Nach zwei ziemlich langen Filmen brauchte ich diesmal etwas ein wenig Kürzeres für meine Stummfilm"projekt".
Wir hatten ein Märchen und einen Abenteuerfilm, beide mit Happy End. Wie wäre es damit, etwas ganz anderes zu versuchen? Ich habe euch heute einen Horrorfilm mitgebracht und zwar, was als der erste echte Horrorfilm bezeichnet wurde - "Das Cabinet des Dr. Caligari" von 1920, den ihr hier auf YouTube anschauen könnt.
Ich bin kein großer Fan von Horrorfilmen, weil ich ein Feigling bin. Ich bekomme Alpträume, was den Dekan schreckhaft macht und Gundel dazu bringt, den Kopf über mich zu schütteln. Wenn ich also einen anschaue, mache ich das nicht, bevor ich schlafen gehe. Wird mir Dr. Caligari aber in meinen Schlaf folgen? Soll heißen, ist er auch heute noch gruselig?
Fangen wir wie üblich mit der Handlung an.
Zwei Männer sitzen in einem Garten. Eine Dame in Weiß geht vorbei, sie sieht aus, als wäre sie in Trance. Der jüngere Mann sagt "Das ist meine Braut." und fängt an, eine Geschichte zu erzählen.
Wir sind in der deutschen Stadt Holstenwall und es gibt einen Jahrmarkt. Ein junger Mann, Alan, überredet seinen Freund Franzis (den Erzähler), mit ihm dorthin zu gehen.
Als nächstes sieht man einen älteren Herrn zum Stadtsekretär, der ihn äußerst rüde behandelt, gehen, um eine Genehmigung dafür zu beantragen, sein Schaustück auf dem Jahrmarkt zeigen zu dürfen - einen Somnambulen (Schlafwandler). Seine Karte weist ihn als Dr. Caligari aus.
In dieser Nacht wird der Stadtsekretär ermordet.
Auf dem Jahrmarkt stellt Dr. Caligari Cesare, den Somnambulen vor, der seiner Aussage nach, seit 23 Jahren Tag und Nacht in einem Kabinett schläft, das an einen Sarg erinnert. Er befiehlt ihm aufzuwachen und fordert das Publikum - darunter Alan und Franzis - auf, Cesare eine Frage zu stellen, da er "die Vergangenheit kennt und die Zukunft sieht".
Obwohl Franzis versucht, ihn zurückzuhalten, geht Alan zur Bühne und fragt, wie lang er leben wird. Cesare antwortet "Bis zum Morgengrauen ...".
Nachdem sie den Jahrmarkt verlassen haben, ist Alan verständlicherweise beunruhigt, sogar noch mehr, als sie ein Plakat über den Mord sehen. Dann treffen sie Jane auf der Straße, eine junge Dame, in die sie beide verliebt sind. Sie stimmen überein, sie wählen zu lassen und Freunde zu bleiben, egal was kommt.
Leider wird Alan in dieser Nacht brutal erstochen. Franzis geht zur Polizei und läßt eine Untersuchung einleiten. Danach geht er zu Jane, um ihr die schreckliche Nachricht zu überbringen, dann triff er Janes Vater, um ihm zu erzählen, daß er Cesare des Mordes verdächtigt.
Inzwischen versucht ein Krimineller eine Frau auf dieselbe Weise zu töten, als er aber gefaßt wird, behauptet er, er habe nur die Schuld abschieben wollen und habe nichts mit den beiden ersten Morden zu tun.
Jane, die nicht weiß, daß Franzis und ihr Vater bei der Polizei sind, fängt an sich Sorgen zu machen und geht zum Jahrmarkt. Sie fragt Caligari, ob er sie gesehen hat und er zerrt sie in das Zelt und zeigt ihr Cesare.
Nach Alans Begräbnis geht Franzis zu Caligaris Wagen und findet ihn und Cesare dort schlafend vor.
