Es
gibt die Geschichte, daß ich fünf Jahre alt war, als ich meinen ersten
ganzen Film angeschaut habe. Meine Mutter hat die Geschichte erzählt,
und ihr wißt, wie das so ist, im Geiste habe ich eine tatsächliche Szene
drumherum aufgebaut. Ich kann mich auf dem Boden sitzen sehen, vor dem
Fernseher in unserer Schrankwand, in meiner typischen Haltung, Knie nach
vorne, Füße an den Seiten - ich war damals wesentlich beweglicher -
einfach weil ich das später immer so gemacht habe.
Auf jeden Fall
hörte ich als Kind gern meine Mutter die Geschichte meines ersten
"richtigen" Films erzählen und wie ich am Bildschirm klebte. Der Film
war "Lilien auf dem Felde" von 1963, der immer noch einer meiner Favoriten ist, nachdem ich ihn mindestens Dutzende Male angeschaut habe.
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| Natürlich habe ich ein Bild aus "Lilien auf dem Felde" ausgewählt, um für meine Fanwand ein Perlenwebporträt von Sidney Poitier zu machen. |
Fangen wir mit dem Film an (es gibt Spoiler für den Film und für das Buch, auf dem er basiert).
Homer Smith hält an einer kleinen heruntergekommenen Farm an, weil er Wasser für seinen Wagen braucht. Dort sind fünf Frauen, und als eine von ihnen, die sich als Mutter Maria vorstellt, Homer sieht, dankt sie Gott dafür, daß er ihr einen starken Mann geschickt hat.
Homer hat jedoch nicht vor zu bleiben. Da er im Moment nicht viel im Geldbeutel hat, sagt er zu, das Dach zu reparieren - ein Mann für einen Tag. Am Ende des Tages reicht er Mutter Maria die Rechnung und sie nimmt sie einfach und meint, sie sagt ihm dann, wenn das Abendessen fertig ist.
Homer ist überrascht zu sehen, daß die Frauen tatsächlich Nonnen sind. Sie kommen aus Deutschland, Österreich und Ungarn und versuchen Englisch zu lernen, also gibt er ihnen nach dem äußerst mageren Mahl eine Unterrichtsstunde.
Am nächsten Morgen ist Homer bereit weiterzufahren, aber Mutter Maria bringt ihn zu einer Baustelle, wo er für sie eine Kapelle bauen soll. Wieder ignoriert sie die Rechnung.
Nachdem er den Platz aufgeräumt hat, versucht es Homer abends noch einmal, indem er aus der Bibel zitiert, aber die Mutter zitiert aus der Bergpredigt - daher der Filmtitel - und informiert ihn, daß er sie am nächsten Tag zur Messe fahren wird.
Da er selber Baptist ist, nimmt Homer nicht an der Messe teil. Er geht zum Frühstücken in ein Diner, wo ihm Juan, der Besitzer, erzählt, daß die Nonnen von einem ostdeutschen Orden kommen, der die Farm geerbt hat, und daß sie über die Berliner Mauer geflüchtet sind.
Ungewollt wird Homer immer mehr in die Sache hineingezogen. Als er beschließt, endgültig wegzugehen, läßt ihn die Mutter sie und eine der Schwestern in die Stadt mitnehmen, um Mr. Ashton, den Besitzer einer Baufirma, um Spenden zu bitten. Sie sagen ihm, daß Homer ihr Bauunternehmer ist, und da er Ashton nicht die Genugtuung geben will, seine Zweifel darüber zu bestätigen, sagt Homer, daß er das in der Tat ist.
Er beginnt an der Kapelle zu arbeiten, aber auch zwei Tage die Woche für Mr. Ashton, und das Geld benutzt er, um Lebensmittel für die Nonnen zu kaufen. Mutter Maria hat aber kein Glück damit, mehr Geld und Ziegel zu besorgen, und eines Abends kochen die Emotionen so hoch, daß Homer geht.
Irgendwann kommt er dann aber doch zurück, wenn auch etwas angeschlagen.
Das beeindruckt die Menschen in der hispanischen Gemeinde so sehr, daß sie endlich beschließen zu helfen, mit Material und ihrer Arbeitskraft. Zunächst weigert sich Homer, sie helfen zu lassen, und er gibt den Nonnen gegenüber zu, daß er schon immer etwas allein erbauen wollte, aber dann erkennt er, wieviel es bedeutet, daß alle bei diesem besonderen Projekt helfen möchten, wie er Mr. Ashton erzählt, der dann doch noch Ziegel spendiert.
