Ich weiß, es ist eine Schande, aber obwohl ich den Inhalt grundsätzlich kannte, hatte ich "Das Bildnis des Dorian Gray" nie tatsächlich gelesen und ich hatte auch nie eine Verfilmung davon gesehen.
Also begrüßte ich, daß der Film von 1945 Teil von Lisas Summer of Angela auf Boondock Ramblings ist. Vielleicht werde ich sogar versuchen, das Buch zu lesen - Oscar Wildes einzigen Roman (Update: ich hab's getan).
Ihr könnt Lisas Post (english) hier finden.
Die Handlung ((teilweiser) Spoileralarm für manche, aber wahrscheinlich nicht jeden).
Lord Henry Wotton besucht seinen Freund Basil Hallward, einen Maler. Dort lernt er den jungen, gutaussehenden Aristokraten Dorian Gray kennen, der für Hallward Modell steht. Er überzeugt ihn, daß nur die Jugend es wert ist, sie zu haben, und Dorian wünscht sich vor einer antiken Katzenstatue, daß sein Porträt an seiner Statt altern soll.
Von Wottons Worten dazu inspiriert, seine Jugend zu genießen, wendet sich Dorian der Halbwelt zu, wo er die Kneipensängerin Sibyl kennenlernt, in die er sich verliebt und die er sogar heiraten will, obwohl ihr Bruder James, ein Seemann, gar nicht glücklich darüber ist.
Wotton empfiehlt ihm, sie auf die Probe zu stellen, als sie nicht zu Dorians Zufriedenheit reagiert, löst er die Verlobung.
Am nächsten Tag bereut er es zwar, aber es ist zu spät, Sibyl hat sich das Leben genommen. Hallward ist von Dorians Gefühllosigkeit schockiert, als er ihm die Nachricht überbringt.
Danach fällt Dorian das erste Mal auf, daß sich das Porträt verändert hat und er versteckt es vor anderen.
Jahrelang führt Dorian ein Leben voller Eitelkeit, Vergnügungen und Sünde, aber er verändert sich niemals, weswegen ihn die Menschen verdächtigen und meiden. Das Bildnis jedoch zeigt inzwischen eine gräßliche Kreatur.
Eines Tages zeigt er Hallward das Bild, bringt ihn dann aber um, um das Geheimnis zu wahren, und erpreßt seinen Freund Campbell, damit er die Leiche für ihn beseitigt. Campbell kann die Schuld nicht ertragen und begeht Selbstmord.
Dann bittet Dorian Hallwards Nichte Gladys um ihre Hand.
Sibyls Bruder kommt nach vielen Jahren heim, in denen er versucht hat, den Mann zu finden, der die Schuld an dem Tod seiner Schwester trägt. Als er ihm auf sein Landgut folgt, wird er während einer Jagd versehentlich erschossen.
Dorian wird klar, daß er Gladys nur vor einem ähnlichen Unglück bewahren kann, wenn er sie verläßt. Er löst die Verlobung mit einem Brief und als er daraufhin ein winzige Veränderung zum Guten in dem Bild erkennt, hofft er, den Zauber zu überwinden, indem er auf es einsticht.
Als die Klinge aber das Porträt trifft, stößt er einen schrecklichen Schrei aus und fällt zu Boden. Seine Freunde finden ihn tot vor dem Bild, in die gräßliche Kreatur verwandelt, während das Gemälde nun wieder den jungen schönen Dorian zeigt.
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Gemälde von Medina, jetzt wohl in einer Privatsammlung |
Ich möchte zunächst sagen, daß ich nicht weiß, was genau ich von Dorians Aussehen erwartet hatte (ich wußte zum Beispiel nicht, daß er im Buch als blond mit blauen Augen und sehr emotional beschrieben wurde). Vielleicht dachte ich an jemand klassisch Schönen (was immer das bedeutet), jemand Engelhafteren, der Unschuld ausstrahlt, jemand "Leuchtenden", was auch immer, aber eben nicht Hurd Hatfield. Es störte mich den ganzen Film über so ein klein wenig.
Ich fragte mich auch, wie ich mir Dorian wohl vorgestellt hätte, wenn ich zuerst das Buch gelesen hätte.
