Vor ein paar Wochen habe ich euch einen Kurzfilm gezeigt und gesagt, ich würde euch irgendwann mehr über die Filmemacherin Alice Guy-Blaché erzählen. Nun, irgendwann ist heute.
Laßt mich aber erst noch einen weiteren Film von ihr zeigen.
Dies ist "Madame a des envies" von 1906, in dem eine Schwangere ihre verschiedenen Gelüste befriedigt, indem sie anderen Essen, Trinken und sogar eine Pfeife wegnimmt, wobei ihr Mann, der den Kinderwagen mit ihrem ersten Kind schiebt, den Ärger dafür bekommt.
Zum Schluß schubst sie ihn und er schubst sie und sie fällt in ein Kohlfeld, aus dem er dann das neugeborene Baby hebt - was sich natürlich auf die französische Legende bezieht, daß Mädchen in einer Rose geboren werden und Jungen in einem Kohlkopf.
Von unserem modernen Standpunkt aus ist das ein seltsamer kleiner Film (vor allem das Trinken und Rauchen), aber um ehrlich zu sein, habe ich einfach etwas als Überleitung zu Alice Guy-Blaché selber ausgesucht.
Haltet euch fest, das wird nicht kurz.
Alice Guys Vater Émile war Buchhändler in Chile, wo die ersten vier Kinder von ihm und seiner Frau Marie geboren wurden.
Alice kam jedoch am 1. Juli 1873 in Paris auf die Welt. Émile kehrte wegen des Geschäfts nach Chile zurück und Marie folgte ihm nach, aber Alice blieb ein paar Jahre bei ihrer Großmutter in der Schweiz, wurde dann nach Chile geholt und kam im Alter von 6 in die Schweiz zurück, um dort ein Konventsinternat zu besuchen.
Nachdem ihre Eltern nach Paris zurückgekehrt waren, weil das Geschäft aus verschiedenen Gründen zusammenbrach, starb Émile und irgendwann mußte Alice eine Stellung finden, um Marie und sich zu ernähren. Sie hatte eine Ausbildung als Schreibkraft und Stenotypistin gemacht und bekam beim Eigentüber des Le Comptoir Générale de Photographie ein Vorstellungsgespräch.
Der Eigentümer war nicht da, aber Alice wurde zu Louis Gaumont gebracht, der ihre Empfehlungen zwar anerkannte, aber fand, daß sie für eine so wichtige Stelle zu jung war, woraufhin sie erwiderte, daß das vorübergehen würde. Sie bekam den Job.
Gaumont kaufte Le Comptoir schließlich zusammen mit drei anderen (darunter Eiffel). Er war einer der Leute im Rennen um die bewegten Bilder, die Gewinner waren jedoch die Lumière-Brüder. Zusammen mit Gaumont wurde seine Sekretärin Alice Guy aus Höflichkeit zu ihrer ersten Vorführung eingeladen.
Wie in meinem Post über Méliès' "Reise zum Mond" erwähnt, nutzten die Lumières die Technik für Dokumentationen.
Alice fand aber, es wäre nett, Geschichten zu erzählen, und obwohl Gaumont fand, daß das etwas typisch Mädchenhaftes war, erlaubte er ihr, es auszuprobieren, solange ihre Arbeit als Sekretärin nicht darunter leiden würde.
Also schrieb und produzierte Guy einen der ersten Filme mit einer Erzählung und führte Regie, in "La fée aux choux" ging es um eine Fee, die Neugeborene in einem, genau, in einem Kohlfeld fand - und an dem Punkt hörte sie nicht auf, oh nein.
Sie benutzte alle möglichen neuen Techniken, wie zum Beispiel Nahaufnahmen für "Madame a des envies". Wußtet ihr, daß es damals schon Tonfilm gab? Während Edison am Set Aufnahmen machte, nahm Guy den Ton vorher auf Wachsplatte auf und synchronisierte den Ton dann mit dem Film, zum Beispiel für Musikkurzfilme.
