Donnerstag, 8. Januar 2026

Stummfilme - Goldrausch

Wir haben hier gerade nicht ganz so extremes Wetter, aber es ist immer noch Winter und Jahresanfang, also habe ich euch heute einen Film mitgebracht, der im Schnee des Klondike spielt und eine berühmte Neujahrsdinnerszene hat. Es ist natürlich Charlie Chaplins Goldrausch von 1925. Oder 1942? Schauen wir mal.


Tatsächlich habe ich für diesen Post zwei Versionen angeschaut, die ich beide noch nicht kannte.
Das Original von 1925 ist länger und stumm mit Zwischentiteln, der Neuschnitt von 1942 weist einige Änderungen auf und statt Zwischentiteln gibt es hier eine Musikuntermalung und einen Erzählungstext, der von Chaplin selber gesprochen wird.

Wie gewöhnlich fange ich mit der Handlung (und Spoilern) an.

Zusammen mit hunderten anderen macht sich der Lone Prospector (der einsame Goldsucher) auf den Weg zum Klondike, um Gold zu finden.


Von einem Schneesturm überrascht landet er in der Hütte von Black Larsen, einem gesuchten Verbrecher, und bald kommt auch noch Big Jim dazu, ein weiterer Goldsucher, der gerade erst einen großen Goldfund gemacht hat. Larsen versucht vergeblich, sie loszuwerden.


Als ihnen das Essen ausgeht und sie Karten darum ziehen, wer im Schneesturm hinaus muß, um welches zu besorgen, verliert Black Larsen. Dort draußen stößt er auf das Zelt von zwei Polizisten, die nach ihm suchen, und tötet sie.
Inzwischen werden der kleine Kerl und Big Jim verrückt vor Hunger. Sie essen einen der Schuhe des kleinen Kerls, aber Big Jim bekommt Halluzinationen und denkt, sein Freund ist ein Huhn. Gerade rechtzeitig marschiert ein Bär herein und sie haben genug zu essen.

Lakritze und Bonbons, nur falls
ihr euch das auch gefragt habt 😉

Als der Blizzard vorüber ist, trennen sich ihre Wege. Der kleine Kerl macht sich in die nächste Goldgräberstadt auf, Big Jim geht zu seinem Claim. Dort wartet jedoch Black Larsen. Er schlägt Jim mit einer Schaufel nieder und macht sich mit einem Teil des Goldes davon, kommt dann aber in einer Lawine zu Tode.

Im Tanzsaal der Stadt verliebt sich der kleine Kerl in Georgia. Um Jack zu ärgern, der ihr aggressive Avancen macht, bittet George den kleinen Kerl um einen Tanz.


Als sie sich bei einer Hütte wiedertreffen, auf die er für den Besitzer aufpaßt, flirtet Georgia mit dem kleinen Kerl und lädt sich und ihre Freunde dann zum Dinner am Silvesterabend bei ihm ein.


Der kleine Kerl räumt Schnee, um Geld für das Essen zu verdienen. Er schmückt alles hübsch und schläft beim Warten auf die Damen ein, wobei er von dem Spaß und Gelächter träumt, als er seinen Brötchentanz für sie vorführt.


Als er aber ganz allein aufwacht, geht er zum Tanzsaal, wo alle feiern. Enttäuscht geht er im Schnee spazieren, als George also mit Jack zur Hütte kommt, nachdem sie sich an die Einladung erinnert hat, ist er nicht da.

Inzwischen hat Big Jim es zur Stadt geschafft. Leider erinnert er sich nicht an den Standort seines Goldbergs, nachdem ihn Black Larsen mit der Schaufel geschlagen hat. Als er also den kleinen Kerl im Tanzsaal sieht, zerrt er ihn mit sich, damit er ihm hilft.
Sie finden die Hütte, aber während der Nacht rutscht diese in einem weiteren Schneesturm den Hügel hinunter und nachdem die Hälfte davon über eine Klippe ragt, schaukelt sie gefährlich hin und her.


Sie schaffen es gerade noch nach draußen, bevor die Hütte in die Tiefe stürzt.


Wie es aber das Glück will, ist Jims Goldlagerstätte genau an dieser Stelle, wodurch sie beide zu Millionären werden.
Als sie ein Schiff nach Hause nehmen, bitten Reporter den kleinen Kerl um ein Bild in seinen alten Goldgräberklamotten. Der Fotograf sagt ihm, er solle einen Schritt zurücktreten, dabei fällt er die Treppe hinunter und landet genau neben Georgia, die ebenfalls auf dem Weg zurück ist und ziemlich desillusioniert aussieht. Sie glaubt, er sei ein blinder Passagier und versucht ihn zu verstecken. Ihre Überraschung und Freude ist groß, als der Kapitän nicht nur erklärt, daß er in Wirklichkeit ein Multimillionär ist, sondern der kleine Kerl sie dem Reporter außerdem als seine Braut vorstellt.


Kommen wir jetzt erstmal zu den Unterschieden in der Handlung.

Im Original von 1925 weist Georgia Jacks Kuß zurück, nachdem sie die Hütte leer, aber geschmückt vorgefunden haben, später aber schreibt sie ihm einen Brief, in dem sie sich entschuldigt und ihm sagt, daß sie ihn liebt. Jack zeigt den Brief den anderen an seinem Tisch und lacht darüber, dann läßt er den Brief dem kleinen Kerl bringen, nur um Georgia zu ärgern. Als also der kleine Kerl Georgia sagt, daß er ihre Nachricht bekommen hat, ihre Hand küßt und ihr verspricht, es zu etwas zu bringen, bevor er von Big Jim weggezerrt wird, ist sie deutlich verwirrt, was hier geschieht. Erst als sie sich auf dem Schiff um ihn sorgt, weil sie denkt, daß er in Eisen gelegt wird, kann man erkennen, daß sie tatsächlich Gefühle für ihn hat.