Dorian zeigte den ganzen Film über nicht viel Emotion, das war das, was Albert Lewin wollte. Es kann für Hatfield nicht einfach gewesen sein, das aufrechtzuerhalten, aber Lewin wollte, daß sein Gesicht wie eine Maske war. Er machte Großaufnahmen sogar morgens, damit Hatfield nicht müde aussah (ihr solltet mich morgens sehen, das würde definitiv nicht hinhauen) und hörte um 4 Uhr mittags auf, mit ihm zu drehen.
Also muß die Verwandlung von Dorian von einem unschuldigen jungen Mann in einen Mann mit einer verrotteten Seele einzig durch seine Sünden - von denen wir aber nur ein paar zu sehen bekommen, also können wir unserer Fantasie da freien Lauf lassen - und seine Augen zu erkennen sein, und ich finde, Hatfield hat das echt gut gemacht, was mir auch dabei half, sein Aussehen mehr hinzunehmen, tatsächich bevor ich wußte, daß das Levins Absicht gewesen war.
George Sanders gab einen tollen Henry ab. Er ist elegant, geistreich und absolut unsympathisch. Trotzdem ist nicht schwer zu verstehen, wie es so jemand fertigbringen würde, einen jungen Mann wie Dorian zu verderben, obwohl sogar Henry davon überrascht zu sein scheint, wie schnell und tief Dorians Verwandlung voranschreitet.
Ich verstehe nicht so gut, warum Basil mit ihm befreundet ist, aber ich habe es schon früher in Büchern gesehen, daß ein Bösewicht einen guten Freund hat, gut in jeder Hinsicht, wahrscheinlich aus Hoffnungs, daß der Bösewicht sich irgendwann bessert.
Was mich an Basil geärgert hat ist, daß er nicht wirklich versucht zu haben scheint, Henrys schlechtem Einfluß irgendetwas entgegenzusetzen, außer daß er Dorian gesagt hat, er solle nicht auf ihn hören. Von jemandem, der offensichtlich in Dorian verliebt war, im Hinblick auf sich selber oder seine Kunst, hätte ich ein bißchen mehr Einsatz erwartet. Das hätte vielleicht sein Leben gerettet, aber natürlich hätten wir dann auch ein ganz anderes Buch und einen ganz anderen Film ...
Wenn wir schon beim Verliebtsein sind, Gladys hat mich auch überhaupt nicht überzeugt. In was für einer Traumwelt lebte sie denn bitte?
Tatsächlich stellt sich die Frage, in was für einer Traumwelt sie alle lebten, auf Dorians unendliche Jugend bezogen? Wie kann es sein, daß sich niemand eine Mistgabel und eine Fackel schnappt und versuchte, ihn sich zu holen?
Ich liebte Angela Lansburys Darstellung, für die sie eine Oscar-Nomination und einen Golden Globe bekam.
Im Buch ist Sibyl Schauspielerin, nicht Sängerin, die Änderung funktonierte aber natürlich großartig für Lansbury.
Wenn sich ein junger Mann in eine Schauspielerin oder Sängerin aus der Halbwelt verliebt, werden diese oft als Frauen dargestellt, die durch ihre Erfahrungen hart geworden sind, sich ihre Chancen bei einem reichen Mann ausrechnen, Goldgräberinnen, Blutsaugerinnen.
Sibyl ist gar nicht so, obwohl sie so eine Frau zur Mutter hat. Man merkt es, als sie ihrer Mutter das Geld wegnimmt und es Dorian zurückgibt.
Sie ist unschuldig, hat Vertrauen, ist romantisch und süß. Sie liebt ihn so sehr, daß sie seiner Forderung, über Nacht zu bleiben, nachgibt, nur um ihn nicht zu verlieren (das hört sich auch heute noch viel zu vertraut an).
All das macht Dorians Verhalten ihr gegenüber sogar noch grausamer, es ist sein erster Schritt in den Abgrund. Um noch eins obendrauf zu setzen, bereut er es am nächsten Tag, zeigt sich dann aber recht schnell gleichgültig, als er von ihrem Selbstmord hört, ein sicheres Zeichen, daß er seinen Weg jetzt gewählt hat.
