Sonntag, 15. März 2026

Aus meinem Kinderbuchschrank - Finchen

Letzten Juni habe ich davon erzählt, daß ich ein lebendiges Kasperle haben wollte, als ich fünf Jahre alt war.
Es scheint, ich habe irgendwie Gefallen an lebendigen Puppen, es sei denn, sie heißen Chucky (ich habe den Film nie gesehen).
Lisa-Marie Blum hatte Malerei und Graphik in Berlin studiert, wo sie mit ihrem Ehemann lebte, der ebenfalls Künstler und Graphiker war. Als sie im Krieg alles verloren, zogen sie zurück in Blums Geburtsort und später dann nach Hamburg, wo sie Kinder- und Jugendbuchautorin und -illustratoren wurde, aber auch Lyrik und Prosa veröffentlichte.
Dieses Buch, erstmals 1960 veröffentlicht, erzählt die Geschichte einer liebenswerten lebendigen Puppe, Finchen.



Finchen ist über 70 Jahre alt. Seit fünf Jahren ist sie Inas Puppe, aber davor hat sie ihrer Großmutter Gabriele gehört.
Obwohl sie sich über ihren altmodischen Namen Wilhelmine-Josefine beschwert, sagt ihr Ina, daß an ihr gar nichts altmodisch ist. Sie hat neue Arme, neue Beine, ein neues Kleid, sogar neue Haare, die aussehen wie eine Pusteblume.
Nun ihr Holzkopf mit den leuchtendblauen Augen ist noch alt und kennt so viele Geschichten.

Eine davon handelt davon, wie Gabriele und sie zum Hafen gingen. Als sie sich vornüberlehnte, um die Kombüse eines Fischkutters zu sehen, fiel Finchen auf das Deck, und der Schiffsjunge meinte, Gabriele solle herunterkommen und sie selber zurückholen. Dann zeigte ihr der Fischer alles, als sie dann eilig aufbrechen mußte - wir erfahren später, daß ihr Onkel zu Besuch gekommen ist - hat Gabriele Finchen vergessen und der Schiffsjunge hat sie erst gefunden, als der Kutter schon auf See war.
So hat Finchen den Klabautermann, das gute Schiffsgespenst, kennengelernt. Er gab ihr eine rosa Muschel, die einer anderen Puppe gehörte, "Blauer Mohn", und sagte ihr, daß die sie brauchte, um wieder lebendig zu werden.


Der Fischer schickte Finchen in einem Paket nach Hause, wo - Klabautermänner wissen solche Dinge - Blauer Mohn das Geschenk war, das Gabrieles Onkel ihr aus Südamerika mitgebracht hatte, und tatsächlich fehlte eine Muschel in ihrer Kette.
Finchen wurde jedoch krank, bevor sie die Gelegenheit hatte, ihr die Muschel zu geben, und als es ihr wieder gut ging, war Blauer Mohn weg. Sie war zu jemandem geschickt worden, der sie zeichnen und ein Buch über sie schreiben wollte, um sie dann an ein Museum weiterzugeben.

Also beginnt die Suche nach Blauer Mohn im örtlichen Museum, wo Ina Stefan kennenlernt, der sie einlädt, mit seiner Eisenbahn zu spielen. Bei ihm in der Wohnung treffen sie Nora, die Nichte der Hauswirtin.
Finchen lädt die beiden Kinder nach Hause ein und verspricht, ihnen ebenfalls die Geschichte zu erzählen.
Als sie nach Hause kommen, ist Inas Vater, ein Anthropologe, von seiner Reise nach Südamerika zurückgekehrt und wie es das Schicksal so will, hat er ein Bild des Mädchens Schneeblüte und ihrer Puppe mitgebracht. Es ist Blauer Mohn!
Wenn sie aber in Amerika ist, wie können sie ihr dann die Muschel zurückgeben?

Am nächsten Tag gehen die Kinder zum Fluß und schwimmen in einer kleinen Bucht. Finchen ruht sich unter einem kleinen Zelt aus, das Stefan für sie gemacht hat, als neben ihr plötzlich eine Möwe mit dem Klabautermann auf dem Rücken landet! Er ärgert sich, als er hört, daß Finchen immer noch die Muschel hat, aber zum Glück hat sie sie heimlich mitgebracht.


Der Klabautermann sagt, er wird sie seinem Freund geben, der ebenfalls Anthropologe ist und dorthin reisen wird. Und weil Schiffsgespenster so etwas wissen - hatte ich das schon mal erwähnt? - kann er ihr genau sagen, was geschehen wird, und Finchen kann die Geschichte ihren Freunden weitererzählen.
Wie sein Freund mit einem Kanu auf dem Fluß reisen wird, wie alle in den Dörfern entlang des Flusses schon wissen, daß er Schneeblüte die Muschel bringt. Wie er zum Dorf kommt und eine alte Frau die Muschel an der Kette befestigt und dann ...
"Blauer Mohn fühlt die Muschel, atmet, bewegt den schönen Kopf und hebt ihre Hand dem Fremden entgegen".

Ich liebte diese Stelle als Kind. Es geht nichts über ein glückliches Ende, richtig?
Tatsächlich war das Buch nicht meins. Es gehörte meiner Schwester und ich kaufte mein eigenes Exemplar viele Jahre später auf dem Flohmarkt. Als ich sie fragte, ob sie sich daran erinnerte, wann sie ihres bekommen hatte, schaute sie nach, denn zu der Zeit schrieben wir oft unseren Namen, die Adresse, das Alter, manchmal sogar die Klasse, in der wir waren, in Bücher. Nicht in diesem Fall, da stand nur ihr Name.
Nach einer kurzen Pause fragte sie mich nach den Illustrationen in meinem Exemplar und ich meinte, die wären schwarz-weiß. Ihre nicht.


Sie hatte sich nicht daran erinnert, daß sie die meisten mit Bunt- oder Filzstiften ausgemalt hatte und außerdem, zweifellos des künstlerischen Flairs wegen, auf manchen Bildern noch Muster hinzugefügt hatte, zum Beispiel auf dem Bettzeug oder Kleidern.
Was uns etwas verwirrte war, daß auf ein paar der Bildern Notizen waren, die für uns wie Schulnoten aussahen. Wir haben aber keine Ahnung, was das N. nach der 1 bedeuten könnte.
Das sind die kleinen Überraschungen, die ich an alten Büchern so liebe. Man weiß nie, was man finden wird!

Was mir auch gefiel, war die Verlagsnotiz am Ende.
Sie erklärt, wieviele Leute beteiligt sind, bis ein Kind ein Buch in der Hand hat - Papiermacher, Zeichner, Graphiker, Buchdrucker und Buchhändler, aber auch die Männer (denkt dran, es ist 1960!) von der Post und der Eisenbahn - aber daß nicht alle Namen aufgeführt werden können außer der Autorin und dem Verlag.
Dann werden die Kinder eingeladen, der Autorin unter der Verlagsadresse zu schreiben und ihr zu sagen, was ihnen gefallen hat, aber auch wo sie etwas anders gemacht hätten. Ist es nicht nett, daß sie sie ermutigen, ihre ehrliche Meinung zu sagen?
Sie versprechen auch mehr oder weniger, daß die Autoren zurückschreiben und ein echtes Autogramm mitschicken wird.


Man fragt sich, wiewiele Briefe Lisa-Marie Blum wohl bekommen hat, oder?
Habt ihr schon jemals an eine Autorin oder einen Autor geschrieben?

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