Als die Kapelle fertig ist, signiert Homer seine Arbeit. Er weiß, daß es Zeit für ihn ist, jetzt zu gehen, obwohl Mutter Maria schon neue Pläne für eine Schule und mehr hat.
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| Egal wie ich oft ich den Film anschaue, ich wundere mich jedes Mal, warum das h kleingeschrieben ist. |
Am Abend vor der Einweihung der Kapelle singen Homer und die Nonnen noch einmal miteinander.
Dann steht er auf, immer noch singend, packt seine Sachen zusammen und fährt in die Nacht hinein.
Was könnte es an dem Film gewesen sein, daß er eine Fünfjährige so beeindruckte, daß er einer ihrer absoluten Lieblingsfilme wurde? Ich habe noch nie zuvor versucht, meine Gefühle dazu unter die Lupe zu nehmen, ich weiß einfach nur, daß ich mich bei dem Film gut fühle.
Ein Punkt ist einfach zu finden - ich liebe "Amen", das baptistische Spiritual, das Homer mit den Nonnen singt, und ich fürchte, ich habe das damals daheim zu einem Ohrwurm gemacht, natürlich nur den "Amen"-Teil. Ich singe heute noch mit.
Tatsächlich mag ich die gesamte Filmmusik.
Poitier sang übrigens nicht selber. "Amen" wurde von Jester Hairston geschrieben und gesungen (wenn ihr mehr über ihn wissen möcht, schaut in die Quellen).
Aber offensichtlich wurde ich zu Poitier selber hingezogen und zu dem Humor, den er zum Film beisteuert. Ich liebe sein Lächeln und Lachen, ich liebe, daß der Humor warm und freundlich ist, vor allem in den Szenen mit ihm und der strengen Mutter Maria.
Die Rolle wurde zuerst Harry Belafonte angeboten, aber Belafonte fand, daß sie erniedrigend war und das Thema der sozialen Gerechtigkeit fehlte und daß Homer ein zu einfacher Charakter war, daher lehnte er sie ab. Er diskutierte das sogar mit Poitier, der seine Gründe, das nicht zu tun, verteidigte.
Tatsächlich beschäftigt sich der Film nicht groß mit Rassismus außer dem einen Mal, als Ashton Homer "Boy" nennt, worauf Homer reagiert, indem er es direkt zurückgibt. Stattdessen zeigt er, wie Menschen aus unterschiedlichen Kreisen - der schwarze Handwerker, europäische Nonnen, eine hispanische Gemeinschaft, ein irischer Priester und sogar ein weißer Geschäftsmann - zusammenarbeiten, um etwas zu erreichen, das niemand für möglich gehalten hätte, trotz der Unterschiede in Rasse, Vermögen und Glauben.
Obwohl der Funke für die Handlung Mutter Marias ungebrochener Glaube an Gott ist, war es für mich nie ein religiöser Film (als ich erstmal alt genug war, darüber nachzudenken), obwohl mir klar ist, daß andere das nicht so sehen mögen. Für mich geht es um Gemeinschaft, Kommunikation, Kooperation, Verständnis und Beharrlichkeit. Habe ich schon das Wort freundlich benutzt (ich weiß, daß ich das habe)?
Sidney Poitier gewann einen Oscar als Bester Hauptdarsteller (der erste Afroamerikaner, der diesen bekam), einen Golden Globe und den Silbernen Bären als Bester Hauptdarsteller bei der Berlinale, er wurde außerdem für weitere Auszeichnungen nominiert.
Lilia Skala als Mutter Maria wurde für mehrere Preise als Beste Nebendarstellerin nominiert.
Nicht daß mich das als Fünfjährige groß gekümmert hätte (als ob ich es überhaupt gewußt hätte! 😉)
Es war für Ralph Nelson nicht einfach, das Geld für den Film aufzutreiben. Es wurde sogar vorgeschlagen, eine Liebesgeschichte einzubauen, mit einer Nonne, die das Gelübde noch nicht abgelegt hatte. Ein anderes Studio wollte Steve McQueen als Homer.
Schließlich fand Ralph Nelson ein Studio, das ein Budget von 250000 $ anbot, aber eine Sicherheit verlangte. Nelson bot dafür sein eigenes Haus an. Zu dieser Zeit war Poitier bereits ein anerkannter Schauspieler gewesen und verdiente pro Film ungefähr das Doppelte dieses Budgets. Poitier akzeptierte jedoch 50000 $ als Gage plus zehn Prozent der Bruttoeinnahmen. Und da das Budget so niedrig war, mußte er die schwere Arbeit im Film tatsächlich selber machen. Beide glaubten wirklich an diesen Film, der übrigens in vierzehn Tagen abgedreht wurde.