In der Version von 1942 geht die Nachricht jedoch direkt an den kleinen Kerl und darin steht nur, daß sie sich entschuldigen und eine Erklärung wegen Silvester abgeben möchte, und eine Beziehung zwischen Jack und ihr wird überhaupt nicht erwähnt.

Der Schluß ist ebenfalls etwas unterschiedlich, im Original sieht man den kleinen Kerl und Georgia in einem langen Kuß, im Neuschnitt gehen sie nur Arm in Arm die Treppe hinauf.

Ich finde, die erste Version sorgt für etwas mehr Drama und die Nachricht scheint dem kleinen Kerl die Motivation zur Goldsuche zu geben, um sich Georgias würdig zu erweisen.
Die Notiz im Neuschnitt ist ziemlich lauwarm und sagt nicht wirklich soviel über Georgias Gefühle ihm gegenüber aus, also läßt das seine Reaktion darauf recht übertrieben aussehen.

Um ehrlich zu sein, hadere ich sowieso etwas mit der Liebesgeschichte in diesem Film. Jack ist ein Bully und ich verstehe nicht, warum Georgia plötzlich ihre Meinung über ihn ändert (in der ersten Version) und dann ihre Meinung nochmal ändert, diesmal in Bezug auf den kleinen Kerl. Wenigstens ist sie nicht hinter seinem Geld her, als sie ihm auf dem Schiff zu helfen versucht, aber weiß sie eigentlich, was sie will?
Andererseits macht mich ein Happy End auch glücklich und hier bekommt Chaplins Kleiner Tramp mal ein richtig glückliches, seine Lady und obendrauf noch einen Haufen Geld.

"Goldrausch" war Chaplins persönlicher Favorit und ein Erfolg bei den Kritikern und finanziell. Er wurde von Bildern des Klondike-Goldrauschs und einem Buch über die Donner-Party inspiriert. 
Nun mögt ihr euch fragen, was um Himmels willen an diesen beiden historischen Ereignissen lustig sein könnte, aber Chaplin gelang es immer, Humor in der Tragödie zu finden.
Der Film bescherte mir jedoch keine Lachanfälle, weil ich immer die Tragödie um die Ecke spürte.
Nehmen wir zum Beispiel das Thanksgiving-Essen mit dem Schuh. Ich mochte die Art, wie der kleine Kerl die Präsentation des "Mahls" zelebrierte, aber daran zu denken, daß das von echten Ereignissen inspiriert war, war auch gruselig.



Ich konnte außerdem den Gedanken nicht loswerden, wie kalt es für diese Tanzmädchen in ihren schönen, aber recht dünn aussehenden Kleidern gewesen sein muß, und den kleinen Kerl in seinen üblichen Klamotten durch den Schnee marschieren zu sehen war witzig, ließ mich aber auch erschauern (vielleicht erinnert ihr euch, daß ich auch über Heizung nachdachte, als ich das riesige Schloß in Doug Fairbanks' Robin Hood sah 😂). Ich hasse Schnee einfach (außer auf Bildern von wunderschönen Winterlandschaften).
Natürlich war mir klar, daß das Studioszenen waren, aber ich denke, das spricht doch für Chaplins Talent, das Gefühl eines harten Klondike-Winters heraufzubeschwören.
Es gab auch ein paar tolle Effekte wie zum Beispiel die schaukelnde Hütte oder Black Larsens Todesszene.

Es ist wirklich nicht überraschend, daß der Film so großes Lob erhalten hat und immer noch erhält.
Natürlich sind die Leute aber geteilter Meinung über die zwei Versionen. Müßte ich wählen, würde ich die Version von 1925 nehmen, aber mit der Musik von 1942. Die Erzählung an sich stört mich nicht, aber ich finde, Chaplin hat es mit dem Pathos etwas übertrieben und er hätte weniger erzählen können (vielleicht gewöhne ich mich wirklich an Titelkarten?).

Warum gibt es überhaupt einen Umschnitt?
Chaplin wollte den Fim wiederbeleben - wie erwähnt war er sein Favorit - wußte abeer, daß er, nachdem es jetzt seit mehr als einem Jahrzehnt Tonfilme gab, nicht einfach die alte Version zeigen konnte, so wie sie war. Also änderte er und stellt um und modernisierte und fügte Musik und Erzählung hinzu.
Die Version von 1925 war in den USA in die Public Domain übergegangen, weil das Copyright nicht erneuert worden war, aber letztendlich wanderte sie dann in den Müll. Erst 1993 wurden die Filmhistoriker Kevin Brownlow und David Gill von den Chaplin-Erben beauftragt, sie aus verfügbaren Quellen zu rekonstruieren und restaurieren.

Für Leute, die vor völlig stummen Filmen zurückschrecken, ist der Umschnitt aber eine gute Wahl, denke ich. Ich weiß, daß ich selber viel zu lang damit gewartet habe, aber ich glaube, daß "Goldrausch" es wert ist, von jedem gesehen zu werden, der irgendwie an klassischen Filmen interessiert ist.

P.S. Ich ziehe einen Punkt dafür ab, daß ein Hund gezeigt wurde, der plötzlich verschwunden ist. Das ist für mich zuviel der Tragödie.



Quellen (englischsprachig):

1. Fritzi Kramer: The Gold Rush (1925) - A Silent Film Review. Auf: Movies Silently, 5. Juli 2015
2. Jeffrey Vance: The Gold Rush. Auf: San Francisco Silent Film Festival, präsentiert beim Event "Little Tramp at 100" Januar 2014

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