Sonntag, 8. November 2026

Aus meinem Kinderbuchschrank - Die Abenteuer des starken Wanja

Diesmal habe ich einen weiteren alten Favoriten gewählt und mit alt meine ich 1968.
Sprechen wir über "Die Abenteuer des starken Wanja" von Otfried Preußler. Vielleicht erinnert ihr euch an Preußler als den Verfasser von "Krabat", worüber ich hier geschrieben habe.
Es ist eine Geschichte, die auf Märchen und Volkssagen basiert.
Die Bilder wurden nachts im Licht meiner Leselampe gemacht. Sorry.


Wanja ist der jüngste Sohn des Bauern Wassili Grigorewitsch. Seine älteren Söhne Sascha und Grischa sind tüchtige junge Männer, aber der 17jährige Wanja zieht das Schlafen, Essen und Tagträumen vor.


Eines Tages bittet ihn Tante Akulina, in den Wald zu gehen und ihr ein paar Reiser für einen neuen Besen zu schneiden. Wanja vertilgt zuerst das Essen, das sie ihm mitgegeben hat, dem soll ein Nickerchen folgen, als er von einem blinden alten Pilger unterbrochen wird.
Der Pilger sagt, es sei ihm vorbestimmt, Zar zu werden, und um die Stärke zu erreichen, die er für die lange Reise zu den Weißen Bergen braucht, muß er sich sieben Schafspelze und sieben Säcke Sonnenblumenkerne nehmen und, ohne zu sprechen, auf dem Ofen bleiben, bis er stark genug ist, mit seinen bloßen Händen das Dach hochzustemmen.

Ihr könnt euch vorstellen, daß Wanjas Familie und in der Tat das ganze Dorf etwas irritiert hierüber ist. Die Tante hält ihn für verhext, aber Sascha und Grischa denken, daß er einfach nur faul ist, und lassen sich so vom Spott der Dorfbewohner ärgern, daß sie irgendwann beschließen, das Dach über Wanjas Kopf anzuzünden.



Dies wird von dem blinden Pilger verhindert und nach sieben Jahren kann Wanja endlich vom Ofen herunterkommen und macht sie zu den Weißen Bergen auf, von dem Dreikopekenstück geleitet, das seine Mutter ihm einst gab.
Auf dem Weg hilft Wanja dank seiner Stärke vielen Menschen, indem er für sie pflügt, Brunnen aushebt, ganz allein einen Schleppkahn zieht und noch mehr, außerdem hat er ein Abenteuer nach dem anderen.


Er bezwingt den bösen Och, ein widerliches grünes Monster, das einmal im Jahr die Dörfer heimsucht und eines davon zerstört, indem er es anbläst, bis es in Trümmern liegt. Das bringt ihm die Eisenlanze ein, die in der Föhre des Och versteckt ist.
Er hilft dem Ritter Wolok gegen die Bande des Schwarzen Batur. Wolok lädt ihn ein, den Rittern in Kiew beizutreten, aber die Kopekenmünze führt Wanja auf einen anderen Weg.
Die Hexe Baba-Jaga, die im Moor haust und auf einem Ofen reitet, der vier Hühnerbeine hat, hat alle Pferde aus den Dörfern rundherum gestohlen. Wanja kämpft gegen sie und gewinnt so den Rappen Waron.
Wanjas letztes Abenteuer ist es, die Gefangenen des steinernen Ritters Foma Drachensohn zu befreien. Dank seiner Eisenlanze besiegt er Foma, der ihm die Rüstung von Iwan Wassiljewitsch (was übrigens sein voller Name ist).

Baba Jaga ist natürlich eine Figur, die oft
in slawischen Volkssagen und Märchen auftaucht.

Schließlich liegen die Weißen Berge hinter him und Wanja nähert sich der Zarenstadt. Was er nicht weiß ist, daß ihm die Zeit davonläuft. Wenn er den alten Zar nicht nach spätestens sieben Jahren und sieben mal sieben Wochen erreicht, nachdem die Aufgabe, diesem die Rüstung zu bringen, gestellt wurde, muß Wassilissa Zarentochter den bösen Großfürsten heiraten, weil er der vornehmste Mann in der Stadt ist.

Als Kind habe ich diese Illustration so geliebt, daß ich
versucht habe, sie zu kopieren ... ich war aber nur gut
darin, die Haare um das Gesicht herum zu zeichnen.