Nun, und es wurde ein Erfolg, in den ersten sechs Monaten lagen die Einnahmen bei 2 1/2 Millionen $.
Nun zum Buch.
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| Mein deutsches Exemplar. |
William Barrett schrieb Romane, von denen drei verfilmt wurden, "Lilien auf dem Felde" eingeschlossen. Er war katholisch und schrieb auch Essays, Rezensionen und Biographien, eine davon über Papst Paul VI.
Die Geschichte der Nonnen beruht tatsächlich auf der wahren Geschichte der Abbey of St. Walburga in Colorado. 1935 wurden drei Schwestern aus dem bayerischen Mutterhaus Abtei St. Walburg nach Colorado geschickt, wo sie billig Land von Mönchen kauften, die es als "für eine Farm ungeeignet" bezeichneten. Ursprünglich war es als möglicher Zufluchtsort vor dem Nazi-Regime gedacht, falls notwendig, aber schließlich wurde die Farm zum Priorat und dann zur Abtei.
Das Buch änderte die Zeit natürlich zu der des Kalten Krieges und die Nonnen flohen, wie oben erwähnt, aus Ostdeutschland.
Es erklärt auch etwas mehr zu Homer.
Er ist 24 (das ist jünger, als Poitier beim Dreh war), er "lebt sein Leben von einem Tag zum anderen, es ist Lachen in ihm". Er hat ein bißchen Geld, nachdem er die Army verlassen hat, und möchte den Westen sehen (der Film spielt in Arizona). Und er schätzt seine Freiheit, daß er hingehen kann, wo er will, wenn er will, und nur arbeitet, wenn er muß. "Ein Mann war frei, wenn er 'ja' sagen oder 'nein' sagen konnte." Und dennoch hat er das Gefühl, daß er zu Mutter Maria Marthe nicht einfach nein sagen kann.
Es gibt aber auch ein paar kleine Unterschiede, die aber nicht wirklich wichtig sind. Der Priester ist kein Ire, sondern Hispano, und er muß den Gottesdienst nicht von der Ladefläche eines Autos aus halten, es gibt eine kleine Kirche. Es gibt keinen Mr. Ashton, im Buch heißt er Livingston.
Das Buch erklärt auch, was Homer tut, als er das erste Mal weggeht. Er besorgt sich einen Job bei einer Abbruchfirma in der großen Stadt, aber obwohl sich seine Tage mit den Nonnen wie ein Traum anfühlen, denkt er an sie, als sie eine Reihe von Häusern abreißen. Er schaut sich das an, was sie herausgeholt haben und denkt, daß die Nonnen eine Badewanne brauchen. Also kauft er eine und bringt sie als Geschenk mit zurück.
Im Film kommt er einfach mit einem blauen Auge zurück, aber im Buch steht nichts darüber, daß er Ärger hat oder auch warum er zurückkehrt.
Der größte Unterschied ist allerdings der Schluß.
Homer fährt schon in die Nacht hinein, das Buch endet hier aber nicht.
Eine Legende entsteht um Homer und seine Kapelle herum. Touristen kommen zu Besuch. Dank Spenden können die Nonnen eine Schule bauen und Jungen aus kaputten Familien aufnehmen, um ihnen bei ihrem Lebensweg zu helfen. Und in der Kapelle gibt es ein Gemälde von Sankt Benedikt dem Mohren, das Schwester Albertine gemalt hat und das wie Homer aussieht.
Um ehrlich zu sein, ich bin froh, daß der Film diesen Teil ausgelassen hat.
Nun entschuldigt mich, ich denke, ich werde den Film gleich nochmal anschauen.
Quellen und weitere Informationen (englischsprachig):
1. Brian Bergen-Aurand: Lilies of the Field (1963). Auf: Foreign Influence, 3. Februar 2017
2. Ron Olesko: "Amen" and Jester Hairston. Auf: Sing Out!, 22. März 2008
3. Abbey of St. Walburga History
4. David A. King: The heart of Barrett's 'The Lilies of the Field'. In: The Georgia Bulletin, 20. März 2014
5. "Lilies of the Field: The Story Behind the Film" auf YouTube
Es tut mir leid, daß meine Quellen meist nur englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.









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