In diesem Moment geht Cesare jedoch durch die Stadt (meine Lieblingsszene wegen der Art, wie er an der Wand entlangzutanzen scheint).
Er dringt in Janes Zimmer ein und versucht sie zu töten, kann es aber nicht über sich bringen. Stattdessen entführt er sie.
Er wird von einer Gruppe Männer verfolgt und läßt Jane fallen, er selber entkommt knapp und fällt tot um. Oder?
Franzis kann nicht glauben, was geschehen ist, weil er die ganze Nacht vor dem Wagen verbracht hat, aber als sie sich das Kabinett genauer anschauen, finden sie darin nur eine Puppe, die wie Cesare aussieht.
Caligari entkommt in die Irrenanstalt. Franzis folgt ihm und entdeckt, daß er in Wirklichkeit der Direktor der Anstalt ist. Franzis gelingt es, mehrere Ärzte zu überzeugen, Caligaris Büro zu durchsuchen, während er schläft, und sie finden ein Buch über Somnambulismus mit einer Geschichte, die "Das Cabinet des Dr. Caligari" heißt und von einem Mystiker handelt, der mit einem Somnambulen namens Cesare auf Jahrmärkten herumgezogen ist, den er durch Hypnose Verbrechen begehen ließ.
Als ein Somnambuler in die Anstalt eingeliefert wird, wird der Direktor von der Vorstellung besessen, selber zu Caligari zu werden und herauszufinden, ob so etwas wirklich möglich ist.
Nachdem die Ärzte das gelesen haben, wird Cesare zum Direktor gebracht, der einen Zusammenbruch bekommt, als er ihn sieht. Er wird in eine Zwangsjacke gesteckt "und seit diesem Tage hat der Wahnsinnige die Zelle nicht mehr verlassen".
Der Film geht jetzt zurück in den Garten, man sieht, wie Franzis und der andere Mann aufstehen und den Saal der Anstalt betreten, wo man verschiedene Leute sieht.
Jane ist dort, sie sitzt auf etwas, das wie ein Thron aussieht, sie lehnt Franzis' Bitte, ihn zu heiraten ab. Cesare ist dort, wach, lächelnd, mit Blumen in der Hand.
Als der Direktor in den Saal kommt, völlig normal aussehend im Vergleich zu seinem Aussehen in der Geschichte, hat Franzis einen Wutausbruch und behauptet, daß nicht er wahnsinnig sei, sondern der Direktor, der Caligari sei. Franzis wird in eine Zwangsjacke gesteckt und der Direktor sagt, daß er jetzt die Quelle seines Wahnsinns kennt und weiß, wie er ihn heilen kann.
Was ist wirklich? Was nicht?
Nach dem, was ich gelesen habe, gibt es unterschiedliche Theorien über unterschiedliche Komponenten des Films - die Handlung, die tiefere Bedeutung, die Rahmenhandlung, das Set, die Beleuchtung.
Ein paar Interpretationen wurden Jahre später entwickelt, Leute haben verschiedene Versionen von Geschichten erzählt, vielleicht auch Erinnerungen daran angepaßt, was so schön paßte.
Es gibt genug Quellen da draußen, in denen ihr über all das lesen könnt und ich werde ein paar am Ende des Posts anfügen, aber ich bin weder Filmhistorikerin noch -kritikerin, und obwohl ich die Artikel gelesen habe, finde ich nicht, daß es Sinn machen würde, wenn ich meinen Senf zu Theorien über Autorität, Schizophrenie oder wie sich Deutsche nach dem 1. Weltkrieg gefühlt haben dazugeben würde.
Stattdessen werde ich einfach darüber sprechen, wie ich den Film gesehen und gemocht habe.
