Donnerstag, 4. Juni 2026

Stummfilme - In Nacht und Eis

Ich glaube nicht, daß ich euch groß etwas über die RMS Titanic erzählen muß. In den frühen Stunden des 15. April 1912 stieß der Ocean Liner auf der Jungfernfahrt mit einem Eisberg zusammen und versank in wenigen Stunden.

Nun aus dem Weg mit dir, James Cameron!
Der Film, den ich euch heute vorstelle, ist der zweite Film über die Katastrophe (der erste hat nicht überlebt). Er kam 1912 nur vier Monate nach dem Untergang der Titanic heraus
 und heißt "In Nacht und Eis".


Der Film beginnt wie eine Wochenschau für das Kino.
Als erstes wird uns gezeigt, wie die Passagiere an Bord des Schiffs gehen (und sogar an diesem Punkt geben uns die Zwischentitel schon Beispiele dafür, wer überlebt hat und wer ertrunken ist!).



Als nächstes sehen wir, was die Passagiere an Bord tun - Spiele, Spaziergänge an Deck und Treffen im "vornehmen 'Café Parisien'".
Ich bin besonders vom zweiten Spiel fasziniert, bei dem die beiden Männer versuchen, ähm, sich gegenseitig nur mit den Füßen aus dem Kreis zu schieben?


Wir sehen außerdem die Mannschaft bei der Arbeit, den Kapitän, den ersten Offizier auf der Brücke, einen Seemann im Krähennest, die Heizer im Kesselraum, die Telegrafisten (so im Film genannt), während die Passagiere (nur die wohlhabenden, die anderen erhalten nur eine kurze Erwähnung) sich für einen netten Abend vorbereiten.
Dann erhält der erste Offizier die Eisbergwarnung und von da an wird es ein bißchen weniger dokumentarisch.

Ich bin darüber geteilter Meinung. Einerseits ging mir der Schock der Leute im Café oder in den Kabinen, wenn das Schiff zu schwanken beginnt, näher als ich erwartet hatte. Aus dem Grund schaue ich normalerweise auch keine Katastrophenfilme oder -dokumentationen an.
Andererseits haben wir das hier ...


Der erste Offizier und der Kapitän erwiesen sich als echte Profis (die Charaktere und die Schauspieler). Ein Glanzstück an übertriebenem Spiel. In weniger als zwei Sekunden ging ich von echtem Mitgefühl mit den Passagieren zu hysterischem Gekicher über.
Wahrscheinlich müßtet ihr es selber sehen, um zu verstehen warum.
Sie liefen weg, zusammen oder einzeln, kamen zurück, schauten durch das Fernglas, faßten sich an die Köpfe, streckten die Arme aus, und Wiederholung. Es war einfach zuviel - jedenfalls für mich.

Wir bekommen auch den Zusammenstoß des Schiffs mit dem Eisberg zu sehen. Das hier soll ein Modell von 8 Metern Länge gewesen sein. Bin es nur ich, die das nicht glaubt?


Obwohl die Leute in Panik verfallen und eine Menge hin und her rennen, ist keine der Szenen irgendwie reißerisch. Wir sehen keine Menschen vom Schiff springen oder ertrinken. Der Film konzentriert sich nicht so sehr auf den Horror wie auf die Tapferkeit und Heldenhaftigkeit, was sehr schön dadurch illustriert wird, daß der Kapitän den Passagieren an Deck zuruft: "Be British!" (oh das Klischee), während die Kapelle "Näher, mein Gott, zu dir" spielt.

Eines der tapferen Crewmitglieder ist der erste Telegrafist. Es gibt eine lange Szene, in der die Telegrafisten Notrufe morsen, aufstehen, sich wieder hinsetzen und wie wild Hebel bedienen (keine Ahnung, ob es so gemacht wird, wie sie es getan haben, es sah nicht sehr organisiert aus, und Schande über mich, ich mußte wieder kichern).

