Donnerstag, 25. Juni 2026

Stummfilme - Snow White

Habt ihr gewußt, daß Walt Disneys "Schneewittchen und die sieben Zwerge" dadurch inspiriert wurde, daß er im Alter von 15 Jahren einen Stummfilm angeschaut hat?
Sehen wir uns diesen Film einmal an - "Snow White" von 1916.


Hier ist die Handlung (Spoileralarm, schauen wir doch, ob alles so ist, wie ihr es erwartet!).

Der Film beginnt mit Santa Claus. Ich war auch überrascht.
Santa Claus stellt ein paar Puppen auf einen Tisch, die sich dann in unsere Figuren verwandeln. Charmant
.


"Es war einmal eine schöne Königin namens Imogene, die sich beim Sticken auf einem Ebenholzrahmen in den Finger stach und den Tropfen Blut auf den Schnee vor dem Fenster abschüttelte. Es sah so hübsch aus, daß sie sagte: 'Ich wünschte, ich hätte ein Töchterlein mit Haut weiß wie Schnee, Lippen rot wie blut und Haaren so schwarz wie mein Ebenholzrahmen.'"
Natürlich wissen wir, daß ihr Wunsch erfüllt wurde, aber eine böse Hofdame, Brangomar, verschwor sich mit der Hexe Hex, um schöner zu werden als das Mädchen. Richtig, wir bekommen zwei Bösewichte zum Preis von einem.
Für ihre Hilfe und den Zauberspielgel verlangt die Hexe Schneewittchens Herz.


Wie von Hex vorhergesagt stirbt Königin Imogene und Schneewittchens Vater heiratet Brangomar, die ihre Stieftochter nicht besser behandelt als eine Küchenmagd, also muß sie die neuen Hofmädchen in der Küche empfangen.
 

Zum Haus von Berthold, dem Jäger, ausgeschickt, um Enten für das Essen zu holen, sieht Schneewittchen einen Sittich im Käfig und sagt Bertholds Kindern, daß sie niemals einen Vogel einsperren sollen. Sie lassen ihn frei und schaffen es gerade noch nach draußen, um zu verhindern, daß ihn Prinz Florimond von Calydon, der auf der Jagd ist, tötet. Natürlich verguckt er sich sofort in sie.


Sie begegnen sich wieder, als er zum Hof kommt. Die Hofmädchen leihen Schneewittchen alle etwas zum Anziehen aus (ich bin mir nicht sicher, wie sie trotzdem hinterher alle noch voll angezogen sind, außer den Schuhen) und alle sind verschleiert, um sie so zu verbergen, aber Florimond geht gradewegs auf sie zu.
Brangomar ist recht schockiert über die Nachricht, die der Prinz von seinem Vater überbringt, der möchte, daß sein Sohn seine Cousine Schneewittchen heiratet. Nach kurzer Verwirrung (der Film ist nicht ganz vollständig, vielleicht ist das so ein Moment) beschließt Brangomar, daß sie ein Jahr und einen Tag warten müssen, während dieser Zeit wird sie Schneewittchen in ein "Internat für rückständige Prinzessinnen" schicken. Wow, das ist gemein.


Arme Brangomar, nicht nur ist der Prinz nicht ihretwegen gekommen, sondern nur sagt ihr auch noch der Spiegel, daß sie nicht mehr die Schönste ist, UND Hex taucht in einer Rauchwolke auf, um das versprochene Herz einzufordern. Die Dinge, mit denen sich eine böse Königin herumschlagen muß!
Also ruft sie Berthold zu sich und gibt ihm den Befehl, ihr Schneewittchens Herz zu bringen, sonst wird sie seine Kinder einsperren und verhungern lassen.
Er nimmt die Prinzessin mit in die Wälder, beschließt aber, stattdessen ein Wildschwein zu töten und sie zurückzulassen.
Da taucht der Löwe auf.


Und der Sittich ist zurück und bringt sie dazu, ihm zu einem Häuschen zu folgen.
Die Zwerge, die in einer Mine mit direktem Zugang in ihrem Haus arbeiten, finden das schlafende Schneewittchen und hoffen, daß sie bleiben wird, damit sie sie anschauen können (!). Sie machen ihr kleine Geschenke und sie bleibt mit Freuden, da sie nirgendwo anders hin kann.

Die Zwergen heißen Blick, Flick, Glick, Snick, Plick,
Whick ... und Quee (nicht im Bild).

Inzwischen hat Berthold Brangomar das Herz gebracht, die ihn trotzdem in den Kerker bringen läßt, wo auch seine Kinder schon sind (vergeßt nicht, sie ist böse, also sind sie sogar in unterschiedlichen Zellen).
Der Sittich bringt ihm jedoch ein Seil, mit dem er seine Kinder heraufziehen und außerdem die Schlüssel vom Wärter ergattern kann.


Brangomar bringt das Herz zu Hex, die es haben wollte, um damit ihre Kahlheit zu bekämpfen, da es sich aber um ein Schweineherz handelt, wachsen ihr Ringelschwänzchen statt Haar!
Die Königin befragt den Spiegel, wo Schneewittchen ist, und Hex verwandelt sie in eine Krämerin, was ihr erlaubt, Schneewittchen zu besuchen, ohne erkannt zu werden, da sie offensichtlich niemand anderem den Job anvertrauen kann.



