nach seinen Verfolgern zu schauen, bevor er wieder ins Auto steigt und weiterfährt. Oh, meine Frau ist in Gefahr, la-di-da ...

Hört sich das alles danach an, als hätte mir der Film nicht gefallen? Ganz und gar nicht. Das sind einfach nur Dinge, über die ich nachgedacht habe, nachdem ich ihn ein zweites Mal angesehen habe.
Natürlich mußte das alles genauso sein, um das Spannungsgefühl zu steigern, was perfekt funktioniert hat.

Von dem her, was ich gelesen habe, hatten Webers Filme oft soziale Themen, also scheint "Suspense" eine Ausnahme zu sein, und natürlich ist auch vieles von ihrem Werk verloren, aber ich setze sie auf jeden Fall für mehr auf meine Filmliste.



Quellen (englisch):

Über "Suspense"
1. Fritzi Kramer: Suspense (1913) A Silent Film Review. Auf: Movies Silently, 24. April 2016
2. Short of the Month: Suspense (dir. Lois Weber and Phillips Smalley, 1913). Auf: Nitrateglow, 11. Februard 2022
3. "At the telephone" - Englische Übersetzung von "Au téléphone" von André de Lorde. In: "One-act plays for stage and study, second series, 1925, edited by Walter Prichard Eaton"

Über Lois Weber:
1. Angelica Aboulhosn: Lois Weber: An Early Hollywood Filmmaker with Her Own Studio. In: Humanities, vol. 44(2023), Ausgabe 4
2. Shelley Stamp: Lois Weber. Auf: Women Film Pioneers Project. 15. Oktober 2019
3. Lea Stans: "The Muse Of The Reel" - The Pioneering Work of Director Lois Weber. Auf: Silent-ology, 25. Januar 2018
4. Travis Lee Ratcliff: A History of Silence: The Cinema of Lois Weber. Auf seinem YouTube-Kanal


Es tut mir leid, daß meine Quellen meist nur englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.