Man sieht eine Menge Leute an diesem Fenster hin und her laufen.

Das Schifft sinkt immer weiter.
 

Es gibt eine sehr bewegende Szene, in der der Kapitän den ersten Telegrafisten von seiner Pflicht entbindet (der zweite ist dabei, das Schiff zu verlassen), aber wir erfahren, daß beide bereit sind, mit dem Schiff unterzugehen, und daß sie nur an die Rettung der Passagiere denken.


Am Ende werden wir informiert, daß der Kapitän von einer Welle über Bord gespült wird (ignoriert, daß es im Film keine solchen Wellen gibt), einem ertrinkenden Passagier zu einem Rettungsboot hilft, aber ablehnt, selber einzusteigen.
Der Effekt wird jedoch ein bißchen dadurch verdorben, daß er im Wasser zu gehen statt zu schwimmen scheint ...


Dies ist einer der frühesten Katastrophenfilme und er enthält Spezialeffekte, die so vorher nicht in deutschen Filmen zu sehen waren.
Der Regisseur war der 24 Jahre alte Rumäne Mime Misu, der trotz des Erfolgs dieses Films eine recht kurze Filmkarriere hatte.
"In Nacht und Eis" wurde in verschiedenen Städten, auf einem deutschen Ozeanschiff, auf beweglichen Sets und auf einem See gefilmt.

Interessant ist auch, daß der Film jahrzehntelang als verschollen galt. Während des Hypes um Camerons "Titanic" wurde er in einem Zeitungsartikel erwähnt und mehrere Leute reagierten darauf mit der Aussage, daß sie tatsächlich Kopien besaßen. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie alte Schätze plötzlich wieder auftauchen.
Falls ihr an mehr Informationen über den Film interessiert seid, schaut euch die Website "Titanic's Officers" an, die Info über die Offiziere enthält, aber auch eine Menge Artikel, einen davon zu diesem Film. Außerdem hat der Besitzer der Website mit einigen Leuten zusammengearbeitet, um eine Version des restaurierten Films mit englischen Zwischentiteln zur Verfügung zu stellen.

Jetzt möchtet ihr wissen, wie mir der Film gefallen hat, weil ihr von meinen widersprüchlichen Aussagen etwas verwirrt seid?
Nun, tatsächlich hat er mir recht gut gefallen (trotz des Gekichers), und obwohl er 40 Minuten lang ist und manche der Szene nicht super aufregend waren - wie die Damen, die sich für das Café anziehen - war mir nicht langweilig.
Okay, dann gab es halt etwas unfreiwilligen Humor, aber ich fühlte mich ein bißchen schuldig, meinem kindischen Drang nach Gekicher nachgegeben zu haben. Ihr wißt, daß ich immer gern betone, daß wir auch das Alter und die Geschichte eines Films in Betracht ziehen müssen.
Ich kann aber nicht abstreiten, daß mich der Sprung von den Wochenschau-Vibes zu hochdramatischem Spiel überrascht hat.

Ihr müßt außerdem daran denken, daß das nur ein paar Monate nach dem Unglück war, was die Emotionen des Publikums, das noch nicht so unter Übersättigung litt wie wir heute, noch verstärkt haben muß.
Es gibt auch heute immer noch Leute, die sich darüber streiten, was genau passiert ist und warum, und ihr könnt euch vorstellen, wieviel mehr unterschiedliche Informationen und Meinungen es zur Zeit des Drehs gegeben haben muß.
Also mag der Film zwar nicht komplett akkurat sein, ist aber trotzdem gut anzuschauen.


Quellen und weitere Lektüre (englischsprachig):

1. "In Night and Ice" (mit englischen Zwischentiteln) auf dem YouTube-Kanal "Titanic's Officers"
2. Dan Parkes: "In Nacht und Eis" - "In Night and Ice" - 1912 German Titanic Film. Auf: "Titanic's Officers" Website


Es tut mir leid, daß meine Quellen meist nur englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.

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