Der Film ist wunderschön in Schwarzweiß gedreht, was ihm einen Oscar für "Beste Kamera - Schwarzweiß" (Harry Stradling) einbrachte, nur das Porträt wird vier Mal in Technicolor gezeigt, sowohl in seinem schönen als auch im häßlichen Zustand, was seine Wichtigkeit noch betont.
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Gemälde von Ivan Le Lorraine Albright, jetzt im Art Institute of Chicago |
Die Sets sind sehr viktoranisch und es gibt einen guten Kontrast zwichen den beiden unterschiedlichen Welten, aber wie in einem Blog völlig zu Recht herausgestellt wurde, schreien die Kostüme der Männer nicht grad "viktorianisch".
Levin scheint so darauf erpicht gewesen zu sein, die Stimmung richtig hinzubekommen und sogar teilweise den Text des Romans zu übernehmen, daß ich nicht verstehe, warum er das so gut fand.
Mir gefiel der Film sehr gut, obwohl die einzigen Personen, die ich tatsächlich mochte, die arme Sibyl und ihr Bruder James waren (obwohl er seiner Mutter nicht vertraut haben sollte, daß sie gut auf sie aufpaßt, aber ich bezweifle, daß er viel hätte machen können, nachdem er schon kurz nachdem er davon erfahren hat, nach Australien unterwegs war).Er gefiel mir sogar so gut, daß ich direkt auf YouTube nach einer weiteren Version zum Vergleich Ausschau hielt, und ich habe auch eine angesehen.
Es handelt sich dabei um ein Fernsehspiel von 1976 (jemand hat sich darüber beschwert, daß man einen Roman eines Dramatikers im Fernsehen zu einem Stück macht) mit Peter Firth als Dorian, Jeremy Brett als Basil und John Gielgud als Lord Henry.
Es ist eine Episode der BBC-Serie "Play of the Month".
Ich kenne Peter Firth schon eine ganze Weile, aber so jung hatte ich ihn noch nie gesehen. Abgesehen davon, daß seine blonden Locken ein bißchen zu üppig für meinen Geschmack waren, paßte er auf jeden Fall besser zu meinem Bild von Dorian, aber - ob beabsichtigt oder nicht - er war mir dann doch ab und zu etwas zu affektiert.
Die Szene, in der Sibyl - in diesem Fall eine sehr junge Schauspielerin - verließ - war echt gut. Sie war völlig am Boden und ihn hat das überhaupt nicht gejuckt, er war so gemein zu ihr.
Oh, und die Szene, in der er seinen Freund Campbell bat, sich um Basils Leiche zu kümmern, war viel emotionaler.
Er gefiel mir wirklich gut, aber zu meiner großen Überraschung gefiel mir Hatfield sogar noch besser. Soviel zum Thema Aussehen, was?
Ich zog George Sanders definitiv John Gielgud vor, was wahrscheinlich mehr mit dem Alter als mit seinem Schauspiel zu tun hatte. Irgendwie sah ich Dorian und Henry altersmäßig nicht so weit auseinander.
Nicht überrascht war ich, daß ich Jeremy Brett mochte, obwohl die Sterbeszene übertrieben war.
Offensichtlich waren die Sets auf ein paar Innenräume beschränkt, ein Fernsehspiel ist eben kein Kinofilm, aber ich mochte es trotzdem sehr gern, auch, daß ein Erzähler manche der Szenen einleitete.
Ich glaube nicht, daß ich so bald noch eine weitere Version anschauen wird, es gab schon eine, die ich nicht fertigschauen konnte, weil sie mir gar nicht zusagte.
Also wurde der nächste Stop stattdessen dann der Roman.
Quellen:
1. Jay Jacobson: 151. The Picture of Dorian Gray, 1945. An unforgettable and thought provoking supernatural thriller. Auf: Jay's Classic Movie Blog, 30. April 2024
2. Trystan L. Bass: TBT: The Picture of Dorian Gray (1945). Auf: Frock Flicks, 5. Oktober 2017
3. The Picture of Dorian Gray (1945) - A Timeless Reflection of Vanity and Corruption. Auf: Surgeons of Horror, 2. März 2025
4. "hurdhatfieldluv": Hurt Hatfield in "The Picture of Dorian Gray" (1945) ... Is he really a good actor?. Auf Tumblr
Es tut mir leid, daß meine Quellen meist nur englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.
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