Donnerstag, 24. September 2026

Stummfilme - Der Adler

Der Moment mußte ja irgendwann kommen. Ich kann keine Stummfilme anschauen und auf ewig Rudolph Valentino auslassen. Man würde ich vielleicht erwarten, daß ich mit "Der Scheich" anfange (was sein einziger Film war, von dem ich schon gehört hatte, bevor ich dieses Projekt begann), aber stattdessen wählte ich "Der Adler" von 1925, ohne daß ich viel über den einen oder den anderen Film wußte. Schauen wir mal, ob es eine gute Wahl war.


Dies ist die Handlung (mit Spoilern).

Wir steigen direkt damit ein, daß Leutnant Vladimir Doubrovsky von der Kaiserlichen Garde eine außer Kontrolle geratene Kutsche mit einer entzückenden jungen Dame (und ihrer Tante) darin rettet.


Er ist von der Zarin Katharina der Großen beobachtet worden, deren Lieblingspferd er unwissentlich genommen hat. Sie ist mehr als beeindruckt von dem gutaussehenden Leutnant, sie macht sogar Anspielungen darauf, ihn zum General zu machen ... aber das kostet einen Preis, den zu zahlen Vladimir nicht bereit ist.


Er lehnt ab und verdrückt sich, als Katharina hinausgeht, um in etwas Bequemeres zu schlüpfen. Verständlich ... vielleicht. Schlau? Nicht so sehr. Die verschmähte Kaiserin setzt einen Preis auf seinen Kopf aus.
Um alles noch schlimmer zu machen, erfährt er aus einem Brief, daß sein Vater vom neuen Nachbarn Kyrilla um sein Anwesen betrogen worden ist und möchte, daß er an die Zarin appelliert. Schlechtes Timing.
Als er nach Hause kommt und seinen Vater sterbend vorfindet, schwört Vladimir Kyrilla und seinen Nachkommen Rache und wird zum Schwarzen Adler (schaut euch nur diese clevere Maske an).
Eines Tages bringt seine Bande Kyrillas Tochter Mascha mit zurück. Sie ist die junge Dame aus der Kutsche, erkennt ihn aber nicht und läßt ihn wissen, daß "sie in der Regel keinen Umgang mit maskierten Männern pflegt"
. Natürlich läßt er sie laufen.


An der Poststation begegnet Vladimir Monsieur Le Blanc, dem neuen Französischlehrer für Kyrillas Tochter. Er beschließt, sich selber als der neue Lehrer vorzustellen, und gerade als er Kyrilla erstechen will, kommt Mascha herein.
Als sie Hände schütteln, bemerkt Mascha den Siegelring, den sie zuvor am Schwarzen Adler gesehen hat, aber Vladimir meint, er sei von dem Bandit überfallen worden, der ihm den Ring gegeben habe, um ihn an sie weiterzureichen.
Nach einem "kleinen Essen" bittet Vladimir, in seinen Weinkeller zu gehen und eine Flasche zu holen. Es ist ein grausamer Trick, den er Gästen spielt, denn im Keller ist ein angeketteter Bär. Mascha ist empört und geht hinein. Die Kette bricht, der Bär geht auf sie los und Vladimir erschießt ihn.

Die Kamera begann am Ende und wanderte dann
rückwärts die Mitte der langen Tafel entlang,
eine großartige Einstellung!

In der Nacht bemerkt Mascha, wie der Schwarze Adler mit einer Pistole in das Zimmer ihres Vaters geht, und folgt ihm. Obwohl ihr Vater sie beschwört, ihn zu erschießen, sagt sie ihm, er solle gehen.
Ihr Vater macht den "Französischlehrer" zu seinem Leibwächter und Mascha weiß nicht, was sie tun soll, da sie ja weiß, wer er wirklich ist.


Schließlich droht sie ihm an, seine Identität zu verraten, bringt es aber nicht fertig. In der Zwischenzeit haben Kyrillas Kosaken den Stellvertreter des Schwarzen Adlers gefunden, aber bevor er ausgepeitscht wird, gibt Vladimir zu, wer er ist.
Mascha gesteht ihm ihre Liebe und sie entkommen durch einen Geheimgang, geraten aber zwischen die Kosaken der Zarin und Kyrillas, und Vladimir wird gefangengenommen.


Das Todesurteil ist unterzeichnet und Vladimirs letzter Wunsch - Mascha zu heiraten - wird erfüllt.
Die Zarin ist nicht bereit, Vladimir zu verzeihen, obwohl General Kuschka (der Katharinas Vorschlägen
nicht so abgeneigt war wie Vladimir) sie zu überzeugen versucht, daß sie ihn gehen lassen soll. Als sie jedoch von seiner Hinrichtung hört, wird sie von Trauer überwältigt - und als Kuschka sie bittet, den Pass für einen "Monsieur Le Blanc" zu unterschreiben, und sie erfährt, daß die gehörten Schüsse nur eine Demonstration waren, winkt sie dem jungen Paar, das in seine Zukunft fährt, gnädig zu.

