Montag, 23. Februar 2026

Aus meinem Kinderbuchschrank - Die Lockett-Kinder

Ich habe schon von der Stadtbücherei meiner Kindheit erzählt, der, die in ein Wohnhaus umgewandelt wurde, als die Bücherei - dann Bibliothek genannt - 1981 in das "Adelberger Kornhaus" zog. Um fair zu sein war das alte Gebäude ein Wohnhaus, bevor es eine Bücherei beherbergte, zunächst die amerikanische Bücherei nach dem 2. Weltkrieg, die dann mit der stadteigenen Bücherei zusammengelegt wurde.
Ich bin mir sicher, daß die Bibliothekar*innen den Komfort des neuen (naja, eigentlich alten, da das Kornhaus eines der wenigen in der Stadt noch existierenden Gebäude aus dem Mittelalter ist, das für die Bibliothek restauriert wurde) Gebäudes zu schätzen wußten.


Ich weiß, daß ich das als Bibliothekarin würde, aber natürlich habe ich die Bücherei, mit der ich aufgewachsen bin und die sozusagen das Fundament für meine Lesegewohnheiten war (wie auch meine Familie), nicht vergessen.
Das Gefühl, dort hineinzugehen und nicht nur nach neuen Büchern zu suchen, sondern auch immer wieder zu den Wohlfühlbüchern meiner Kindheit zurückzukehren, wie ein Magnet zu bestimmten Regalen hingezogen, ist mir immer noch im Gedächtnis.
Was uns zu dem Buch bringt, das ich heute aus meinem Schrank ausgewählt habe - "Die Lockett-Kinder" von M. E. Atkinson (nur auf den deutschen Übersetzung steht der Name "Mary E."), das 1954 herauskam und dessen Original "August Adventure" von 1936 ist.
Es ist das erste einer Reihe von vierzehn Büchern, die von den drei Lockett-Kindern und ihren Freunden handeln. Ich meine, meine Bücherei hatte alle sechs, von denen ich weiß, daß sie ins Deutsche übersetzt worden sind. Sie sind jetzt Sammlerstücke, daher freue ich mich, daß ich fünf davon schon besitze und auch ein paar englische! Statt mir aber das letzte deutsche zu kaufen, habe ich die fünf Bücher, die mir noch fehlen, auf Englisch bestellt, was mich nur in etwa doppelt soviel kostete wie das eine Buch.


Die Lockett-Kinder sind Oliver (12), Jane (13) und Bill (10). Ihre Eltern leben in Indien. Jane wohnt bei einer Tante und einem Onkel, während ihre Brüder auf ein Internat gehen und nur in den Ferien heimkommen. Zum Glück gibt es mehrere Tanten, die sich damit abwechseln, die drei während der Ferien aufzunehmen.

In diesem Buch gehen jedoch alle Tanten zur selben Zeit auf Reisen, also werden sie für die Sommerferien von ihrer Tante Lavinia eingeladen, die sie bisher noch nicht einmal kennen. Sie ist Malerin und ein Freigeist, der manchmal einfach in ihrem bunt angemalten Pferdewagen loszieht, um durch die Lande zu fahren.

Als die Kinder aber bei ihrem Haus ankommen, ist Lavinia nicht da. Stattdessen finden sie einen fremden Mann vor, der ihnen erklärt, daß Lavinia auf Reisen gegangen ist und nicht so bald wieder da sein wird. Ein Anhänger, der auf dem Tisch liegt, erwähnt eine Stadt.
Wir wissen alle, was die Kinder jetzt tun müssen, richtig? Natürlich müssen sie den Pferdewagen nehmen und zu dieser Stadt fahren. Sie schicken Lavinia allerdings ein Telegramm, von dem sie hoffen, daß es an die aktuelle Adresse, die sie nicht kennen und die ihnen der Postbeamte nicht geben will, weitergeleitet werden wird, aber sie können ja nicht in einem Haus mit einem fremden Mann darin warten, der ihnen erzählt - nicht sehr überzeugend - daß er das Haus für die zehn Tage oder so gemietet hat.

Um die Angelegenheit noch etwas komplizierter zu machen - tatsächlich aber besser, wie sie bald herausfinden - steht ein Mädchen vor der Tür und sagt, sie sei zu Lavinia geschickt worden, weil ihre Großmutter krank ist, und ihr fünfjähriger Bruder Robin würde auch noch dazustoßen.
Zum Glück hat Anna Erfahrung mit Pferden und weiß, wie man mit Pegasus umgeht, und Robin ist viel reifer, als die Locketts es erwartet haben.
Auf geht's und das Abenteuer kann beginnen und ein Abenteuer ist es wahrhaftig. Sie gehen buchstäblich durch Feuer und Wasser, retten einen Hund, verbringen eine Nacht in einem Spukhaus, spielen Kricket, ihnen wird Geld gestohlen und vieles mehr. Noch wichtiger ist, daß sie neue Freundschaften schließen, aber auch ein paar Feinde haben, aber natürlich bekommen wir ein glückliches Ende.