Wanja hält an einem Gasthaus an. Der Wirt ist jedoch einer der vielen Spione des Großfürsten und erhält den Befehl, ihn zu vergiften. Glücklicherweise lernt Wanja Mischa kennen, einen Soldaten, der auch zaubern kann. Mit seiner Hilfe schafft er es nicht nur zum Schloß, sondern entkommt auch dem Angriff der siberischen Bären, die der Großfürst auf ihn zu hetzen versucht, bevor er selber attackiert wird.

Als Wanja das Zimmer des Zaren betritt, stellt er überrascht fest, daß der kranke alte Mann tatsächlich der blinde Pilger ist, den er Jahre zuvor getroffen hat.
Der Zar sagt ihm, wenn er möge, könne er nun Wassilissa heiraten, aber Wanja meint, Wassilissa müsse ihn ebenso wollen. Er gibt ihr die Kopekenmünze von seiner Mutter und sie nimmt sie mit den Worten an, daß sie sie auf ewig um ihren Hals tragen wird.


Das Buch mag kein "reguläres" Märchen sein, hat aber so einige Elemente von Märchen oder Volkssagen.
Das fängt bei den drei Brüdern an, die Teil einiger Märchen aus verschiedenen Ländern sind. Gewöhnlich sind sich die älteren ihrer zu sicher und geben dann schnell auf, während der Jüngste etwas dümmlich, naiv oder einfach bescheiden ist, am Ende aber den "Preis" - was immer er sein mag - gewinnt, selbst wenn die älteren Brüder eifersüchtig sind und das zu verhindern versuchen.
Vielleicht meint ihr, daß es in diesem Fall verständlich ist, daß Sascha und Grischa nicht glücklich darüber sind, daß Wanja seinen Teil auf dem familiären Hof nicht leistet. Wenn man aber darüber nachdenkt, ist Wanjas Mission auch nicht so lustig.
Für mich als Kind klang es immer sehr langweilig, all diese Jahre auf dem Ofen verbringen zu müssen, nichts als Sonnenblumenkerne zu essen, nichts zu trinken zu bekommen, und nervig, von den Dorfbewohnern verspottet zu werden und den eigenen Brüdern bedroht zu werden, ohne daß man ein Wort dazu hätte sagen dürfen!
Es erfordert eine Menge Geduld und Widerstandskraft, nun, und natürlich Vertrauen und den Glauben, daß alles gut wird, um bereit dafür zu sein, seine Familie und Gemeinde vor den Kopf zu stoßen und sein Leben zu riskieren, nur weil einem ein blinder Fremder sagt, daß man für Größeres bestimmt ist.
So funktionieren Märchen.

Dann sind da natürlich noch die Abenteuer.
Unser Held hat ein reines und freundliches Herz und hilft auf seinem Weg anderen, wofür sie wiederum ihm helfen, zum Beispiel indem sie ihm von der Eisenlanze, Waron und der Rüstung erzählt, die er alle benötigt, um das letzte große Hindernis zu überwinden.
Baba-Jaga und Foma versuchen ihn hereinzulegen, Waron sieht wie ein alter Klepper aus und die Rüstung ist rostig. Als Wanja sie trotzdem den schönen Pferden und den Rüstungen aus Edelmetall vorzieht, nehmen sie ihre echte Gestalt an, was die endgültige Niederlage für ihre Gegner bedeutet.
Um ehrlich zu sein, war das einzige, was ich mich immer gefragt habe, ob Wanja nach Hause zurückgekehrt - schließlich hat er Akulina einen goldenen Samowar mit Edelsteinen versprochen - oder einen Botschafter geschickt hat, um seine Familie einzuladen, bei ihm zu leben, was eine nette Geste gewesen wäre.

Obwohl beide Bücher von Volkssagen inspiriert sind, ist "Krabat" deutlich dunkler und tiefer als "Wanja", aber ich liebe sie beide.

Im selben Jahr, in dem "Wanja" herauskam, wurde das Buch auch von dem berühmten Puppenspieler Albrecht Roser als Puppenspiel für das Fernsehen verfilmt (mit Musik von Jazzpianist Wolfgang Dauner). Ich muß allerdings zugeben, daß ich den Dreiteiler etwas langweilig fand, nicht das Puppenspiel an sich (ich fand die Pferde toll), aber die Stimmen waren nicht so meins.


Das ist es von Wanja und mir.
Ich hoffe, ihr seid beim nächsten Besuch in meinem Kinderbuchschrank wieder dabei!

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