General Kuschka, du schlauer alter Fuchs.


Ich wußte wirklich nicht besonders viel über Rudolph Valentino. Ich wußte, daß er in Italien geboren wurde, daß er der erste "Latin Lover" war, daß er eine Menge weiblicher Fans hatte und daß er jung starb, mit nur 31 Jahren (vor 100 Jahren am 23. August). In der Tat war dies einer seiner letzten Filme. Und was hat er für Spaß gemacht!
Nach einer Auszeit von Hollywood und einem Studiowechsel in den frühen 20ern, war "Der Adler" ein Versuch, Valentino zurückzubringen, nicht nur für seine weibliche Fanbasis, sondern auch männliche Zuschauer.

Wir wissen, wie erfolgreich Douglas Fairbanks mit seiner Mischung aus Abenteuer, Stunts und Humor war, und "Der Adler" hat das alles ebenfalls. Ich hatte das Abenteuer und die Stunts erwartet, war aber über die ganzen Schmunzler von Anfang an überrascht.

Vilma Bánky als Mascha und Valentino hatten eine großartige Chemie, auch weil sie nicht einfach das hilflose Dämchen ist, das gerettet werden muß, sondern sich dem Schwarzen Adler auch entgegenstellt. Ich denke, ich muß mir ein paar ihrer anderen Filme anschauen, denn hier hat sie mir wirklich gut gefallen.
Louise Dresser war großartig als Katharina, vor allem in der Szene mit Vladimiar. Diese Szene fand ich besonders witzig, weil sie Valentino auf die andere Seite stellt, er ist nicht der, die die Frau verführt, sondern schockiert darüber, daß sie ihn zu verführen versucht. Seine Blicke waren köstlich.
Das Abenteuer mag nicht viel Neues bieten - denkt an "Robin Hood" oder "Zorro" - ist aber sehr gut gemacht (die einzigen Szenen, die ich nicht mochte, waren die mit dem Bären und das muß ich wohl kaum erklären).
Die Bühnenbilder waren sehr schön und die Kostüme waren großartig!
Ich hatte richtig viel Spaß an dem Film, um mir also selber eine Antwort zu geben - ja, es war eine sehr gute Wahl! (Sorry, Doug, ich liebe dich immer noch.)

Eine Auswahl von witzigen Szenen
1. Das Pferd scheut gerade dann, als Katharina aufsteigen will.
2. Vladimir ist enttäuscht, als er feststellt, daß ihm nicht Mascha zugewinkt hat,
sondern ihre Tante.
3. Katharina versucht, Vladimir betrunken zu machen, aber sie kippen ihren Vodka
beide in Pflanzentöpfe.
4. Als Mascha von der Bande des Schwarzen Adlers entführt wird, versucht ihre
Tante, Cäsar auf sie zu hetzen.
5. Von Maschas Schönheit abgelenkt mahlt Vladimir viel zu viel Pfeffer auf seine Suppe.
6. Mascha denkt, Vladimir versucht, ihren Vater zu erwürgen, aber es war nur eine
Massage für sein Kopfweh (die gewalttätigste, die ich je gesehen habe!).


P.S. Falls ihr übrigens meine Besprechungen von zwei Tonfilmen über Katharina die Große lesen möchtet, könnt ihr sie hier finden: "Die große Zarin oder Die scharlachrote Kaiserin" mit Marlene Dietrich und "Katharina die Große" mit Elisabeth Bergner.


Quellen und weitere Lektüre (überwiegend englischsprachig):

1. Gwenda Young: The Eagle. Essay für A Day of Silents 2023. Auf: San Francisco Silent Film Festival
2. Fritzi Kramer: The Eagle (1925) - A Silent Film Review. Auf: Movies Silently, 4. Februar 2013
3. Lea Stans: Rudolph Valentino - The Man Behind the Image. Auf: Silent-ology, 12. März 2019
4. Dominic Konrad: Rudolph Valentino - Hollywoods erster Herzensbrecher. Auf: SWR. Kultur. Filme und Serien, 20. August 2026


Es tut mir leid, daß meine Quellen meist nur englischsprachig sind, aber mein englischer Blog wird einfach mehr frequentiert und der Zeitaufwand für die Recherche ist oft so groß, daß ich nicht auch noch die Zeit finde, adäquate deutsche Quellen zu suchen. Sollte euch ein Artikel interessieren, gibt es Übersetzungsprogramme, die zumindest einen Eindruck vermitteln können.

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