Alice wurde Produktionsleiterin bei Gaumont, sie überwachte Filme und führte Regie, nicht nur als die erste Filmregisseurin, sondern als erste überhaupt, die erzählerisches Filmen entwickelte. Sie machte Komödien, Filme über Feminismus - mit vertauschten männlichen und weiblichen Rollen beispielsweise - und Familie, und sie bildete Regisseure und Drehbuchautoren aus.
Guys Film über das Leben Christie mit 300 Statisten und frühen Spezialeffekten überzog das Budget, weil ein Crewmitglied Set zerstört hatte. Das hätte ihre Position gefährden können, hätte sich nicht Eiffel für sie eingesetzt.
Also konnte sie weiterhin erfolgreiche Filme machen.
1906 traf Alice Herbert Blaché Bolton von Gaumonts Niederlassung in London.
Gaumont schickte sie zur Unterstützung von Chronophon-Kunden nach Deutschland. Da sie das Land nicht kannte und auch kein Deutsch sprach, begleitete sie Herbert als ihr Übersetzer. Sie verlobten sich, und als Gaumont Herbert in die USA schickte, um dort für das Chronophon zu werben, ging Alice mit ihm.
Die Werbung war nicht sehr erfolgreich und Gaumont kam nach Flushing, NY, um ein Studio zu kaufen, das er hauptsächlich für Musikkurzfilme nutzen wollte, die von Blaché gemacht werden sollten. Lois Weber wurde gebeten, in einigen davon aufzutreten. Guy, die nun ein Kind hatte und nicht mehr offiziell bei der Firma war, führte bei ein paar davon Regie und es heißt, daß sie später Weber die Gelegenheit gab, unter ihrer Aufsicht zu schreiben und Regie zu führen. Erinnert ihr euch von meinem Post hier an Lois Weber, die erste amerikanische Regisseurin?
Alice war jedoch nicht zufrieden damit, nur Mutter zu sein, sie wollte immer noch Filme machen, also mietete sie einen Teil des Studios in Flushing und gründete zusammen mit ihrem Mann und einem dritten Partner die Solax-Studios. Sie machten Stummfilme, die so erfolgreich waren, daß sie Regieassistenten einstellen mußte, nicht nur Komödien oder Western, sondern auch Filme mit kontroverseren Themen wie Streiks oder Antisemitismus.
Am Set hängte sie große Schilder für ihre Schauspielerinnen und Schauspieler auf, auf denen einfach nur stand "Seid natürlich".
Später kauften sie Land in Fort Lee, NJ, und bauten dort ein neues Studio. Zu der Zeit war New Jersey das Zentrum der amerikanischen Filmindustrie, nicht Hollywood.
Guy zeigte nicht nur starke Frauen in ihren Filmen, sie schrieb auch über Frauen in der Filmproduktion.
Dann kam eine Wirtschaftskrise und der Beginn des 1. Weltkriegs. Solax war gezwungen, für andere Firmen zu arbeiten. Filme waren nicht mehr Kunst, sie wurden ein Geschäft.
Außerdem gab es da noch den "Edison Trust" aus Edison, Eastman Kodak und acht weiteren Firmen, der versuchte, Filmemacher daran zu hindern, ihre Kameras und Filme für die Produktion zu benutzen, ohne Teil des Trusts zu sein. Das bedeutete entweder die Zahlung von Lizenzgebühren oder unabhängig zu werden. Filmemacher zogen an die Westküste, um dem Trust zu entkommen und Filme billiger herstellen zu können.
Die Blachés mußten die Solax-Studios an andere Firmen vermieten. Dann verließ Herbert die Familie und zog mit seiner Geliebten nach Hollywood. Solax war bereits verschuldet, dann verloren sie auch noch eines ihrer Gebäude in einem Brand. Alice erkrankte an Influenza und Herbert ließ sie und die Kinder nach Los Angeles kommen, aber sie lebten getrennt und auch ihre Zusammenarbeit war einfach nicht mehr gut.
Als alles bei Solax versteigert werden mußte und sich das Paar scheiden ließ, ging Guy mit den Kindern nach Frankreich zurück. Sie machte nie mehr einen Film. In Frankreich war sie vergessen worden und niemand in der Industrie wollte sie einstellen. Tatsächlich wurden Frauen allgemein hinausgedrängt.