Der erste Versuch mit dem vergifteten Kamm schlägt fehl, weil der Vogel es einem Kaninchen sagt und das Kaninchen den Zwergen, die Schneewittchen rechtzeitig retten, bevor die "Krämerin" bis 100 zählen kann.
Beim nächsten Versuch wird Brangomar ein Kuchenverkäufer und Schneewittchen ißt den vergifteten Apfel.
In der Zwischenzeit haben es Berthold und seine Kinder an den Hof von Calydon geschafft und Florimond zieht sofort los, um nach Schneewittchen zu suchen, findet sie aber tot vor.


Sie bringen sie zu Brangomar, um sie zu rächen, aber was ist das ... Schneewittchen lebt! Die Reise hat das Stückchen vergifteten Apfels in ihrem Hals gelöst.
Die Königin zerbricht ihren Spiegel und ist wieder häßlich, während Hex endlich das Haar bekommt, das sie immer wollte.


Für Schneewittchen und Florimond heißt es danach zweifelsohne "und wenn sie nicht gestorben sind ..." - Zwerge inklusive, die Schneewittchen gebeten hat, bei ihr zu bleiben.


Ich weiß nicht, welche Versionen des Märchens ihr kennt, also kommen wir zu ein paar Details.

Dieser Film basiert auf einem Theaterstück von 1912 mit Marguerite Clark in der Hauptrolle. Obwohl sie zu Zeiten des Stücks schon 29 war, war Clark, die nur 1,50 Meter groß war, gut geeignet für die Rolle, die sie dann auch im Film spielte, der an Weihnachten herauskam (was dann auch Santa Claus erklärt).
Leider ist Clark so gut wie vergessen, obwohl sie einmal fast so populär wie Mary Pickford war. Die meisten ihrer Filme wurden in einem Brand zerstört und auch "Snow White" wurde für verschollen gehalten, bis in Amsterdam ein Abzug auftauchte. Es fehlen jedoch Teile, zum Beispiel die Lieferung von Schneewittchen an ihre Eltern durch einen Storch.

Grundsätzlich ist das Märchen mit dem Film abgedeckt, aber es gibt offensichtliche Unterschiede und ich habe ein paar Fragen.

Am wichtigsten, was ist das mit dem Löwen? Man sieht ihn zweimal und er macht nichts. Soll er für Gefahr stehen? Fehlt an der Stelle etwas im Film?
Warum wird Schneewittchen wie eine Küchenmagd behandelt und was ist mit ihrem Vater passiert? Das ist Aschenputtel, nicht Schneewittchen, so wie auch das Treffen von Prinzessin und Prinz vor dem Ball und dann der Tanz.
Wir haben zwei Bösewichter (eine davon als komische Einlage?), aber wie kommt es, daß Hex am Schluß mit dem Hof feiert? Ich meine, immerhin war sie bereit, Schneewittchens Herz zu verspeisen. Und überhaupt, warum konnte sie Brangomar schöne Haare verschaffen, aber nicht sich selber?
Was passiert mit Brangomar? War die Häßlichkeit ihre einzige Strafe? Das wäre dann ja mal viel netter als das ursprüngliche Ende im Märchen, wo sie sich in glühendheißen Schuhen zu Tode tanzte.
Wo ist der Sittich am Schluß? Es besteht kein Zweifel, daß er der wahre Held des Films ist.


Allerdings ist es nett, daß sich Schneewittchen und Florimond schon vor ihrem Tod kannten. Die Vorstellung eines Prinzen, der zufällig vorbeikommt und ein totes Mädchen küßt, ist irgendwie gruselig, wenn wir ehrlich sind. Ein Cousin, der seine Verlobte heimbringt - auch wenn es für uns heute schräg ist, von Cousins/Cousinen zu hören, die heiraten - macht viel mehr Sinn und der Teil mit dem Apfel hält sich an das ursprüngliche Märchen.

Die Kostüme sind hübsch (wenn man den wilden Stilmix ignoriert) und es gibt ein paar nette Effekte wie die Krone, die sich am Schluß auf Schneewittchens Kopf materialisiert.
Ich habe im Laufe der Jahre viele Märchenverfilmungen gesehen und diese ist süß und freundlich und nicht zu gruselig für Kinder.
Und nun wißt ihr, daß ihr Vorsicht walten lassen müßt in Bezug darauf, was man nicht für Haarwuchs benutzen sollte!


Quellen und weitere Lektüre (englischsprachig):

1. Scott Simmon und Martin Marks: Snow White (1916). Auf: National Film Preservation Foundation. Preserved Films. Film Notes
2. J. B. Kaufman: Snow White. Auf: San Francisco Silent Film Festival. Essay 2013
3. Fritzi Kramer: Snow White (1916) - A Silent Film Review. Auf: Movies Silently, 2. März 2014
4. Lea Stans: Fairytales Before Disney: Thoughts On "Snow White" (1916). Auf: Silent-ology, 5. April 2025


Es tut mir leid, daß meine Quellen meist nur englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.

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