Ah, die Zeiten, in denen Kinder noch Hunderte von Kilometern allein reisen konnten!
Zugegeben, ein Dorfmetzger bezweifelt, daß das eine gute Idee ist, aber nachdem sie dieses Dorf verlassen, kommen sie um noch mehr ungefragte Meinungen von Erwachsenen herum - im Ernst, wie können sie es wagen? - indem sie Annas lange Zöpfe hochstecken, damit sie älter aussieht, da sie die größte von ihnen ist. Erstaunlich, wie leicht man Erwachsene täuschen kann, vor allem wenn man bedenkt, daß Anna tatsächlich ein paar Monate jünger als Jane ist.

Ich habe die Bücher so geliebt und ich war so eifersüchtig, daß 
diese Kinder, das Leben der Freien leben durfte, obwohl ich in Wirklichkeit wußte, daß ich mein Bett schon in der ersten Nacht bitterlich vermißt hätte. Das ist das Schöne an Bücher, man kann sich Dinge einbilden und träumen.
Vielleicht war ich auch neidisch darauf, daß sie so praktisch und geschickt waren. Sie kochten, sie wußten, wie man telegraphiert und einen Pferdewagen lenkt und sie schienen nie viel Angst zu haben ... ein bißchen, aber nicht genug, um sie davon abzuhalten, weiterzumachen und immer einen Weg zu finden, mit den Umständen fertigzuwerden.
Ich hätte es wahrscheinlich schwer gehabt, es ins nächste Dorf zu schaffen.

Übrigens, falls ihr letztes Jahr meinen Post über Enid Blyton und "Domestication", "Foreignization" und "continuation books" gelesen habt, fragt ihr euch vielleicht, wie das mit den deutschen Übersetzungen aussieht.
Natürlich kann ich keinen direkten Vergleich ziehen, da ich die Bücher nur entweder auf Deutsch oder auf Englisch habe, aber ich schätze aufgrund dessen, was ich gelesen habe, daß nicht viel verändert wurde, außer daß bei einem Hausnamen statt "Manor" das deutsche "Herrenhaus" benutzt wurde.
Es gibt auch Fußnoten, eine, die englische Internate erklärt, die anderen, recht ausführlich, erklären Kricket. Es wäre einfach gewesen, den deutschen Text zu ändern, indem man zum Beispiel statt Kricket einen anderen Sport gewählt hätte. Das deutet eher auf Foreignization als auf Domestication hin.


Es ist wirklich schade, daß es fast keine Illustrationen gibt. Die englischen Originale waren wunderschön von Harold Jones illustriert.
Das Umschlagbild des deutschen Buchs ist keine Illustration von Jones, aber ich kann euch nicht sagen, wer es gemalt hat, denn eine Namennennung fehlt im Buch.
Darin findet man nur eine Karte, die die Reise der Locketts zeigt. Das Original war ebenfalls von Jones, aber nicht diese hier. Man kann erkennen, daß sie vom Original inspiriert wurde, aber sie ist nicht so elegant. Einen Namen gibt es auch hierzu nicht.
Ich habe in einem Onlineantiquariat ein Exemplar des Buchs gefunden, für das die Namen Mary E. Atkinson und Susanne Ehmcke aufgeführt wurden. Ehmcke war zwar eine deutsche Kinderbuchautorin und -illustratorin, aber dieser Eintrag ist der einzige, wo ich den Namen überhaupt im Zusammenhang mit den Lockett-Kindern gefunden habe, also habe ich meine Zweifel, ob sie es wirklich war.


Wenn ich heute an die alte Bücherei denke, zum Beispiel, wenn ich an dem Gebäude vorbeikomme, ist das erste, was mir in den Sinn kommt, immer, wie ich auf das Regal für A zugehe und nach den Locketts schaue und oft enttäuscht werde. Die Bücher waren damals beliebt und oft ausgeliehen, nun, und ich schätze mal, irgendwann wurden sie dann ausgesondert, als das Interesse nachließ oder die Bücher zu kaputt waren.

Ich freue mich schon auf die, die unterwegs sind, um meine kleine Sammlung zu vervollständigen.
Sagt mal noch nicht tschüß zu den Locketts, denn die Chancen stehen gut, daß sie wieder hier auf dem Blog auftauchen (besonders mit meinem Lieblingsbuch!).


Weitere Lektüre (inklusive Bildern von Harold Jones' Illustrationen, englischsprachig):

1. **: August Adventure. Auf: The Silver Locket, 29. August 2021
2. **: August Adventure. Auf: The Silver Locket, 18. August 2024
3. Todd Klein: Rereading: AUGUST ADVENTURE by M. E. Atkinson. Auf: Todd's Blog, 28. März 2024

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