Alice schrieb an Gaumont und bat um eine Stellung, aber sie bekam nicht nur keine, sondern als die Firmengeschichte veröffentlicht wurde, wurde sie nicht einmal darin erwähnt.
So wie Alice anfangs ihre Mutter durch ihre Sekretärinnentätigkeit unterstützt hatte, unterstützte ihre Tochter nun sie als solche.
In einer Dokumentation, in der die Studios von Fort Lee erwähnt wurde, wurde Solax nur Herbert zugeschrieben.
Guy begann für die Société Parisienne d'Edition zu arbeiten.
Gaumont gab ihr die Aufgabe, über die Anfänge der Firma in der Filmindustrie zu schreiben. Alice stellte fest, daß viele der Filme, bei denen sie Regie geführt hatte, in der Liste, die er ihr geschickt hatte, einem der männlichen Regisseure zugeschrieben wurden. Gaumont meinte, sie würden ihre Notizen für eine zweite Ausgabe benutzen, aber das geschah niemals vor seinem Tod. Auch in einem Artikel über die französische Filmindustrie fand sie keine Erwähnung.
Guy wurde von den meisten Filmhistorikern entweder konstant ignoriert oder ihre Filme wurden männlichen Regisseuren zugeschrieben, dafür andere, die sie nicht mochte, ihr.
Sie versuchte ihre Filme zu finden, aber niemand wußte, wo sie waren und ob sie überhaupt noch existierten. Soviele Stummfilme sind heute verloren, zerstört oder möglicherweise in Archiven versteckt.
Alice schrieb ihre Memoiren, aber zu der Zeit war niemand daran interessiert, sie zu veröffentlichen. Sie erschienen erst nach ihrem Tod.
Als sie in die USA zurückging, um bei ihrer Tochter zu leben, versuchte sie weiter, ihre Filme zu finden, leider aber ohne Erfolg.
Alice Blaché starb am 24. März 1968.
Es gab und gibt Menschen, die nicht wollen, daß sie in einer Industrie vergessen bleibt, die auch heute noch männlich dominiert ist, vergessen wie so viele andere Frauen, die Großes erreichten, aber aus der Geschichte dazu gestrichen wurden.
Sie machten sich daran, Filme von ihr zu finden und zu erhalten, Dokumente und Informationen ausfindig zu machen und über sie und ihre Errungenschaften Forschung zu betreiben. Sie machten Dokumentationen über sie und sprachen über sie.
Nun, und jetzt wißt ihr, falls ihr es tatsächlich bis ganz ans Ende geschafft habt, auch etwas mehr über Alice Guy-Blaché. Es gäbe noch soviel mehr zu erzählen, aber ich wollte nicht, daß der Post zu lang wurde.
Vielleicht habe ich auch aber jetzt neugierig gemacht, das würde mir sehr gefallen.
Ausgewählte Quellen (überwiegend englischsprachig):
1. Alison McMahan: Alice Guy Blaché. Auf: Women Film Pioneers Project
2. Be Natural: The Untold Story of Alice Guy-Blaché. Dokumentation von Pamela B. Green. 2018. Auf dem YouTube-Kanal von TodoEsImagen
3. Alice Guy - Die vergessene Filmpionierin. Dokumentation für ARTE TV von Nathalie Masduraud und Valérie Urréa. Auf dem YouTube-Kanal von Otro Patrimonio (auf Französisch mit spanischen Untertiteln)
4. The Lost Garden: The Life and Cinema of Alice Guy-Blaché. 1995. Dokumentation von Marquise Lepage und Solange Collin. Auf dem YouTube-Kanal von Obscurity
5. Shari Kizirian: Woman with a Movie Camera: The Films of Alice Guy Blaché. Essay. Auf: San Francisco Silent Film Festival. A Day of Silents 2019
Es tut mir leid, daß meine Quellen meist nur englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Ich würde gern von euch hören! Laßt uns reden!