Was offensichtlich als erstes den Blick einfängt, ist das Set. Fast von Anfang an, als man das gemalte Bild der Stadt als Hintergrund sieht, weiß man, daß in diesem Film nichts gerade oder gewöhnlich sein wird. Fenster, Wände und Straßen sind krumm und haben seltsame Winkel, Hocker sind lächerlich hoch (und sehen sehr unbequem aus), Schatten sind aufgemalt, alles scheint Teil eines bizarren und verdrehten Traums zu sein, in dem sich die Charaktere bewegen.
Sogar die Zwischentitel sind künstlerisch gemacht mit ihren stilisierten Buchstaben und geometrischen Formen und Kritzeleien.
Die Kostüme sind eine merkwürdige Mischung aus Zeitperioden, manche scheinen abstrakt (ich bin vor allem von dem Hut des Polizisten fasziniert). All das trägt zum expressionistischen Gefühl des Films bei.
Selbst wenn ihr erwartet, daß die Charaktere für den Horror sorgen, werdet ihr vielleicht überrascht. Dies ist kein Film, der einen vom Sitz springen läßt, es gibt kein offensichtliches Blutvergießen, kaum Kämpfe - dies ist ein Film, der sich an dich anschleicht, dunkel und grotesk.
Er lebt durch die Charaktere, Franzis, der so entschlossen ist, dieses Rätsel zu lösen, Jane, die hauptsächlich durch den Film zu schweben scheint, Caligari, dessen Bewegungen noch durch seinen seltsamen Gang, aber auch seinen Gesichtsausdruck, unterstrichen werden, und natürlich Cesare, obwohl er den größten Teil des Films über kaum menschlich scheint. Ich liebe die Szene, wie er in Janes Zimmer eindringt und man kann sich leicht vorstellen, daß viele Vampire auf dieser Szene basieren.
Die verlinkte Version hat eine Filmmusik, die von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung sowie ZDF und ARTE in Auftrag gegeben und von Studenten der Hochschule für Musik Freiburg komponiert wurde.
Sie is - anders. Ich gestehe, daß ich im Bezug auf zeitgenössische Musik nicht sehr abenteuerlich bin - die darauf abzielt, "das historische Filmgeschehen in die Gegenwart zu vermitteln" - und zunächst mußte ich die Lautstärke herunterdrehen, daß es wieder mal (wie bei "Die verlorene Welt") etwas zuviel war. Nach einer Weile hatte ich mich aber daran gewöhnt, schätze ich, oder vielleicht nahm mich der Film so gefangen, daß sie in den Hintergrund trat.
Nun zurück zu meiner Frage - schafft Caligari es, mich zu erschrecken?
Könnte sein, daß erschrecken nicht das richtige Wort ist. Ich fühlte mich unbehaglich und es war ein gruseliges Gefühl und das wird mich eine Weile begleiten. Vielleicht werde ich versuchen, mich zu entscheiden, was ich über das Ende denke oder welche Bedeutung ich dem Film zuschreibe oder vielleicht bleibt mir auch nur das allgemeine Gefühl.
Ich kann das im Moment echt nicht sagen, aber ich weiß, daß ich empfehle, ihn wenigstens einmal anzuschauen, und sei es nur wegen des Einflusses, den er auf Filme danach hatte.
Quellen:
1. Olaf Brill: Caligari und die Folgen - Rezeption und Interpretation eines berühmten Stummfilms. Auf: Kinofenster.de, 3. Februar 2014
2. Rouven Linnarz: Das Cabinet des Dr. Caligari. Auf: film-rezensionen.de, 4. September 2020
3. Stefan Volk: Stummfilmklassiker "Das Cabinet des Dr. Caligari". In: Spiegel, 26.2.2020
4. Lena Krull: Historische Filmkritik: Das Cabinet des Dr. Caligari (1920). Auf: beruf:geschichte, 28. April 2015
5. Roger Ebert: A world slanted at sharp angles. (auf Englisch) Auf: RogerEbert.com, Reviews, June 3, 2009
6. Filmmusik live zu "Das Cabinet des Dr. Caligari". Auf: Hochschule für Musik Freiburg, News, 3. November 2015